Nachdruck verboten.
Gesühnte Schuld.
Roman von Alexander Römer.
(Fortsetzung.)
Die Frühlingssonne schien hell ins Zimmer, als Mathilde aus ihrem schweren Schlaf erwachte zu dem neuen Tag, dem neuen Leben, das vor ihr lag. Sie stand taumelnd auf, von einem jähen Schwindel erfaßt, sodaß sie sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte. Heute galt es, Entschlüsse zu fassen — zerbrochen lag alles hinter ihr, was sie in selige Hoffnungen gewiegt hatte. Albert! Der Schmerz um den Geliebten, an den sie doch nicht nur der Ehrgeiz gekettet hatte, wollte heraufquellen, sie drängte ihn gewaltsam zurück. Sentimentales Liebessehnen einer Verlassenen sollte sie nicht hemmen auf ihrem Wege — sie sah sein fröhliches Gesicht wieder vor sich, als er in tändelndem Spiel der andern huldigte, der Ebenbürtigen, bei der ihm alles bequem lag. Wenn er dazu fähig war in einer Stunde, wo er sie in qualvoll peinlicher Lager seiner wartend wußte, dann hatte er sie nie wirklich geliebt. Also — ein Strich unter die große, große Thorheit.
Sie kleidete sich langsam an, ihre Bewegungen, ihre Glieder waren heute so schlaff, sie freute sich, daß niemand kam, nach ihr zu sehen. Die Mutter war da gewesen und hatte ihr Milch und ein Brötchen hingestellt,- man nahm es als selbstverständlich an, daß sie allein blieb.
Ihr Mund verzog sich bitter, und doch hatte es die Mutter gut gemeint und ihr wirklich eine Wohlthat erwiesen. Wenn sie nur nicht so müde wäre heute morgen, was sollte werden? Sie trank die Milch und aß ein Paar Bissen, dann nahm sie Hut und Jacke und schlich sich hinaus, unbemerkt, die Treppen hinunter ins Freie.
Ach, wie das wohl that, die Luft draußen. Ein scharfer, herber Frühlingsodem wehte in derselben, den sie gierig einsog. Sie ging vorwärts, aufs Geratewohl — ohne Ziel und Zweck, und instinktiv richtete sie ihre Schritte aus den
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m sich greift der Mensch, nicht darf man ihn der eig'nen Mäßigung vertrau'». Ihn hält in Schranken nur das deutliche Gesetz und der Gebräuche tiefgetret'ne Spur-
Schiller.
belebten Straßen heraus einer einsamen Gegend zu. Sie durcheilte die Promenadenanlagen, die Wiese dahinter, in der frühen Morgenstunde und bei dem kalten Wetter war es da noch leer, und überschritt die kleine Brücke, welche zu einer Weidenallee, die sich an einem Graben entlang zog, führte. Hier war es ganz still. Der Weg trug einen melancholischen Charakter, die verkrüppelten Weiden hingen über das rrübe, rasch und lautlos hinfließende Wasser, daS einem Wehr zueilte, wo es rauschend niederstürzte. Der Ort war verrufen, weil in jüngster Zeit zahlreiche Lebensmüde ihn gewählt hatten, um in dem wirbelnden Strudel ihre verfehlte Existenz auszulöschen. Sie dachte nicht daran heute morgen, sie hatte gedankenlos diesen Pfad gewählt. Jetzt, als das Brausen und Tosen an ihr Ohr schlug, und sie die weißen Schaummasstn da hinunterstürzen sah, fiel ihr das ein und sie schauderte. In Gedanken versunken stand sie dicht am Rande, der aufsprühende Gischt netzte ihre Wange.
Da fuhr sie plötzlich zusammen, und hätte nicht ein starker Arm sie kräftig gepackt, so wäre wirklich Gefahr gewesen, daß sie erschreckend da hinunter stürzte. Sie wandte sich jäh um und sah in Hans von Trotts Gesicht.
Ec hatte sie ein paar Schritte vom Rande zurückgerissen, und seine Züge waren finster, fast verächtlich.
„Na," sagte er kurz, „was sollt'S?"
Sie verstand, was er meinte, und kräuselte bitter ihre Lippen.
„Sie irren sich," entgegnete sie stolz. „Ein Mann, wie Ihr Bruder, treibt mich nicht zu Selbstmordgedanken."
„Brav!" rief er laut und herzlich und zog sie zu der Bank, die unter der Weide am Wege stand. „So sind Sie in der rechten Verfassung. Der Himmel hat es wohl gewollt, daß wir uns treffen sollten, denn hier suchte ich Sie allerdings nicht."
Er sah sie prüfend von der Seite an. Der gestrige Tag und diese Nacht hatten ihre Spuren in das hübsche, junge Gesicht gegraben, ja, so ein Mädchen war doch noch schlimmer daran als ein Mann. Sein gefurchtes Gesicht trug heute morgen einen sehr gutmütigen Ausdruck. Mitleidig sah er auf sie herab. Sie sah schweigend vor sich hin und zeichnete mit ihrem Schirm Figuren in den Sand.
„Sie ringen mit Entschlüssen," sagte er langsam, „was wollen Sie thun?"
Sie erhob den Kopf: „Ich will fort von hier."
Er nickte. „Gut, mag das beste sein, aber wohin? In irgend eine Dienstbarkeit? Ich fürchte, Sie laufen da bald davon."


