Ausgabe 
18.7.1899
 
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diesen Gegenstand bei der nächsten Gelegenheit dem Gatten als Angebinde zu Weihnachten oder zum Geburtstage zu verehren.

Das ist eine sehr empfehlenswerte Manier, die in konsequenter Durchführung dem Dippelmann'schen Haushalte schon manchen ansehnlichen Inventar-Zuwachs eingetragen hat. So sind die Portiören zwischen der guten Stube und dem Eßzimmer ein Geburtstagsgeschenk, das die liebende Gattin schon vor Jahren ihrem Eheherrn machte, der Servier­tisch hat seinerzeit als Gabe für den Mann unter dem Weihnachtsbaume gestanden, und auf dieselbe Weise sind viele andere nützliche Jnventarstücke in den Besitz der Familie gekommen.

Herr Dippelmann freute sich bei solchen Ueberraschungen natürlich immer ungeheuer, gab der auf des Hauses Zier bedachten besseren Hälfte einen herzlichen Dankeskuß und be­zahlte ganz im stillen die Rechnung, die ihm nach der üblichen Frist von dem betreffenden Geschäfte über das Geschenk zuge­schickt wurde.

In der allerjüngsten Zeit hatte sich nun in der Dippel­mann'schen Familie ein Mangel bemerkbar gemacht, der von der Hausfrau mehr und mehr als drückender Uebelstand empfunden wurde.

Es fehlte nämlich eine Hausapotheke.

In den abgelaufenen fünfzehn Jahren der Ehe hatte man unbegreiflicher Weise ein solches Möbel gar nicht ver­mißt. Die Gläser, Büchsen, Schachteln und Tüten, worin der eiserne Bestand an Pfefferminzthee, Wurmkuchen, Cholera­tropfen und allen den übrigen zahlreichen Hausmitteln, die in einer mit Kindern gesegneten Familie immer zur Hand sein müssen, verwahrt wurden, hatten bisher an verschiedenen Stellen der Wohnung ihr Domizil, die Theetüten im Küchen­schranke, die Pulver- und Pillenschachteln im oberen Auszuge des Nachtschränkchens, die Gläser und Fläschchen auf dem Borte des Waschtisches. Zur Hand waren sie dort immer gewesen, und diese Ordnung der Dinge würde auch wohl für die Zukunft noch vollständig befriedigt haben, wenn nicht eines Tages eine Freundin der Frau Dippelmann bei einem Damen-Kaffee eine Anwandlung von Migräne bekommen und diese günstige Gelegenheit benutzt hätte, den versammelten Damen einen Einblick in ihre nagelneue und reizend einge­richtete Hausapotheke zu gewähren, der sie nun ein Migräne- Pulver zur Bekämpfung ihres Leidens entnahm.

Die Migräne schwand sofort, sodaß Fran Dippelmann nachträglich allerhand Zweifel an der Echtheit des Anfalles aufstiegen. Dafür aber empfand Frau Dippelmann seit dieser Stunde eine Sehnsucht nach dem Besitze eines ähnlichen Apothekenschränkchens, und diese Sehnsucht wuchs von Tag zu Tage.

Schade nur, daß der Gatte so gar kein Verständnis für die Zweckmäßigkeit eines solchen Möbels besaß!

Als sie ihm, anknüpfend an die Vorlesung einer sehr lehrreichen Auseinandersetzung ausKlenckes Hauslexikon", zuerst mit dem Gedanken vertraut zu machen suchte, ver­teidigte er zunächst hartnäckig die bisherige Gepflogenheit des Hauses und schlug dann vor, das eine der oberen Schränkchen im Buffet den Apothekerwaren einzuräumen, wenn diese durch­aus ganz unter sich bleiben sollten.

Der Barbar! Als ob eine Hausfrau ihr Buffet zu der­gleichen Zwecken hergeben würde!

Vergeblich blieb es auch, daß Fran Dippelmann ihren lieben Kurt in den nächsten Wochen mit großer Beharrlichkeit vor die Schaufenster der Möbelmagazine führte und ihn dort durch den Anblick allerlei niedlicher Schränkchen zur Sinnes­änderung zu verlocken suchte, und so griff sie denn schließlich zu ihrem alten oft erprobten Trick: Herr Dippelmann bekam die Hausapotheke zum Geburtstage. Eigentlich hatte er diesmal Gardinen für die gute Stube erhalten sollen, aber damit hatte es zur Not auch Zeit bis zum Weihnachtsfeste.

