Miez nickte zustimmend und machte sich schleunigst auf den Heimweg, denn es war schon spät geworden.
Der Empfang war kei-^sxeuridlichexr -Dss.. Abendessen war schon mußte mit den Brocken' vorlieb
schalt sie die Mutter, „wer nicht kommt zur ^M?n Zeit, der muß seh'n, was übrig bleibt".
„Wo hast Du Dich den» wieder Herumgetrieben?? knurrte der Vater ärgerlich.
„Ich war mit dem schwarzen Peter vom Dominium zusammen", erzählte Mieze.
„Was, mit diesem Don Juan?" miaute die Mutter, , daß Du Dich mit dem nicht einläßt!"
„Ich soll aber morgen wieder zu der Scheune kommen", greinte Miez.
„Daraus wird nichts", entschied der Vater, „Du bleibst hier oder es giebt Katzenköpfe, daß die Haare nur so fliegen".
Miez verbrachte eine schlaflose Nacht. Sollte sie den Eltern gehorchen? Sollte sie ihr Versprechen brechen? In ihrer Aufregung tappte sie in die Küche und angelte sich eine Wurst aus dem Spetseschrank — sie hatte ja den ganzen Tag nichts Rechtes gegessen . . . Außerdem würde es ja doch heißen, daß die Magd in den Schrank gegangen sei, und der geschah es ganz recht.
Am anderen Morgen merkte Miez, daß sie strenger Aufsicht unterstellt war. Man ließ sie kaum aus der Stube, niemals war sie allein, Vater und Mutter waren immer um sie beschäftigt. Die Magd hielt, mit einem Besenstiel bewaffnet, an der Hofthür Wacht und selbst Elschen blieb in einem Fragen nach der „Miez". Wäre diese belästigende Kontrolle nicht gewesen, würde Miez sich vielleicht gefügt haben, aber so . . . „Nun gerade nicht", dachte sie, „meinetwegen legt Schlösser vor die Thüren, ich rücke doch aus!" Gesagt, gethan. Am Nachmittag spazierte Miez langsam die Bodentreppe hinauf. „Sie geht schlafen", meinte die Mutter beruhigt. Aber Miez dachte gar nicht ans Schlafen. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß man ihrer Spur nicht folgte, zwängte sie sich vor bis zur Bodenluke. Zu der streckte ein Apfelbaum seine Aeste empor. Ein vorsichtiger Anlauf, ein Sprung —, hurrah, Miez erfaßte den einen Ast und steuerte ratternd am Stamm bis zur Erde. Atemlos lauschte sie, verstohlen blickte sie umher . . . Niemand hatte sie bemerkt, die Flucht war ihr glänzend gelungen.
Schmunzelnd trollte sie durch den Garten, schlüpfte durch eine Lücke des Zaunes und war bald in dem Kartoffelacker. Sie schlug genau denselben Weg wie gestern ein. Das junge Rebhuhn jagte sie auf, bas alte kam . . . „Solche Faxen", lachte Miez, „mich macht ihr nicht mehr dumm. Außerdem habe ich heut' besseres zu thun, ich geh' zu meinem Peter".
„Meinem" Peter, — wie stolz da- klang! Aber hatte er ihr denn nicht Versprechungen gemacht? Hatte er ihr nicht rin Liebeslied vormiaut? War der SchlußverS nicht 'bis zu den Tönen emporgestiegen, der Menschen rasend machen kann? Sie war kein Stein, den er zu erweichen brauchte, ein liebebedürftiges Katzenherz schlug in ihrer Brust.
Welch' einen Empfang ihr wohl Peter bereiten würde, — er würde sie auf den Pfoten tragen. Ein Don Juan sollte er sein, Unsinn- sie würde ihn schon zu fesseln verstehen und dann . . . ach, da war ja schon die Scheune! Sie lugte nach der Thür, Peter war nicht da. Sie schlich die Treppe empor: keine Spur von Peter. „Er wird vielleicht nach dem SperltngSnest gekrochen sein", kalkulierte sie, „er will mich mit einem Braten überraschen". Sie erklomm die Letter, die geriet bedenklich inS Rutschen, sodaß sie nur mehr über der Tennenöffaung hing. Draußen war Peter auch nicht. Die jungen Sperlinge saßen ruhig im Nest, er war also h-ut' gar nicht hier gewesen. Ein solches Spätzlein hätte sich Miez ohne weiteres greifen können, aber ihr war jeder Appetit vergangen. Das war also die Treue der Kater . . .,
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um diesen schwarzen Kerl hatte sie die Eltern und Haus und Hof verlassen . . .! Ein Heimatsgefühl überkam sie, nach Hause, nur nach Hause, fort von hier, — ein Sprung zur Tennenöffnung,--mit der linken Schulter streifte sie
die Leiter, die schlug urplötzlich um und ehe Miez sich noch retten konnte, traf die Leiterkante ihren rechten Hinterfuß.
