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„Sie glaubten wohl, daß ich die Unverschämtheit hätte, hier auf dieser vornehmen Brücke — "
Der junge Mann machte eine bezeichnende Bewegung mit der Hand gegen den Fluß — und von neuem gellte sein Lachen.
„Sie sind krank, mein Herr," meinte der Wachtmeister.
„Ist das ein Verbrechen? Kümmert Sie daS?" erwiderte der junge Mann, sichtlich taumelnd.
„Ich werde Ihnen eine Droschke holen," fuhr Opel fort, an solche Erwiderung gewöhnt.
„Eine Droschke!"
Der junge Mann lachte von neuem auf. Diesmal klang eS wenigstens natürlicher.
„Donnerwetter, geben Sie es nobel. Na, ein Maler sind Sie mal nicht." Er kicherte und schüttelte schwankend das Haupt.
„Eine Droschke! Holaus und eine Droschke!"
Opel beruhigte sich. Der Mann war einfach betrunken. Er gehörte trotz seines verwahrlosten Aeußern sichtlich den befleren Ständen cm; da wickelt man sich am bestenKim guten heraus.
„Hören Sie, Herr — Herr Polizei —" fuhr der junge Mann lallend fort, „ich rate, holen Sie kei — keine Droschke. ES ging' auf Ihre Kosten, und wenn Sie auch kein Maler sind, - so
Plötzlich wischte er mit der Hand über das bleiche Antlitz und streckte sich gerade.
„Beruhigen Sie sich, es geht ganz gut--Sie
haben ja ganz recht gehabt, es ist auch — ich wohne nämlich am Quai unten — Gute Nacht!"
Der junge Mann schritt kerzengerade an dem Wachtmeister vorbei und bog nach rechts die breiten Steinstufen hinab, welche in den dem Strome folgenden Park hinabführten.
Opel sah ihm lange nach.W
„Ein ganz besonderer Vogel das! Schad' darum," Er war gewohnt, mit einem Achselzucken solche Eindrücke sich vom Halse zu schaffen. Es ging nicht anders in seinem Berufe.
Dann ging er gemessenen Schrittes über die Brücke und bog rechts ab in das sogenannte Wasserviertel, ein altes Winkelwerk, welches dem neuen Quai nur schrittweise wich.
Den jungen Mann im Radmantel hatte der dunkle Park ausgenommen. Dann und wann stahl sich ein Lichtstrahl durch das tropfende Blattwerk, auf welches im monotonen Rhythmus der Regen herniederprasselte. — Er erging sich, sichtlich ziellos, dem nachlässigen Schritte nach, und hie und da verriet ein unsicheres Kreuzen des Weges seinen Zustand.
Eine Bank, von welcher aus man freien Ausblick hatte auf den hier glatt und geräuschlos dahinflteßenden Strom, auf das gegenüberliegende Ufer mit seinem schwarzen, unregelmäßigen Gerümpel von ärmlichen Häusern, Holzschuppen, Bretterzäunen, rief in ihm den Wunsch des Ausruhens wach, mit dem er sichtlich einen Augenblick kämpfte, um sich dann mit einer lethargischen Bewegung, die einen völlig gebrochenen Willen verriet, darauf niederzulaffen. Er warf einen Blick auf den Weg zurück, ob nicht der Polizist ihm folge, dann stützte er das müde Haupt in beide Hände und starrte in den trüben Lichtkegel, welchen eine Laterne vom jenseitigen Ufer herübersandte.
Was weiter? Seit fünf Tagen hatte er seine Wohnung nicht mehr betreten.
Die dritte Monatsmiete war ausständig. Die Hausfrau war eine gute Seele. Sie hatte ihn noch nicht einmal darum angesprochen. Aber das ist ja gerade das Erbärmliche, gegen anständige Leute unanständig sein müssen, lügen müssen: in nächster Woche gewiß, nur ein ganz besonderes Pech. — So geht es aber mit allem und überall, alles beschmutzt, besudelt die Not, man bekommt die Hände nicht mehr rein. Stolz, Ehrgefühl, Moral; alles zum Teufel! Ein immerwährendes Abbröckeln da drinnen. Und dabei
wird er den angeborenen Aristokratismus nicht los, dies sich erhaben dünken über den brutalen Kampf, dieses sich nichts abtrotzen lassen.
