Ausgabe 
18.5.1899
 
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27s

manchmal mit lautem Lachen, wohl in der Erwartung, daß dies ein ermunterndes, freundliches Zunicken meinerseits Hervorrufen, in mir daS Bewußtsein meiner Kameradschaft mit ihnen aufrecht erhalten und mich die ganze Sache nur als einen zeitweiligen guten Spaß betrachten lassen sollte.

Hierin aber hatten sie sich sehr geirrt. Sie fanden mich meiner neuen Würde ganz bewußt- umgänglich genug, um mich nicht gerade in ihren Augen hochmütig erscheinen zu lassen, aber auch reserviert genug, um ihnen die Veränderung in unseren Beziehungen immer gegenwärtig zu erhalten. Das Lange und Breite von der Sache war: ich hatte meine seemännische Erziehung auf großen Schiffen erhalten und dort gelernt, wie die Disziplin gehandhabt wird. Die alten Gewohnheiten frischten sich in mir wieder auf und kamen mir nunmehr zu gut. Ich ahmte in meinem Benehmen gewissen Vorbildern nach, an die ich zurückdachte, und so, glaube ich, schadete ich Kapitän Franklin wie Mr. Sloe, indem ich unbewußt der Mannschaft einen Kontrast bot zu dem kalten Despotismus des einen und der gemeinen Brutalität des anderen.

Ich kehre zurück zu dem Augenblick, wo der Maat nach unten ging. Durch das Oberlicht blickend, als ich das Deck entlang schritt, sah ich den Schiffer an der Spitze des Tisches sitzen, neben ihm Miß Franklin und dieser gegenüber den alten Windwärts. Ich hörte den Maat meinen Namen nennen und vermutete, daß er dem Kapitän wohl eine Be­schreibung meiner neuen, feinen Manieren zum besten gab.

Es war ein herrlicher Tropen-Morgen. Die glühende Hitze war durch den Wind gemäßigt, und lustig spielten die schaumgekräuselten Wellen unseres Kielwassers. ES war ein Morgen, der Körper und Geist erfrischte und belebte. Das von der Sonne getrocknete Deck glänzte wie gebleichte Lein­wand, das Messing blitzte bei den Bewegungen des Rumpfes. Während um Mittag in der Breite, unter der wir uns befanden die Strahlen des Tagesgestirns unseren Schatten senkrecht unter unsere Füße legten, zeichneten jetzt die Segel schwarze Linien quer über die Planken. Die unter dem Langboot in ihren Käfigen von der Hitze leidenden Hühner gaben ihrer Unbehaglichkeit in jämmerlichen Klagetönen Ausdruck. Ein buntes, malerisches Bild boten die auf dem Deck beschäftigten Leute. Da war der schöne Blunt mit seinem dunklen Gesicht und rotem Hemd, der alte Sam mit dem eisengrauen Haar und Teerhosen und Jimmy in seiner schottischen Mütze. Andere hantierten mit nackten Armen, bloßen Füßen und weit über der kräftigen Brust zurück- geschlagenem Hemd. Alle trugen ihre Matrosenmesser um die Hüften geschnallt. Das Bild erinnerte an das sonderbar gekleidete Volk, welches man auf alten holländischen Seeftücken erblickt.

Nachdem der Maat eine halbe Stunde unten gewesen war, kehrte er auf Deck zurück, und mit ihm kam der Schiffer.

Jetzt können Sie frühstücken gehen, aber denken Sie gefälligst daran, daß ich Sie nur vertrete und daß ich seit vier Uhr auf Deck war."

Ich ging mit klopfendem Herzen herunter, ich will das nur gestehen, denn ich glaubte, Miß Franklin noch am Tische zu finden. Ihr Platz war jedoch leer, und der Koch, welcher den Dienst des Steward versah, war beschäftigt, die Teller und angebrochenen Gerichte wegzuräumen. Er brachte mir ein Stück Schinken, und dieses mit einer Tasse Kakao und gutem, weißen Zwieback lieferte mir das beste Mahl, welches ich seit meinem letzten Bissen im Hotel in Bahport genossen hatte.

Während ich in dieser Weise angenehm beschäftigt war, trat Miß Franklin aus der Kajüte, welche neben der ihres Bruders lag. Ich stand sogleich auf und verbeugte mich, aufs neue von ihrer Schönheit und den dunklen Augen be­zaubert, welche im Schatten ihres Hutes glänzten. Sie sah erfreut und amüsiert zu mir herüber.

