Ausgabe 
18.7.1899
 
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Plötzlich warf sich Ziel auf den Sessel an ihrer Seite und atmete tief auf.Wissen Sie, daß mir gottsjämmerlich zu Mute ist?"

Das scheint so," antwortete Dorothea gelassen.

Trotz dieser wenig ermutigenden Worte faßte er mit schnellem Entschlüsse ihre Hand und drückte sie heftig. Frau Andree glauben Sie, glauben Sie, daß es möglich, daß es möglich, daß es denkbar wäre, daß Ihre Tochter mich lieben könnte? Mit einem Worte, ich möchte die Else heiraten."

Dorothea war sprachlos. Ziel ließ ihr auch gar keine Zeit, etwas zu erwidern.Sagen Sie nicht nein!" rief er angstvoll,nicht gleich nein! Und sehen Sie mich nicht so kalt und abweisend an. Ach Gott, Sie ahnen ja gar nicht, wie's in mir aussieht!" Dabei rollten ihm die großen Schweißtropfen von der Stirn.Die Else"

Das Kind!" war alles, was Frau Andree für den Augenblick herauszubringen vermochte.

Ich weiß! ich weiß!" fiel er ein. Er hörte alle Ein­wendungen, die sich gegen seine Bewerbung in dieses eine Wort zusammenfassen ließen, heraus und bemühte sich, sie zu entkräften in abgehackten Sätzen in seiner derben, treu­herzigen Weise.

Sie wollen sagen, daß ich viel zu alt sei für sie. Du lieber Himmel, das ist wahr, ich sehe es selbst ein. Aber Sie können mir glauben, wenn sie auch manchen Jüngeren und Schöneren finden könnte, einen, der's besser mit ihr meint, kriegt fie nicht. Darauf dürfen Sie sich verlassen."

Dorothea sagte noch immer nichts. Die Werbung war ihr unsympathisch. Er las die Abweisung auf ihrem Gesichte.

Wenn Sie denken," Hub er kleinlaut an,daß es ganz aussichtslos ist, so wäre es am Ende besser, Fräulein Else erführe überhaupt nichts davon."

Das wäre unrichtig," begann Dorothea anscheinend ruhig, langsam die Worte abwägend;ich habe in der That keine Ahnung, wie meine Tochter über die unerwartete Ehre, die Sie ihr erweisen, denkt, aber ich bin selbst sehr sehr überrascht, daß ein gereifter, welterfahrener Mann, wie Sie, an diesem jungen Dinge Gefallen findet, ein Mann, der so viele andere"

Bitte, sprechen Sie das nicht aus!" unterbrach er fie. Ich habe schon verstanden. Sie meinen, daß ich hm wir wollen's 'mal milde ausdrücken kein Heiliger ge­wesen bin. Na, das weiß die Welt, und Ihr Mann hat Ihnen vielleicht mancherlei erzählt, was Ihnen nicht gefallen hat."

Mein Mann hat über solche Dinge nie mit mir ge­sprochen," bemerkte sie hart und kurz.

Ich leugne es auch gar nicht," fuhr er, ihre Zwischen­rede überhörend, fort,aber Strich drunter! Als Jung­geselle war ich niemand Rechenschaft schuldig- als Ehemann ist das selbstverständlich anders. Ich bin doch ein ehrlicher Kerl!"

Er hatte ihr Auge vermieden- saß sie doch so kühl, so unnahbar neben ihm, daß ihm die Worte im Halse zu er­starren drohten. Plötzlich hörte er einen unterdrückten Seufzer, aus der Tiefe eines schwerbeladenen Herzens. Er blickte auf. Hatte er sich getäuscht? Kein Muskel in Dorotheas Gesicht bewegte sich- die Lippen waren fest ge­schlossen. Womit hatte er diese Zurückhaltung verdient, er, der soviel für diese Frau und ihre Kinder gethan hatte! Nur daß sie nichts davon wußte.

Ich bin doch ein ehrlicher Kerl!" wiederholte er noch einmal, den großen, schweren Körper reckend, wie um das Unbehagen der peinlichen Unterredung abzuschütteln.Und die Else würde ich auf den Händen tragen."