Anfangs hielt Herr Dippelmann in seiner Harmlosigkeit das in der That sehr niedliche Möbel für einen Zigarren­

schrank, und daher war seine Freude zunächst aufrichtiger als gewöhnlich. Als er aber probeweise ein Kistchen seiner Trabucos hineinstellen wollte, zeigte der Raum zu wenig Tiefe/ und auf die Bemerkung, daß man den Schrank wohl werde umtauschen können, erhielt er nun erst von der Gattin über den Zweck desselben die rechte Aufklärung. Seine Stimmung wurde dadurch wesentlich gedämpft, wenn er sich das auch nicht merken ließ.

Am nächsten Tage war es das erste Geschäft der Haus­frau, die neue Hausapotheke einzuweihen. Natürlich gehörte sie ins Wohnzimmer, und weil dort sonst keine paffende Stelle an den Wänden verfügbar war, so mußte der Regulator seinen Platz, an dem er nun schon fünfzehn Jahre der Familie gute und böse Stunden geschlagen hatte, aufgeben und wurde an die Fensterseite gehängt. Freilich hatte er da eine sehr ungünstige Beleuchtung, man mußte immer ganz nahe herantreten, um das Zifferblatt erkennen zu können/ dafür aber hing die Hausapotheke nun sehr wirkungsvoll über dem Serviertische.

Die ganze Familie beteiligte sich am Einkramen des Schränkchens. Alle alten, längst ausrangierten Medikamente wurden hervorgesucht, sogar bas verstaubte Gläschen mit Jakobsöl, das der Hausherr mal vor zehn Jahren zum Ein­reiben der erkälteten Schulter benutzt hatte und dessen Inhalt jetzt zu einer zähen, braunen Kruste zusammengetrocknet war, und ebenso der befette Inhalier-Apparat, von dem der Instrumentenmacher schon im vorigen Winter erklärt hatte, daß das absolut unbrauchbar gewordene Ding auch nicht wieder repariert werden könne. Die Marubium-, Pfeffer­minz- und Brustthee-Tüten mußten natürlich auch heran, und so war das Schränkchen bald stattlich gefüllt. Trotz des vom Hausherrn erhobenen Einwandes, daß die Geier-Apotheke ja im Nachbarhause sei, man also jeden Augenblick alles Not­wendige erhalten könne, holte Max noch am selbigen Vor­mittage zur Komplettierung des Schrankinhaltes eine Rolle Heftpflaster, ein Paket Verbandwatte, einige Gazebinden und ein Fläschchen Karbolwasser, und schon am Nachmittage konstatierte Frau Dippelmann beim Oeffnen der Hausapotheke mit Genugthuung, daß es darin schon gerade so röche, wie in einer richtigen Apotheke. Da sie sich bei dieser Gelegen­heit dem nasalen Genüsse etwas lange hingegeben hatte, so theilte sich der widerliche Geruch auch dem ganzen Zimmer mit, und man mußte gleich nachher eine Weile Fenster und Thüren aufsperren, wobei Herr Dippelmann sich einen Schnupfen zuzog.

Zum Glück war Mentholin in der Hausapotheke vor­handen, und so wurde Herr Dippelmann der erste Patient seiner Frau, die sich von nun an mit wahrem Fanatismus der Heilkunst bemächtigte und stets nach neuen Opfern auf der Suche war. Die Ostertage selbst lieferten schon günstige Gelegenheit in Fülle. Bekanntlich hat der Reichtum an allerlei Gebäck und Zuckerwerk, den diese Tage mit sich bringen, für Kinder und Erwachsene leicht Beschwerden zur Folge/ diesmal aber war Mama Dippelmann mit ihren Marzipaneiern, mit den schweren Osterkuchen und sogar mit ge- gefüllten Chokoladensachen so freigebig, daß schon am Abend des ersten Festtages alle drei Kinder Veranlassung gaben, mit Magnesia und doppelkohlensaurem Natron aus der Haus­apotheke einen Feldzug gegen die deutlich bemerkbare Magen­verderbnis zu beginnen. Am andern Morgen nahm die Haus­frau selbst ein Antipyrin-Pulver und riet dem Gatten zum Gurgeln mit übermangansaurem Kali, da sie bei ihm eine Halsentzündung im Anzuge glaubte. Auch die Kinder mußten gurgeln, um der Ansteckung vorzubeugen.

Als am dritten Feiertage Mathilde, die geschäftige Haus­magd, beim Gläserspülen, dem diesmal des Hausherrn schönes Spezialglas mit dem Monogramm zum Opfer fiel, sich eine 'leine Hautwunde am rechten Daumen zuzog, wurde auch sie ofort in Behandlung genommen. Zur Auswaschung mit ^arbolwaffer und einem Arnika-Verbande waren alle Vorbe­dingungen vorhanden, und obwohl Mathilde mit aller Energie