Dann kommt das Schlimmste, das Betäubungsuchen, Mut, den Mut des Alkohols, der einen auf Stunden glühend macht vor Thatendrang, überflteßen von kühnen Worten und Plänen, in der verpesteten Luft der Kneipe, um einen dann ausgebrannt, willenlos in die Gosse zu stoßen, ein Ekel, ein Hohn auf jedes Menschentum.
Diese letzten fünf Tage! Was drängte sich in ihnen nicht alles zusammen an kräftigen Entschlüssen, Selbsterkenntnis, höchster Mutlosigkeit, an platten Gemeinheiten und großen Empfindungen.
Verzweifeln, die Hände in den Schoß legen, weil Dir der Erfolg fehlt? Mit neunzehn Jahren?
Wer sagt Dir denn, daß Du ihn verdienst! Wer sagt Dir denn, daß Du wirklich ein Künstler bist und kein Stümper!
Immer diese Kunst. Da drängt sich alles heran, wie in eine öffentliche Suppenanstalt, und jeder verlangt seinen Topf voll, als wenn es so sein müßte.
Aber was weiter? Was nun?
Tie Nässe drang ihm bis auf die schauernde Haut, und es wird die ganze Nacht regnen.
Zurückkehren in seine Wohnung, sich der Frau Geiger einfach stellen? — „Hier bin ich, Richard Holaus! Haben Sie noch einmal Geduld!" —
Zurückkehren muß er ja doch und seine Siebensachen zusammenpacken.
Was ihn nur immer wieder abhielt davon, jeden Abend, seit fünf Tagen? — fragst noch? Und weißt es so gut. Ein ehrliches, aber strenges Gesicht, das Dich immer wieder an die arme, gute Mutter erinnert. Richard! Richard! Nimm Dich zusammen! Werde einmal ein Mann! —
Dann der Raum selbst, die Stellagen, die Palette, die unfertigen Arbeiten, die aus allen Ecken ihm entgegenschreien.
Er drückte die Hand vor die heiße Stirn, er wußte nicht, weinte er, oder war es der Regen, der seine Hand gefeuchtet.
Da fuhr er jäh auf. —
Ein schriller Schrei drang durch die Nacht vom jenseitigen Ufer, dann verworrene Rufe.
Ein Gedanke schoß blitzartig in ihm auf.
Er sprang den Abhang herab, dem Flußufer zu.
Dunkle Gestalten liefen drüben hin und her.
Hilfe! — Dort. — Nehmt den Nachen! Ein Weib! — da taucht sie auf! — —
Und wieder der entsetzliche Schrei — nur halb erstickt, jetzt mitten aus dem Strome. —
Der junge Mann durchspähte, zitternd vor Erregung, die dahinschießenden Wasser.
Plötzlich tauchte mitten in dem Lichtkegel, welchen der Strahl einer Laterne bildete, etwas Schwarzes auf. -r-
Den Mantel abgerissen, ein Wirbel im Haupte, ein Sprung — und Holaus trieb im Strome. Inmitten der Eiskälte stieg es ihm glühend zu Häupten, ein stürmischer Lebensdrang. --—
Wenige Schritte stromabwärts stauten sich im weiß- schäumenden Wirbel die Waffer, und mitten darin erblickte er einen kämpfenden Gegenstand.
Er war ein tüchtiger Schwimmer. Schon streckt er die Hand darnach aus, — erfaßt etwas, — ein Kleid, — einen Körper. —
Da teilt sich dieses Etwas, im Dunkel nicht zu erkennen. Den größeren Teil reißt der Strudel fort, der kleine bleibt ihm in der festgeschloffenen Faust.
Rasch hebt er ihn mit aller Kraft, — ein schwaches Wimmern, — er hält ein Kind in den Armen.
Das andere, in der Nacht Entschwundene, war wohl die Mutter.


