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Moden-ericht.
Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmanufaktur, Dresden-H.
Reichhaltiges Modenalbum ä 50 Pfg. daselbst erhältlich.
Es giebt pessimistisch angehauchte Menschen, welche an allem immer nur das Häßliche, das Fehlerhafte sehen und dabei das Gute entweder ganz übersehen, oder es nicht zur Geltung kommen lassen. Besonders die arme Mode wird in dieser Beziehung oft arg mitgenommen. Mode- thorheiten und Modenarren giebt es überall und jederzeit, und nach diesen wird zumeist geurteilt. Demgegenüber stehen jedoch auch genügend vernünftige Menschen, denen die Mode nur Mittel zum Zweck ist und nicht Zweck allein, und für diese werden die Modenarrheiten wohl ebensowenig dasein, wie Narrheiten überhaupt. Dies hindert jedoch nicht, daß sie gleichfalls sorgfältig auf ihr Aeußercs bedacht sind; das wird unter allen Umständen von jedem gebildeten Menschen gefordert. Dabei kommt es denn mitunter vor, daß man mit der Mode in Kollision gerät, denn manche unvernünftige Damenmode ist, dank dem Eifer ihrer Anhängerinnen, so volkstümlich geworden, daß man sie nur schwer ganz umgehen kann, will man nicht aufsallen und unmodern erscheinen. Da heißt es denn geschickt manöverieren, um trotz allem seinen Grundsätzen treu zu bleiben. Für gewöhnlich ist dies, jedoch kaum nötig, denn die Mode- und Kleiderformen werden nach ihrem ersten Erscheinen schon selbst vom großen Publikum so gestaltet und znrechkgestutzt, daß das Absurde und Thörichte eben nur für die oben erwähnten Modedamen übrig bleibt, welche um jeden Preis auffallen wollen. Speziell von der jetzigen Mode darf gesagt werden, daß sie vieles Hübsche nnd Vernünftige zeitigt, und kann man deshalb wohl auch leicht über ihre mancherlei Auswüchse Hinwegsehen.
Einer ihrer größten Fehler und zugleich am meisten verurteilt sind die geforderten schlanken Hüften. Was ist nicht schon hierüber gescholten worden! Betrachten wir uns dies
Nebel jedoch näher, so ist es garnicht so schlimm, als es für den ersten Augenblick den Anschein hat; denn der ganze Witz liegt hierbei darin, daß der Rock, sowie sämtliche Unterkleider um die Hüften tadellos sitzen müssen, was felbstredend weder durch Schnüren noch durch Zerren, sondern einzig und allein durch vorzüglichen Schnitt und sogfältige Arbeit erreicht werden kann. Ist das mut ein so großer Fehler? Biele werden dazn bemerken, daß die Enge, besonders hinten, ganz übertrieben sei. Darauf muß ich antworten, daß diese übertriebene Enge eben zu jenen Modethorheiten gehört, welche vernünftige Menschen nicht mitmachen, und daß gerade diese obere Enge durch einen guten Schnitt so reguliert werden kann, daß sie sich nur auf die Partie direkt unter dem Rockbunde bezieht, während ungefähr 5 bis 10 Zentimeter unterhalb des Rockbundes die idealsten, sich nach unten erweiternden Tütcn- falten beginnen können. Was dabei nun gesundheitschädlich ist, ist mir unverständlich; denn niemand wird wohl im Ernst behaupten, daß es möglich wäre, die Hüften zusammen zu schnüren. Daß man dieser Modeform zufolge den Korsetts einen etwas anderen Schnitt giebt als früher, ist natürlich; denn man hält sie jetzt über dem Magen ganz ohne jede Einbiegung und im Ganzen etwas länger, damit sich der Rock nicht so leicht zusammenschieben kann; und diese Korsettform ist gesundheitlich entschieden den früheren vorzuziehen, wenn bei einem Korsett von gesunden Formen überhaupt die Rede sein
kann. Nr. 164.
j Betrachten wir die moderne Taillensorm genauer. Was haben an ihr die Uebeldeuter nicht alles zu tadeln. Bald ist sie zu eng, bald ist sie zu überladen, bald gefällt ihnen die Form im allgemeinen nicht. Und doch, hat cs wohl je eine zahmere und zugleich vielseitigere Mode gegeben als unsere derzeitigen Taillenformen? Allen bringt sie etwas, sodaß jedem Geschmack Rechnung getragen ist. Dem Freund des Knappen, Tadellosen bringt sie knapp anliegende Taillen, ist dieser zugleich für das Bequeme und gesundheitlich Zweckmäßigste, so bietet sie die Jäckchenformen in ungezählten Variationen. Will sich
Nr. 163. gespöttelt, geschrieben und
jemand ohne direkte Hilfsmittel etwas vollkommener machen, als ihm Mutter Natur geschaffen, so findet man in den Blusenformen so reichliche Auswahl, daß auch den anspruchsvollsten Anforderungen genügt werden kann. Dabei, welche Zierlichkeit der Garnitnr, welche Vielseitigkeit; wie viel Geschmack offenbart sich an den nenen Modellen. Die Ausführung der heutigen Damenmode ist so gut durchdacht und der Geschmack so verfeinert, daß man sich fast Mühe geben muß, um direkt geschmacklos zu erscheinen. So hat man z. B. für die Straße zu jenen schönen, weichsallendcn Tuchstoffen die Sleppereiverzierung als diskrete und zugleich äußerst ornamental wirkende Ausstattung, welche bis zu wirklichen künstlerischen Leistungen verfeinert werden kann, aber anch schon in ihrer einfachsten Ausführung, wie z. B. als Kamenumrandung, elegant wirkt.
