Er fühlte schon die Glieder erstarren. Vom anderen Ufer drang stürmischer Zuruf.
Er drückte das Kind, dessen Aermchen seinen Hals umklammerten, fest an sich. Es fühlte inmitten der Eiseskälte sein pöchendes Herz.
Ein Kahn kam ihm entgegen. Arme streckten sich nach ihm aus. Es war ihm, als ob er mit seinem Schatze ihnen entfliehen müsse an das Ufer.
Doch schon fühlte er sich erfaßt, in den Kahn gezogen, seine Hände geschüttelt.
„Bravo!" „Braver Mann!" „Respekt!"
Als jemand das Kind ihm abnehmen wollte, da schloß er fest die Arme um dasselbe und wandte sich ab. — Das Ufer war erreicht.
Eine Menschenmenge hatte sich gesammelt, umdrängte den Aussteigenden, ihn bewundernd, lobend.
Ein Weib wollte das Kind in Holaus' Armen erkennen und kreischte durch die Nacht,- „Das ist ja die Mariele, der Fichtner ihr Mariele! Alle Heiligen, das Ftchtner-Mariele."
Er hatte noch kein Wort gesprochen, die Zähne aufeinander gepreßt, vom Frost geschüttelt, spähte er nur nach einer Lücke, durch welche er entrinnen konnte. Da blitzte ein Helm auf, ein Polizist trat vor." „Donnerwetter, Sie sind's!"
Er war der Wachtmeister Opel, welcher sich von dem kreischenden Weibe nähere Auskunft holte. Holaus empfand bei seinem Anblick die erste Genugthuung. Als aber dieser Miene machte, das in ein zerlumptes Tuch gewickelte Kind ihm abzunehmen, um es vorschriftsmäßig auf die Polizetstation zu bringen, da weigerte er sich entschieden. Er allein habe jetzt über das Kind zu verfügen, und er wolle es mit nach Hause nehmen.
Die Leute ringsum nahmen energisch für ihn gegen den Polizisten Partei trotz aller vernünftigen Einwände desselben.
Zuletzt mußt Holaus seiner Aufforderung, mit ihm auf die Polizei zu kommen, wo alles weitere sich wohl ordnen laffe, Nachkommen.
Man warf ihm trockene Kleider zu, begleitete ihn jubelnd Lis an die Droschke, welche der Wachtmeister herbeigeholt.
(Fortsetzung folgt.)
Wie sollen wir arbeiten?*)
-------. (Nachdruck verboten.)
Auch die Arbeit hat ihre Hygiene und auch hier kommt viel auf das Wie, überhaupt auf die gesamte Art und Weise an.
Ueber die Kunst, Zett zu haben und auch die Arbeit hinsichtlich Dauer, Lust und Mäßigkeit gesundheitsgemäß einzurichten, hat Profeffor Hilty in seinem Büchlein über das Glück folgende Regeln aufgestellt:
1. Gewöhne dich an regelmäßige Arbeitszeit mit bestimmten Tages- (nicht Nacht-) Stunden und sechs Arbeitstagen, weder fünf noch sieben (Sonntagsruhe!).
2. Lege dir in deinem Berufe bestimmte Arbeitspflichten auf.
3. Nach angestrengter Arbeit gönne dir auch völlige Ruhe, um erfrischt von neuem zu beginnen.
4. Mache keine langen Vorbereitungen mit Zeit, Platz, Lust und Stimmung. Das Allererste ist, anfangen zu können. Der Entschluß, sich zu einer Arbeit hinzusetzen, seinen Geist auf die Sache zu richten, ist im Grunde das Allerschwerste. Hat man erst Werkzeug oder Feder in der Hand und den ersten Strich gethan, so ist die Sache schon um vieles leichter geworden.
5. Nütze auch die kleinen Arbeitspausen, die Vtertel- und Halbstunden gut aus, vertändele sie'nicht.
*) Aus dem sehr empfehlenswerten Buche: „Michaelis, Grundzüge einer allgemeinen Hygiene," Preis Mk. 2,—, Verlag von Hugo Ber- mühler, Berlin.
6. Suche Abwechselung in der Arbeit, da sie den Geist lebendig erhält.
7. Mache alles gleich recht, nicht blos vorläufig oder provisorisch.
8. Verbanne alles Unnütze aus deinem Leben! Was dazu gehört, wirst du bei ernsthafter Prüfung deiner eigenen täglichen Lebensbedürfnisse dir selbst sagen können.
Dem fügen wir nur noch die bekannten Worte hinzu: Arbeit macht das Leben süß!
und
Müßiggang ist aller Laster Anfang!
Vermischtes.
