Ausgabe 
18.4.1899
 
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Flamme eines Lichtes oder einer Lampe geraten, so sehen wir, daß es brennt. Dieses ätherische Oel der Apfelsinen­schalen findet vielfach Verwendung in der Parfümerie; es ist ein Hauptbestandteil des Kölnischen Wassers; es bedingt auch bei den verwandten Arten, zum Teil wenigstens, die Verwendung für die Küche u. s. w. Jede Hausfrau weiß die Zitronenschalen zu schätzen, jeder Konditor das Zitronat von einer anderen Zitrus-Art; die sogenannten Cura^ao- Schalen von der grünen unreifen Pommeranze und anderen Arten finden ihre Verwendung in der Likörbereitung. Die Würze vieler Speisen, Geloes, Marmeladen u. dgl. beruht auf diesem Oel, und in Oesterreich wird das Ber- gamottöl sogar in den Apotheken geführt und in der Heil­kunde verwendet.

Haben wir nun diese Schale mitsammt ihrer weichen weißen Unterlage abgelöst, so haben wir eine von zarter Haut umspannte Kugel vor uns. Aber die Kugel ist gegliedert. Dünnhäutige Wände, die von den Meridianen zur Achse gehen, teilen fie in Kammern, meist zehne an der Zahl. Man kann diese Kammern mit leichter Mühe von einander lösen. Sie haben ganz im Innern, da wo die Achse der Kugel war, ein, auch mehrere Samenkörner, und das Ueb- rige ist von dem sogenannten Fruchtfleisch angefüllt, von einer Fülle von Pflanzenzellen, die einen wohlschmeckenden, süßen, gelblichen oder roten Saft enthalten, je nach der Sorte.

Wenn wir die feine Haut, welche die Fruchtteile um- giebt, vorsichtig abziehen, so sehen wir, daß das Fleisch der Apfelsine sich wesentlich von dem unserer heimischen Früchte unterscheidet. Wir sehen längliche schlauchförmige Gebilde aneinander gedrängt liegen, kürzere und längere, nicht regelmäßig, aber doch mit einer gewifsen Parallelstruktur, und wenn wir diese Gebilde auseinander zu legen versuchen hierzu eignen sich am besten die weniger saftreichen Spät-Apfelsinen, wenn der Kehraus bevorsteht so finden wir, daß alle diese Schläuche entweder auf der äußeren Wand auffitzen oder doch durch einen dünneren Faden mit ihr in Verbindung stehen. Man bekommt schließlich den Eindruck, als ob von der äußeren peripherischen Haut alle Schläuche, wie Taster etwa, nach dem Inneren ausgeschickt wären, daß sie aber wegen ihrer Massenhaftigkeit sich nicht alle genügend ausdehnen konnten. Und so ist es in der That. Der Botaniker, der die Entwicklung der Frucht von ihren ersten Anfängen in der Blütenknospe verfolgt, giebt uns die Erklärung.

Wir wissen seit Goethe, daß wir uns die Blütenblätter lediglich als eine veränderte Art von Laubblättern vorzu­stellen haben. Das gilt auch vom Fruchtknoten. Denken wir uns nun den Fruchknoten der Blüte oder auch die fertige Apfelsine, das kommt auf eins heraus, zusammen­gesetzt aus fünf Blättern, die im Kreise standen und mit ihren Rändern zusammenwuchsen, so entsteht eine Kugel. Das, was bei den gewöhnlichen Blättern die Oberseite war, sitzt jetzt innen, die Unterseite aber bildet die äußere Schale. Von den zusammengewachsenen Rändern der fünf Blätter wachsen Häute nach innen, die das Ganze in fünf Kammern zerlegen; diese spalten sich noch einmal und so werden es zehn, manchmal unterbleibt auch eine Spaltung, und wir finden dann bloß neun Teile, wenn wir die Frucht zerlegen. Von unten, wo die fünf Blätter ursprünglich ihren Fuß hatten, wächst in der Mitte ein kleines Säulchen herauf, das die Samenanlagen trägt. Dort entstehen daun in der Folge die Kerne. Das ganze übrige Innere der Frucht aber wird ausgefüllt von Haaren, die sich auf der nach innen gekehrten Oberseite der fünf Blätter bilden.