Bitte, vergeben Sie mir, wen« ich Sie nach Ihrem Namen frage," sprach sie.

Jack Chadburn," antwortete ich und setzte mich wieder an mein Frühstück, denn den alten Windwärts durfte ich nicht warten lassen.

Mein Bruder sagte, Sie hießenChadwick."

burn," nichtmiet", verbesserte ich.

Sie lachte.Ich denke, Sie werden lieber hier als bei den Leuten sein," bemerkte sie.

Ja, das weiß Gott," sagte ich nachdrücklich, mit einem Blick in ihre braunen Augen.

Das sind ja ganz schreckliche Menschen- Mr. Sloe werfen sie zu Boden und schlagen ihm die Nase blutig, und meinen Bruder bedrohen sie mit Dolchen! Wo nimmt er unter solchen Umständen noch den Mut her, weiter zu fahren? Oh, wollte er sich doch bewegen lassen, umzudrehen und heimzureisen, wie ich es so sehr wünsche. Ich habe ihn darum gebeten, aber er hört ja kaum auf mich. Ach, ich habe die See so schrecklich satt! Möchten Sie es nicht einmal versuchen, ihm zur Umkehr zuzureden?"

Das kann und darf ich nicht," erwiderte ich, den Kopf schüttelnd und im stillen überlegend, ob sie etwa erwarte, daß ich über ihren Einfall lachen solle.

Aber ich fürchte mich, mit solchen Leuten in einem Schiff zu sein. Mein Bruder meint, es wäre eine furchtbare Rotte Menschen, es sei die schlechteste Mannschaft, die er je an Bord gehabt hätte."

haben keinen Grund, vor ihnen Angst zu haben, Miß Franklin."

Aber ich fürchte mich. Es ist doch entsetzlich, von ge­schwungenen Dolchen zu hören."

Ich gab keine Antwort. Nach kurzem Stillschweigen sagte sie, mich freundlich anlächelnd:

Ich freue mich so sehr, daß mein Bruder Sie vom Vorderkastell weggenommen hat- ich sagte Ihnen schon neu­lich, daß Sie dort nicht auf Ihrem richtigen Fleck wären."

Wahrhaftig, Sie werden mich eitel machen - wenn S i e das sagen, muß ich es doch glauben."

Jetzt wurde das Oberlicht von des alten Windwärts Kopf verdunkelt und mit seiner Stierstimme brüllte er herunter:

Na, wird's bald? Wie lange soll ich noch auf Sie warten?"

Ich stand sogleich auf und ging nach der Treppe- im Vorbeigehen sagte ich aber zu Miß Franklin:

Es ist nicht die Mannschaft dieses Schiffes, welche Sie zu fürchten haben, sondern die Männer sind es, welche die Mannschaft befehligen."

Sie haben ganz recht", antwortete sie rasch, und mit einem Ernst, der mich bei ihr überraschte, fügte sie hinzu: Ich habe meinem Bruder schon dasselbe gesagt. Wenn die Geduld gebildeter Menschen ihre Grenzen hat, so muß dies doch erst recht der Fall sein bei so rohen Naturen, wie sie das Vorderkastell birgt".

Als ich auf Deck ging, wünschte ich, daß der Kapitän ein wenig Einsicht von seiner Schwester lernen möchte. Er hielt sich während der ganzen Zeit meiner Wache auf Deck auf, selbstverständlich um zu beobachten, wie ich mich den Leuten gegenüber benehmen würde. Dies war sehr unan­genehm für mich, Miß Franklin saß am Oberlicht, und ich hatte gehofft, mit ihr plaudern zu können. So lange sein Auge auf mir ruhte, durste ich aber nicht wagen, mich diesem Glück hinzugeben.

Dafür hatte ich in anderer Weise eine Entschädigung. Wunderbar genug, bot sich mir nämlich sehr bald Gelegen­heit, zu zeigen, daß ich meinem neuen Dienst vollkommen gewachsen war.

Mit dem zunehmenden Morgen wurde die Brise stärker und unter voll gerundeten Segeln verfolgte die Brigg schnell ihren Kurs. Gerade um zehn Uhr, ohne Warnung, ohne die geringste Andeutung am Himmel, sprang der Wind plötzlich