Ziegenhainer. So nannte man ehedem eine sehr beliebte Sorte von Gehstöcken, die zurück auf das Jahr 1798 datieren, also seit 100 Jahren bekannt sind. Die ersten „Ziegenhainer" fertigte Ernst Gottfried Gundermann an, und zwar veranlaßte ihn ein sogenannter „Rührstecken" ans demHolze des Kornelius-Kirschbaums (Cornus mascula), womit er die glimmenden Holzstücke im Brauhaushofe zu Ziegenhain aufrührte, dazu. Durch das Aufrühren war die Rinde verkohlt und löste sich nach und nach ab, wodurch die schöne, buntscheckige Färbung, welche dem Ziegenhainer Stocke eigen ist, hervortrat. Ansangs wurden die Stöcke einzeln und daun in Bündeln im Ofen des Ziegenhainer Gemeindebrauhauses gebrannt, dann im Wasser von der gebrannten Rinde gereinigt und später, sosern es nötig, gerade gebogen. Den Schluß der Fertigstellung bildete das Adreiben mit einem Oellappen. Politur im heutigen Sinne kannte man noch nicht. Die schönsten Exemplare des Cornus waren die auf magerem Boden erwachsenen, die infolge dessen einen engen Knotensatz aufwiesen. Auch durften die Stöcke nicht geschnitten werden, sobald sich das Holz im vollen Sastandrang befand, und die Rinde mußte vor dem Brennen vollständig ausgetrocknet sein. — Die Blütezeit des Handels mit Ziegenhainer Stöcken fiel in die Zeit von 1813 bis 1817. Der letzte Verfertiger von Ziegenhainer Stöcken, welcher diese Herstellung noch gewerbsmäßig int Ort Ziegenhain selbst betrieb, war Wilhelm Helbig. Derselbe starb im Jahre 1871, und seit dieser Zeit brennt nur dieser oder jener noch für seinen Bedarf. Indes ist die Anfertigung von Ziegenhainer Stöcken ein blühender Industriezweig geworden, und wenn auch Ziegenhain selbst keinen Versand mehr aufweisen kann, so versendet doch beispielsweise die Nachbarstadt Bürgel jährlich tausende von Dutzenden dieser Stöcke nach allen Himmelsrichtungen. In Wagenladungen führt man die rohen Stöcke ans Ungarn und Galizien ein, weil die einheimischen Bestände den Bedarf nicht decken, freilich ist der zähe Cornus nur in einem Bruchteil darunter vorhanden; denn durch ein anderes Verfahren, wie das ursprüngliche, ist man jetzt in der Lage, alle anderen Hölzer zu brennen und sie zur Stockfabrikation zu verwenden. Für Ziegenhain ist von der Industrie nur das geblieben, daß es durch den „Ziegenhainer" weltbekannt geworden ist.
Eine sehr anschauliche Schilderung der Unterschiede in den Zuständen in Europa und in den Bereinigten Staaten giebt ein französischer Ingenieur, von dessen Aeußernngen das Internationale Patentbureau Carl Fr. Reichelt, Berlin NW. 6 folgendes mitteilt: Das Bemerkenswerteste in Amerika ist die geringe Bevormundung des Amerikaners durch seine Behörden. Der Industrielle hat niemand um Erlaubnis zu fragen, wenn er bauen ober Neuerungen einführen will. Eine große Fabrik wurde in drei Monaten fix und fertig aufgebaut; in Frankreich bemerkt der Verfasser — ebenso in Deutschland würden 1 bis 2 Jahre nötig sein, um die Konzession für alle nötigen Anlagen erlangen zu können. Man schreibt und lieft darüber wenig, thnt dafür aber um so mehr. Daher kleine Bureaus und geringes Verwaltungspersonal, selbst bei den größten Gesellschaften. In Amerika wird sehr viel gereift; die Verkehrseirtrichtungen sind infolgedessen nahezu vollkommen. Man hört selten Streit auf der Straße, zwischen Publikum und Beamten, der Polizei re.; man sieht nur selten Vorschriften angeschlagen, aber es giebt gewisse ungeschriebene Regeln, denen sich jeder selbstverständlich fügt. Für manche europäischen Ansichten hat der Amerikaner nur ein mitleidiges Lächeln. So schont er seine Maschinen nicht, um sie länger zu behalten, sondern er läßt sie stets mit aller Kraft arbeiten, um in der kürzesten Zeit eine möglichst große Leistung aus ihnen herauszuschlagen. Er weiß, daß billige Sachen gewöhnlich schlecht sind. Daher haben manche großen Geschäfte schon begonnen, ihre Waren als besonders teuer, aber dafür auch extra gut anzupreisen. In Bezug auf Handarbeit kennt man drüben keine Sparsamkeit, nur die besten Arbeiter werden engagiert und entsprechend hoch bezahlt und dafür unt so viel mehr und um so bessere Arbeit erzielt.
Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Selbst ist der beste Bete.