Da hing sie nun, kopfunter und gefangen wie in einer Fuchsfalle. Der schwere Schlag der Leiter hatte sie für Augenblicke betäubt, die scharfe Kante hatte die Knochen zermalmt. Als sie wieder zur Besinnung kam, freute sie sich darüber, daß sie vorläufig Schmerzen nicht verspürte. Vielleicht konnte fie sich retten. Sie strebte nach rechts empor, sie versuchte links einen Halt zu gewinnen, es war vergebens. Die Kante der Leiter lag wie ein Bleigewicht auf ihrem Schenkel, und jede Bewegung verursachte unsägliche Schmerzen. Mieze winselte, kreischte, schrie, heulte, — kein Mensch hörte es.
In dieser qualvollen Lage verbrachte das Tiere eine Nacht, einen Tag . . . ., noch eine Nacht. Ein Tag folgte noch, — Miez hätte gern der Qual ein Ende gemacht, — aber das zähe Katzenleben . . .
Noch eine Nacht . . .
Am anderen Morgen kam die Besitzerin der Scheune und betrachtete staunend das Vieh, das aus die Tenne niederhing. Es war eine Katze, die nur noch schwache Spuren des Lebens zeigte. Miez wurde halbtot nach Hause getragen. Das zerquetschte Bein wurde amputirt. Blond - Elschen übernahm die Pflege der Patientin. Der Tierarzt gab zuerst wenig Hoffnung, aber Miez erholte sich. Sie trank Milch, nahm Semmel, dann Fleisch. Schließlich verließ sie auch ihr Krankenlager, fie stand auf,--mit drei Beinen!
Fräulein Dreifuß wurde fie nun getauft, und diesen Namen führt fie noch heute.
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Inzwischen hat sich Fräulein Dreifuß verheiratet. Sie verfügt auch schon über eine Anzahl Kinder. Es ist ergötzlich anzusehen, wenn Madame ihren Sprößlingen Zucht und Sitte beibringt: dazu gebraucht sie die rechte Vorderpfote und sitzt nur noch auf zwei Beinen!
Vermischtes.
Wie ei« Chinese über unsere Eßweise urteilt. In einem Briefe eines Chinesen — China ist ja jetzt ein hochmoderner Stoff — finden wir eine recht charakteristische Schilderung der Eßweise der Europäer, die dem braven Sohn des himmlichen Reiches Entsetzen einflößt. „Kannst Du Dir", so schreibt der Chinese an einen Landsmann im Innern des Reiches, „ein Volk vorstellen, das Wochen-, ja monatelang ohne einen Lössel Reis lebt? Dagegen machen sie sich gar keine Gewissensbisse, wenn sie das Fleisch von Ochsen essen, die sie in großen Mengen von wilden Schlächtern töten lassen, und dazu essen sie sogar auch Hammels daher kommt es, daß sie alle so feist sind. Sie nehmen allerdings täglich ein Bad, um den Schmeergestank los zu werden, aber das genügt nicht. Und dann bringen sie das Fleisch nicht in Würfelform auf den Tisch, sondern in großen Stücken, die sie mit scharfen Messern zerschneiden, und sie führen es nicht mit Holzstäbchen zum Munde, wie es ein vernünftiges Wesen thun würde, sondern mit kleinen, vierzinkigen Gabeln, so daß man Taschenspieler und Degenschlucker zu sehen glaubt. ES ist wirklich ein Wunder, daß sie sich nicht manchmal in ihrer Hast ein Stück von ihrer großen Nase abschneiden oder sich die Spitzen der Gabel in die Augen jagen. Cs ist schaurig, das mitanzusehen".
Redaktion: S Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'ichrn Universitiits-B-ch und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Meßen.


