Ausgabe 
19.1.1899
 
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Sie sah starr vor sich hin.Sie haben recht, ich tauge in keine Dienstbarkeit."

Er lächelte- sie gefiel ihm. Was dachte sich nun schließlich solch ein Kindskopf. Von der Welt kannte sie noch nichts; als Waffen und Hilfsmittel hatte sie nur ihre Schönheit und ihre Weiberschlauheit, und die Lebenslust, die Sehnsucht nach Lebensgenuß guckte zu jedem Spalt heraus. Konnte solch ein Geschöpf je das Liebäugeln lassen und einen kühlen Kopf behalten, wie es im Kampf ums Dasein un­erläßlich war?

Es war eigentlich komisch, daß er in seinem Leben noch nicht härter geworden war, daß ihn immer noch das Mitleid packte. Was ging ihn die verlassene Geliebte seines Bruders an? Denn eine Verlassene nannte auch er sie, Albert traute er nach seinem gestrigen Benehmen gar keine ehrliche Absicht mehr zu.

Also keine Dienstbarkeit," nahm er das Gespräch wieder auf,aber doch Arbeit. Denn auf eine andere Macht"

Er vollendete nicht, sie blitzte ihn mit ihren zornsprühenden Augen an und erhob sich von ihrem Sitz.

Er lachte laut, beinahe fröhlich.Nicht weglaufen," sagte er in dem Ton eines, der zu befehlen gewohnt ist. Ich weiß jetzt ungefähr Bescheid, und einen der Ihre Lage, und Ihr Temperament besser versteht, finden Sie fürs erste nicht. Ist auch, denke ich, gar nicht nötig. Also beleuchten wir einmal die Dinge."

Sie hatte sich wirklich gehorsam wieder gesetzt, ihr war auch noch so elend und schwindelig, daß sie der Ruhe be­durfte.Ich habe mein musikalisches Talent," sagte sie, und muß mir damit eine Existenz gründen. Dazu muß ich nach Leipzig oder auf ein anderes Konservatorium gehen und studieren. Freilich, Geld brauche ich für den Anfang, und das habe ich nicht. Die Eltern können mich nicht unterstützen, und ich will auch vom Vater und seiner einseitigen Tyrannei frei sein."

So so richtig, an die Musik dachte ich gar nicht. So geht eS einem mit euch Weibern, ihr blendet immer mit dem Aeußern und allmählich erst kommt man an das, was drin steckt. Nun, da fehlt Dir ja nur recht wenig Geld pah! Das dumme Geld freilich für den, der es sucht, findet es sich zuweilen schwer, nur für den, der es verachtet, liegt es auf der Straße."

Er fiel wieder in das formlose Du, schien es so gewohnt zu sein, aber sie fühlte mit ihrem feinen Empfinden, daß es bet ihm immer herauskam, wenn er warm wurde, und keine Geringschätzung bekunden sollte. Sie beachtete es nicht.

Ja, ich brauche Geld, und ich werde es finden, weil ich diesen Weg gehen muß," sagte sie fest,wenn mein Kopf nur erst klarer ist und diese Mattigkeit der Seele und des Körpers überwunden. Aber ich will frei sein und bleiben," setzte sie hinzu,keine Verpflichtungen, keine Fesseln."

Er lächelte wieder.Ei! Ei! Also keine Verpflichtungen. Na, natürlich denken Sie daran, daß ich Ihnen das Geld am ehesten vorstrecken kann."

Ihr bleiches Gesicht überzog sich Plötzlich mit purpurner Glut. Sie sah ihn erschrocken an. Natürlich erschien ihre ganze Rede als kluge Berechnung, und sie hatte wirklich nicht an seine Hilfe gedacht. Reiche Familien, denen sie Stunden gab, freundliche Gönnerinnen waren vor ihrem Geist aufge­stiegen, von denen sie vielleicht ein Darlehen für solchen Zweck erzielte, ihm hatte sie sich nicht so nahe gefühlt.

Er verstand es, in den Physiognomien zu lesen, und er las in der ihren. Er beugte sich zu ihr nieder und redete jetzt ernsthaft. Sie sollte frei bleiben, von ihm konnte sie die Hilfe annehmen, die ihr ja doch von irgendjemand werden mußte, denn er hatte ja beinahe Verpflichtungen gegen sie. Er be­nahm sich, als sei er ihr Vater oder ein sehr guter Freund. Er gestaltete den ganzen Plan in seinem erfahrenen Kopf, und ihr wurde so ruhig zu Mut, als sei nun Friede einge­

kehrt, und alles, was die Zukunft an Kampf und Not füv sie noch barg, sch?« überwunden.