Für Haus- und Besuchskleider, (nur meinen damit solche von leichteren Stoffen), ersetzt man die Steppereien durch die verschiedensten Bortcnbesätze, welche wie jene von der einfachsten Umrandung und Arabeske bis zur künstlerischen Zeichnung ausgeführt werden können. Für höhere Ansprüche sind jene Applikationen nnd direkt in den Stoff eingearbeiteten Garnituren bestimmt, welche mehr und mehr den Grad der Vollkommenheit zeigen, den man jetzt von jedem Ding erwartet, und bei wem der Geldpunkt keine Rolle spielt, der kann sich mit Hilfe der Applikationen eine wirklich ideale Toilette verschaffen.
Doch auch weniger mit irdischen Gütern gesegneten Menlchenkindern ermöglicht es die jetzige Mode sich chik und geschmackvoll zu kleiden. Dies beweisen schon die folgenden, einfachen Modelle, zu denen die bequem zu handhabenden fertigen Schnitte jederzeit erhältlich sind. Dieselben erleichtern das Selbstschneidern ungemein, und sind diese Modelle außerdem in ihren Formen und Ausstattungen stets so gewählt, daß sie auch den einfachsten Geschmack nicht verletzen, während ihre tadellose Schnittform sie auch den größten Ansprüchen genügen läßt.
Ist es z. B. nicht allerliebst, das einfache Modell Nr. 163? Aus glattem, dunkellila Tuch bestehend, ist es in ersichtlicher Weise mit dem vorstehend erwähnten Borten ausgestattet. Umlegekragen und Latz sind in gleicher Farbe, nur ein wenig heller gehalten.
Als Beweis für die Wahrheit unserer Ausführungen bezüglich der Stepperei- Verzierung möge Modell Nr. 164, ein reizendes Jäckchenkleid aus dunkelblauem Tuch, dienen.
Mit Modell Nr. 165 findet die Blusenmode ihre Rechnung, denn so einfach das für junge Mädchen bestimmte, dunkelgrüne, mit altgold- farbigem Latz ausgeftattete Kleidchen auch fein mag, so kann ihm doch sicher niemand Mangel an Eleganz nachsagen. Zudem läßt sich auch durch reicheren Besatz hier, wie auch bei den anderen Modellen die Eleganz bedeutend erhöhen.
Sie sehen also, werte Leserin, die Mode ist genau betrachtet, nicht so schlimm, als manche Schwarzseher sie hinstellen möchten, und wenn man nur mit ein wenig gutem Willen ihre Ideen verfolgt, wird man an ihr manches Gute entdecken, was man bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht nicht finden kann.
Nr. 165.
Literarisches.
Die Sorge mancher sorgfältig rechnenden Hausfrau ist es, die Ausgaben für Garderobe so sehr wie möglich einzuschränkcn und dennoch im Aeußeren nicht den Eindruck des Gefälligen und Adretten vermissen zu lassen. Wer sich mit billiger Bazarware kleidet, spart nur scheinbar, denn die rasche Abnutzung dieser Garderobe macht baldige Neuanschaffung notwendig. Wer aber im Haus einen ordentlichen Stoff selbst verarbeitet, wird nicht nur ein billiges, solides und geschmackvolles Kleid erhalten, sondern außerdem ein gut paffendes, wenn er sich dazu der so praktischen fertigen Schnitte der Internationalen Schnitt« Manufaktur. Dresden bedient. Die Schnitte, jeweils mit Bild und Anleitung versehens sind ungemein leicht zu verwenden, sodaß es eine Freude ist, danach zu arbeiten. Alle Kostüm-Gattungen bis zu den elegantesten, — auch für Knaben und Mädchen— find daselbst erhältlich, und bewirkt man die Auswahl nach einem reichhaltigen Moden-Album und Schnittmusterbuch, welches zum Preise von 50 Pfennig von der Schnittmanufaktur zu beziehen ist.
Humoristisches.
O weh! „Ich bin ein großer Freund des Wassersportes, gnädige Frau, nnd Gottlob, läßt sich dieses Vergnügen mit meinem Beruf vereinigen!" — „Ja, mein Mann sagte mir schon, Sie seien Wein- Händler!"
Rebaftion: P. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