Der Lefer wird gewiß schon bemerkt haben, daß die grünen Blätter vieler Plauzen mehr oder minder dicht mit Haaren besetzt sind. Diese Haare sind sehr vielgestaltig, sie sind vereinzelt und sternförmig, z. B. beim Ahorn, sie sind

stachelig und giftig bei den Brennnesseln, sie bilden bei manchen Trockenpflanzen einen weichen Flaum oder sammet­artige Decke; hier sind sie dick, saftig, fleischig und bilden eine kompakte Masse, die ein einheitliches Gebilde vortäuschen. Das ist das ganze Geheimnis. Hoffentlich schmecken Dir nun, verehrter Leser, die Apfelsinen nicht schlechter als früher, nun Du weißt, daß es Haare sind, die Du verspeisest. Ist es Dir aber unangenehm, so kannst Du sie auchEmer- geuzen" nennen das klingt .feiner und bedeutet schließ­lich dasselbe.

Ob die goldenen Aepfel der Hesperiden, die der brave Herkules holen mußte, wirklich Apfelsinen waren, kann dahin­gestellt bleiben. Die Hesperiden deuten nach Westen, und die Abenteuer, die der Herkules bei dieser Gelegenheit mit dem biederen Atlas zu bestehen hatte, gleichfalls. Die Heimat der süßen Goldfrucht ist aber, soweit uns bekannt ist, der ferne Osten. Aber wer soll es wisftn? Es ist keiner dabei gewesen, der die Richtigkeit oder Falschheit unserer Hypothese beweisen könnte. Jedensalls hat man diegoldenen Aepfel" jetzt billiger und man braucht sich nicht mit Riefen herumzuschlagen, um sie zu gewinnen.

Die Apfelsine ist der Liebling von Jung und Alt; man verspeist sie im Naturzustande, wie auch eingezuckert, allein und im Verein mit Aepfeln, roh und eingekocht zu allerlei Leckereien. Wer ein Kochbuch zur Hand nehmen will, der wird in ihm gewiß ein Fülle von Rezepten finden für Apfel- sinen-Aufläufe, -Saucen, -Kuchen, Sülzen und dergl. mehr. Besonders die süddeutsche und österreichische Küche hat viele derartige Speisen.

Wie beliebt die Frucht ist, sieht man auch daran, daß es offenbar vielen Menschen unangenehm ist, die Schalen und sonstigen Ueberreste als unnütz zu beseitigen. Man will mit der Schale der Apfelsine, die man flott aus der freien Hand verspeist hat, auch etwas anfangen können. Als Kinder aßen wir sorgfältig das Weiße ab und das Gelbe aßen wir später auch; nun, eine Delikatesse war es gerade nicht! Bisweilen finden wir jedoch in Hausfranen- Zeitnngen Angaben, wie die Schalen zu verwerten sind. Manche Hausfrauen trocknen die Schalen und verwenden sie in der Küche wie Zitronenschalen, sodaß bei ihnen schließ­lich Alles nach Apfelsinen schmeckt. Eine der einfachsten und vernünftigsten Verwendungen ist jedenfalls die, daß man einen Likör daraus bereitet, den man alsCuraxao" bezeichnen kann.

Das Verfahren ist fehr einfach. Man löst das innere Weiße ab, recht sorgfältig, denn sonst wird der Schnaps bitter, und schneidet das Gelbe in kleine Stücke, nudelför­mige Streifen oder dergl. Daun gießt man Franzbrannt­wein oder Korn oder auch gereinigten Spiritus, wenn man will, auch Cognac oder Rnrn darauf und läßt die Flaschen ober Krüge, in der sich die Flüssigkeit mit den Schalen befindet, drei Wochen oder länger stehen, am besten an einem kalten Orte. Sodann gießt man den Branntwein, der nun das ätherische Oel der Schalen in sich ausgenommen hat, ab und setzt aufgelösten Zucker hinzu. Schließlich wird das Ganze noch filtriert. Man rechnet auf einen Liter Brannt­wein die Schalen von fünf ober sechs Apfelsinen; auch etwas Zitronenschale unb eine Gewürznelke können bazn kommen, unb etwa ein halbes Pfunb Zucker. Man sieht schon, baß man burch bie verschiebenen Branntwein-Arten, bie man nehmen kann, burch verschiebenen Zucker- unb Wasserzusatz u. s. w. verschiebene Curaxao-Sorten erzielen kann. Man muß öfters kosten was ja nicht unange­nehm ist unb bie weiteren Zusätze nach bem Geschmack bemessen. Ist bas Getränk fertig, fo zieht man es auf Flaschen unb läßt es längere Zeit stehen, bamit bie aro­matischen Säfte sich recht innig mischen. Man wirb dann an dem selbstbereiteten Likör große Freude haben und, wenn Besuch kommt, ein wenig damit renommieren dürfen.

Redaktion: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.