* N
W
aß unberührt
Den äußern Schein zerrinnen;
Das Licht, das niemals irre führt,
Ist Licht von innen!
Such' nicht im leeren Blauen
Des Himmels Licht und Lust,
Willst du den Himmel schauen,
So sieh in deine Brust. I. Rodenberg.
Nachdruck verboten.
Die Sünden der Väter.
Roman von Osterloh.
(Fortsetzung.)
X.
Das Weihnachtsfest wurde im Andreeschen Hause stets im Kreise sämtlicher Pensionäre gefeiert. Ziel war der einzige Gast. Das war seit dem Beginn von Leonhard Andrees Ehe so gewesen, und nach seinem Tode war die Sitte beibehalten worden, weniger, weil die gemeinschaftliche Feier irgend jemand ein Herzensbedürfnis gewesen wäre, als, weil beide Teile es für rücksichtslos erachtet hätten, etwas an dieser durch so lange Jahre geheiligten Gewohnheit zu ändern. Seit langem war man nicht so vergnügt gewesen wie an diesem Christabend. Eigentlich ohne äußere Veranlassung. Die Pensionäre bestanden zur Zeit fast ausschließlich aus älteren Damen, die hier ihre bescheidenen Renten verzehrten. Am meisten trugen Leonhard und Else durch ihr munteres Wesen zu der frohen Stimmung bei. Ziel hatte dem jungen Mädchen statt der Kleinigkeit, mit der er alljährlich jedes der Andreeschen Kinder zu bedenken pflegte, einen Türktsenschmuck mitgebracht, und sie, die außer ein paar bescheidenen Konfirmationsgeschenken keinen Schmuck besaß, jubelte laut auf. Frau Andree war ganz betroffen von der Größe der Gabe.
„Machen Sie um Gotteswillen keine Geschichten!" wehrte der Rechtsanwalt ihre Bedenken ab. „Thun Sie mir den Gefallen, und sehen Sie sich das Ding genau an. Weiter nichts wie Türkisen — ganz wertlose Steine — aber sie stehen ihr gut. Keine Kunst! Zu dem Gefichtel steht ja alles."
Else lächelte geschmeichelt. „Türkisen find gerade hoch
modern. Und wie geschmackvoll sie gefaßt sind, mit lauter kleinen Perlen! Sie find wirklich zu gut, Herr Rechtsanwalt !"
„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll," begann Frau Andree von neuem. „Wie sind Sie nur auf die Idee gekommen?"
„Du lieber Gott — ich dachte mir — Fräulein Else — Fräulein Else würde sich freuen und da — da —"
Er wurde zusehends verwirrt, daß man der Sache so auf den Grund ging. „Alle Wetter! ich glaube, der Christbaum hat Feuer gefangen," rief er plötzlich. Ein weihnachtlicher Duft von Harz, Tannennadeln und Wachs erfüllte das Zimmer.
„Das verlöscht von selbst wieder," meinte Dorothea ruhig. Er aber ließ sich nicht abhalten, einige unnötige Rettungsversuche zu machen, dann fuhr er sich, erhitzt von der ungewohnten Anstrengung, mit dem Taschentuch über die Stirn, murmelte etwas von kolossaler Glut und stürzte in den Korridor, um Kühlung zu suchen.
„Sagen Sie 'mal, Onkel Rechtsanwalt, was haben Sie denn eigentlich heute?" Es war Leonhard, der ihm gefolgt war und der, ihm vertraulich auf die Schulter klopfend, an ihn herantrat.
„Ich — ich?" — antwortete Ziel, nach Luft ringend. „Was soll ich denn haben?"
„Das muß doch ein Kind sehen, daß Ihnen heute etwas Besonderes begegnet ist. Ich bin nur noch nicht im klaren darüber, ob es etwas Freudiges oder etwas Trauriges ist,"
Ziel sah ihn groß an.
„Ich auch nicht," sagte er bedeutsam und setzte seine Wanderung fort.
Am nächsten Vormittag ließ er sich bei Frau Andree melden. Große Verwunderung der gesamten Familie. Er war zwar in der letzten Zeit ziemlich häufig zu ihnen gekommen, so daß es ihnen bereits aufgefallen war, aber am Vormittag zur Visitenstunde mit Handschuhen! Das war unerhört.
Dorothea betrachtete ihn staunend. „Sie sehen ja ganz feierlich aus," meinte sie.
„Bin ich auch — bin ich auch," — antwortete er und versuchte zu lachen, was aber mißlang. Er legte den Hut, den er in der Hand hielt, auf einen Stuhl. Dann lief er, wie juchend im Zimmer herum. „Es hört uns doch niemand?"
„Nein," antwortete Dorothea befremdet.


