Samstag den 18 November.
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,JsB#er Schmerz, die Freude spielen nicht mit Bildern, pSM? Ein Blick, ein Wort genügt, um sie zu schildern, AM Und wo in Phrasen Schmerz und Freude spricht, Glaub' ich das eine und das andere nicht.
Badenstedt.
Nachdruck verboten.
Pygmalion.
Novelle von Anton Frhr. von Perfall.
Erstes Kapitel.
Der Regen goß in Strömen durch die laue Frühlingsnacht. Alles spiegelte in den Straßen, das Pflaster, die eisernen Laternenpfähle, die Dächer der geschlossenen Kutschen, die Schirme der Fußgänger, Messinggriffe, Kupferplatten, Schilder. Ueberall hin, überall durch huschten, tanzten, kletterten ruhelose Lichter, bunte Reflexe. Es troff von Farben ineinander in langen, verwaschenen Strähnen, und unter den Tritten der Fußgänger verdoppelte sich in schattenhafter, tneinanderfließender Perspektive das bewegte Bild der Massen.
Die Turmuhren schlugen in allen Tonarten, von dem tiefen Erzlaut des Domes bis zu den grellen Stimmen der Vorstädte, die Stunde, in welcher das Leben der Großstadt noch einmal kräftig anschwillt, um dann allmählich in den kurz bemessenen, unruhigen Schlummer zu versinken, aus dem es das erste Tagesgrauen wieder erbarmungslos weckt.
Auf der Brücke über dem angeschwollenen Strome mit ihren weithin leuchtenden Kandelabern gab es sogar eine augenblickliche Verkehrsstockung, so mächtig bäumten sich diese beiden, einander begegnenden Lebenswellen inmitten der schwarzen Finsternis. Doch es dauerte nur eine kurze Zeit. Es war ein letzter Kräfteaustausch zwischen Stadt und Vorort- dann war nichts mehr zu hören, als das Sausen und Schleifen an den Granitwänden der schwarzen Brückenbogen, die hallenden Schritte einzelner Passanten, während die gleichmäßigen eines Schutzmanns den Grundton abgaben. Immer wieder kehrten sie zurück, setzten an einer bestimmten Stelle aus, um dann von neuem zu ertönen.
Der Wachtmeister Opel ärgerte sich schon lange. Natürlich denken die Leute wieder, was hat jetzt der Mensch auf der leeren Brücke zu thun, während anderswo vielleicht Mord und Totschlag ist, und doch darf er nicht fort — und
warum nicht? Weil ein verrückter Kerl es sich einfallen läßt, eine geschlagene Stunde bei dem strömenden Regen in einen dunklen Winkel gedrückt in den Strom hinab zu gaffen und dabei alle möglichen, verdächtigen Stellungen einzunehmen und Bewegungen zu machen. Dort, hinter der Figur, hinter dem Fischer aus Marmor, der Mann im Flügelmantel und dem Schlapphute, den er jeden Augenblick abnimmt, daß der Wind besser über seinen Strubbelkopf streichen kann, natürlich irgend ein verrückter. Künstler oder so etwas.
Redet er ihn an, dann heißt's: „Ist es verboten, auf dieser Brücke stehen zu bleiben?" und er kann wieder gehen. Am anderen Tage steht womöglich ein großer Artikel in der Zeitung über die Belästigung des Publikums durch die Polizei.
Läßt er den verdächtigen Menschen aus dem Auge, und macht dieser dann plötzlich einen Sprung ins Waffer, was ihm wohl zuzutrauen war, dann ginge es erst recht los: Unglaublich! Ein Selbstmord mitten in der Stadt auf der besuchtesten Brücke! Wo war denn wieder einmal die Polizei? —
So blieb immer noch das beste, geduldig zu warten, bis es dem Herrn gefällig sein wird, sich zu entfernen, oder irgend etwas zu beginnen, was dem Wachtmeister Opel die Berechtigung giebt, einzuschreiten.
Endlich!
Der Mann stieg auf das Postament der Marmorfigur und beugte sich über die Brüstung.
Der Wachtmeister sah deutlich langes, dunkles Haar in ein bleiches, von einem Lichtstrahl des Kandelabers grell beschienenes Gesicht fallen.
Opel pürschte sich listig an, trat Plötzlich hinter der Figur vor und legte seine schwere Hand auf die Schulter des Mannes.
„Postamente besteigen ist verboten, mein Herr. Ich ersuche Sie, Ihres Weges zu gehen.-
Der Mann wandte sich jäh um.
Der Wachtmeister hatte schon in manch sonderbares Gesicht gesehen, aber in ein so verzerrtes, geradezu geisterhaftes noch nie. Es war, als ob ein furchtbarer Entschluß darin zum Bilde erstarrt wäre.
Diese weit aufgeriffenen, gläsernen Augen, diese schwarzen Haarsträhne, an der weißen, feuchten Stirn klebend, dieser verzerrte Mund erinnerten an das Leichenschauhaus.
Als aber dieses Totenantlitz Plötzlich ein Lachen ausstieß, da packte etwas ganz Fremdes den tapferen, oft erprobten Opel, ein wahrhaftiges Gruseln.