Als sie sich trennten, unten in der Weidenallee, war ihr Schritt wieder leicht und elastisch und ihr Entschluß ge­faßt. Los von hier, von der ganzen Vergangenheit, auch vom Elternhaus. Der Vater durfte ihr nicht dreinreden in das neue Leben, auch nicht in ihr Studium, sie kannte ihn. Kein Schatten eines Makels sollte ihr folgen auf der neuen Bahn, Hans von Trott war auch Mr. White geworden, und Mr. White hatte Beziehungen in der halben Welt. Er hatte ihr versprechen müssen, sie unter fremdem Namen einzuführen, wo seine Empfehlung ihr zuerst die Wege bahnen sollte. Und dann war sie frei, angewiesen auf ihre Kraft, auf ihren Fleiß und mußte sehen, wie weit der sie trug.

Sie war eine andere, als sie die Treppen zu ihrer elterlichen Wohnung wieder hinaufstieg. Die müde Lähmung war aus ihren Gliedern gewichen, aber auch alle weichen und warmen Regungen aus ihrer Seele. Trotzig, verbittert malte sie sich das neue Leben mit keiner rosigen Farbe. Aber es war gleich, es gab für sie kein Schwanken, der Weg nach eigener Wahl mußte eher zu ertragen sein als die Hölle, die ihrer hier wartete, wenn sie blieb.

Die Mutter spähte schon angstvoll nach ihr aus, dieses Sorgenkind ließ sie nie zur Ruhe kommen.

Mathilde drückte ihr stumm die Hand. Auch für die Mutter war es bester, wenn sie ging. War der erste Schmerz über­wunden, wurde ihr das tägliche Einerlei nicht mehr unter­brochen durch Scenen und Aufregungen, wie sie sie mit ihrer den Verhältnissen widerstrebenden Natur unter den Ihren schuf.

Der Vater war ausgegangen, und die Mutter deutete ihr an, daß es besser sein möge für beide Teile, wenn sie sich eine Weile aus dem Wege gingen. Mathilde atmete auf, das erleichterte ihr Vorhaben. Vor der Mutter, der Vielbeschäftigten, konnte sie mancherlei verbergen, und so betrieb sie in der Stille ihre Vorbereitungen.

Mr. White sie nannte ihn jetzt, selbst in ihren Gedanken, nur bei seinem angenommenem Namen hatte ihr eine Summe Geldes eingehändigt, die für ihre nötigsten Ausgaben reichte. Sie hatte sie angenommen, in der Zu­versicht, in einigen Jahren schon ihre Schuld wieder abtragen zu können.

Sie waren eine gewiffe Selbständigkeit und an viel Heimlichkeit gewöhnt, hatte schon lange andere Neigungen und Bedürfnisse gehabt als die Ihren, so ging sie auch jetzt praktisch zu Werke. Sie packte nur das Nötigste und Brauch­barste aus ihrer Garderobe in ein Köfferchen, das sie auf Ferienreisen zu benützen pflegte und in ihrer Kammer, die sie, gottlob! für sich allein hatte, verbarg. Das übrige konnte sie sich in Leipzig kaufen, je nach Bedarf, sobald sie sich dort ein Unterkommen gesucht. Pensionen gab es in jeder großen Stadt, sie wollte sehr vorsichtig in ihrer Wahl sein und von vorn herein ihre Stellung solide aufbauen, mit weisen, aber nicht zu kümmerlichen Einschränkungen. Sie war ja frei. Und so verließ sie denn ihr Elternhaus, heimlich, ohne Ab­schied, am Abend des dritten Tages nach dem Zusammenbruch ihres erträumten Glückes. Eltern und Geschwister waren schon zur Ruhe gegangen, es war spät, sie benützte den Nachtzug. Ein Briefchen an die Mutter verbarg sie in deren Arbeitskorb. Sie hatte deren Mahnen, sich für einen wenigstens zeitweiligen Aufenthalt bei der Tante zu ent­schließen, ausweichend beantwortet und um Bedenkzeit gebeten.

Jetzt schrieb sie ihr:

Ich bin gegangen, aber nicht in die Sklaverei zur Tante, sondern auf meinen eigenen freien Weg. Forscht nicht nach mir, sondern laßt mich, Dir gelobe ich, ich halte mich auf ehrlichen Pfaden, und strebe in die Höhe, nicht in die Tiefe. Aber ich muß los von Euch, besonders vom Vater, dem ich seine Worte nicht vergeben kann. Was er in mir sieht, muß er ja verstoßen, nnd so habe ich mich selbst verstoßen. Du, gräme Dich nicht und sorge Dich nicht zu schwer um mich. Ich habe Müttel für die