Frau Andree erwiderte noch etwas in wohlgesetzten glatten Worten. Aber merkwürdig! er verstand sie gar nicht. Er hörte nur den kühlen Ton, und als sie geendet

hatte, sagte er mechanisch:Danke." Ohne ihre dahin- gehaltene Rechte zu ergreifen, eilte er davon.

Zu Hause angekommen, polterte er unwirsch auf Frau Tetchgräber los, die Perle aller Wirtschafterinnen, und schloß sich mißvergnügt in sein Zimmer ein.

Wie anders wäre seine Stimmung gewesen, hätte er ahnen können, was zur selben Zeit im Andreeschen Hause vorging und mit welch' lauter Freude Else seine Werbung begrüßte. Sie sprang erst wie toll iw Zimmer herum, dann umarmte sie ihre Mutter und ries einmal übers andere:

Er will mich heiraten! O der gute Mensch! Der liebe Mensch!" Und wie Frau Dorothea, ganz verblüfft über ihre kindische Lustigkeit, sie ermahnte, eine so ernste Sache reiflich zu überlegen, schloß sie ihr den Mund mit Küssen!"

Natürlich nehme ich ihn!" erklärte sie.Und in sechs Wochen muß die Hochzeit sein, ehe ich neunzehn Jahre alt werde. O der gute, liebe Mensch!"

Auf alle Einwände wußte sie eine Erwiderung. Zu alt? Keine Spur. Sie hatte immer ältere Herren am liebsten gehabt. Und was seine bewegte Vergangenheit an­betreffe, auf die Frau Andree in der Voraussetzung, daß ihr Töchterlein davon nichts wisse und nichts verstehe, eine sehr diskrete Andeutung machte:Kenn' ich alles," rief Else, längst! Ist mir aber ganz egal! Im Gegenteil! Ich kann Duckmäuser nicht leiden- das sind oft die schlimmsten. Was vor meiner Zett war, geht mich nichts an- und wenn ich einmal seine Frau bin, will ich ihn schon im Zaune halten, da sei gar nicht bange, Mama."

Dorothea, in ihrer schüchternen, zaghaften Weiblichkeit erschrak sörmltch über das fertige Urteil, die kecke Sicherheit ihrer Tochter. Nicht weniger betroffen war Martha. Wohl hatte sie die Schwester besser gekannt und durchschaut, als die Mutter, aber diese, offenausgesprochene, grenzenlose Nüchternheit der Auffassung empörte sie geradezu.

Liebst Du denn den Rechtsanwalt?" fragte sie- und diese Frage kostete sie einige Ueberwindung, denn sie pflegte mit ihrer Schwester nie über ernste Dinge zu sprechen.

Natürlich!" antwortete Else ohne Zögern.Seit ich denken kann, hab' ich ihn immer für einen gemütlichen Onkel gehalten."

Das mag sein," begann Martha noch einmal,aber das ist doch nicht die rechte Liebe, wie sie sein muß, wenn man sich fürs Leben"

»Papperlapapp!" fiel ihr Else übermütig ins Wort. Nein, mein Kind, Deine Sorte Liebe ist's nicht, mit Mond­schein, Blumen und Gedichten und so weiter- eine ganz alt­modische Sorte Liebe. Und was dabei herauskommt, hat man ja gesehen. Du kannst nur gleich Nonne werden. Der kommt nicht wieder."

Schweig I" rief Martha gebieterisch. Mit zornig blitzenden Augen trat sie auf die Schwester zu, die so un­barmherzig ihr Geheimnis, den ewig nagenden Schmerz, der ihr an der Seele fraß, ans Licht zerrte.

Wenn Du übrigens denkst, daß ich Olaf noch liebe, so irrrst Du Dich gewaltig. Geschmerzt hat mich sein Be­nehmen und mehr noch geärgert- aber jetzt ist es längst vergessen."

Wer's glaubt!" erwiderte Else leichthin, und Martha zog sich achselzuckend zurück.

(Fortsetzung folgt.)

Die Hausapotheke.

Ein heiteres Geschichtchen von Wilhelm Frerking.

------- (Nachdruck verboten.)

Wenn Frau Dippelmann die Anschaffung irgend eines neuen hübschen Stückes für die Zimmereinrichtung oder eines hr praktisch erscheinenden Gerätes für Küche oder Hauswirt­schaft bet ihrem Mann nicht durchsetzen konnte, so pflegte sie