Ausgabe 
18.4.1899
 
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Du bist es, Elfte, meine Tochter mein liebes, liebes, Kind! Ich habe Dir einst sehr, sehr wehe gethan verzeihe mir, verzeihe einer alten, kranken Frau, daß sie sich noch immer nicht frei von der Welt, von dem Leben machen konnte. Erst der Tod hat mich diese Freiheit gelehrt, und im Tode ^och will ich Euch glücklich machen, meine Kinder".

(Schluß folgt.)

Ja, Mutter, ich würde mein Volk lieben, denn des I Volkes Tochter hätte mich glücklich gemacht."

Sßetm Elste doch käme!"

Wie ein sehnsüchtiger Seufzer klangen die Worte durch das Gemach und zitterten nach in dem Herzen des tief­bewegten Fürsten. Still und regungslos, mit geschloffenen | Augen, mit leise atmender Brust lag die Sterbende da. Der Herzog stützte die Stirn in die Hand und blickte, in schmerzliches Sinnen verloren, zur Erde nieder.

Sein Leben zog in diesen tief wehmütigen Minuten an seiner Seele vorüber. Sein ruheloses, friedloses, ödes Leben, aus dem er sich nicht aufraffen konnte zu froher Schaffens­freude, zu glückbringender Thärigkeit. Einmal noch, im letzten Sommer, in dem kleinen Gebirgsstädtchen, hatte er gemeint, diese Schaffensfreude, diese glücklich machende Thätigkeit miederzuftnden. Die Hoffnung betrog ihn; er war einsamer, friedloser in sein fürstliches Schloß zurückgekehrt. Er war wieder hinausgestürmt in die Welt, er mochte nicht mehr in der altgewohnten Umgebung leben, ihn ekelten die Staats­geschäfte an, und nur die Nachricht von der schweren Er- . kranknng der Mutter führte ihn in sein ödes, einsames Schloß zurück.

Glücklich glücklich", drang es wie Geisterhauch über die Lippen der sterbenden Fürstin.Willst Du mir versprechen, Dein Volk glücklich zu machen, wenn ich Dich in der letzten Stunde meines Lebens noch glücklich mache?"

Mutter?!"

Ich habe Dir das Leben gegeben Du bist der Letzte meiner Söhne der Letzte Deines alten Stammes ich habe Dir das Leben gegeben, ich habe Dir das Glück ge­nommen der Letzte unseres alten Stammes unglücklich, der Letzte seiner Fürstenpflicht ungetreu, nein, nein, es darf nicht sein! Es soll nicht sein willst Du mir Dein Wort, Dein fürstliches Wort geben, Dein Volk glücklich zu

Die Aepfel der Hesperiden.

Von Dr. Karl Mischke.

(Nachdruck verboten.)

Um Weihnachten herum bekommen wir stets die ersten Apfelsinen, und dann bleiben sie auf dem Markt bis Ostern, ja bis Pfingsten. Die ersten Apfelsinen sind immer ziem­lich sauer, während sich die letzten dadurch auszeichnen, daß sie recht saftarm, so zu sagen etwas holzig sind. Aber in der Zwischenzeit, im Februar und März, bisweilen noch zu Anfang April, sind sie süß und saftig. Wer dreißig oder mehr Jahre zurückdenken kann, der wird wissen, daß damals diese köstliche Frucht, der Liebling unserer Kinder, noch eine rare Sache war; aber seitdem hat sich der Weltverkehr- bedeutend gehoben, und der vornehme Hesperiden-Apfel ist populär geworden. Ja, wenn der Frühling herannaht und unsere heimischen Aepfel auf die Neige gehen, wird es oft­mals vorteilhafter, Apfelsinen zu genießen, als unser heimisches Obst. Auch ist gegenwärtig noch nicht daran zu denken, daß ihre Einfuhr beschränkt werden könnte; wenig­stens hat man auf ihnen noch keine Schildläuse entdeckt, wie auf den amerikanischen Aepfeln.

Merkwürdig ist an der interessanten Frucht schon der NameApfelsine"; ein sonderbares Wort, halb deutsch, halb exotisch! Wer es nicht weiß, wird schwerlich darauf kom­men, woher das Wort stammt. Der zweite Bestandteil ist nämlich China: noch im vorigen Jahrhundert schrieb man jenes große ostasiatische Reich vielfachSina". Pomme de Sine bedeutet eigentlich weiter nichts alsApfel aus China", und das warme südliche Ostasien ist in der That das Stammland der Apfelsinen, wie auch der verwandten Zitrone, Pommeranze, Limone u. s. w. Im Namen hat

machen?"

Der Herzog sank vor dem Lager auf die Kniee und verbarg sein thränenüberströmtes Antlitz in die Kissen.

Ich schwöre es Dir, meine Mutter!"

Sie legte ihre zitternde Hand auf sein Haupt.

Die Welt ist eine andere geworden die Unterschiede , ........ .......

-er Menschen, die Unterschiede des Ranges fallen mehr und I sich das Ursprungsland erhalten, wenn die Fruchte auch schon mehr - wenn man dem Tode ins Angesicht schaut, begreift seit recht langer Zett, seit der Zett der Kreuzzuge nn fud- man, wie diese Unterschiede schwinden, wie alle Schranken I lichen Europa, in Italien, in Griechenland kultiviert werden, fallen können. Weshalb soll ein Fürst nicht ein edles Mädchen | jenen Ländern, wo heute für uns die Zitronen blüh n, im aus dem Volke zu seiner Gattin erwählen dürfen? Ach, dunklen Laub die Goldorangen gluhn. Auch im Namen der im Tode sind wir alle gleich, in dem Tode, wie in der ersten 1 dieser Frucht verwandten Pommeranze finden wir den Bestand- Stunde unseres Lebens! Ernst, mein lieber Sohn, ich segne teilPomme«,.Apfel: der zweite Theil dieses Namens ist Dich, ich segne Elfte, meine Tochter, ich segne Eure Liebe, auf tue latelmsch-botamsche Bezelchnui^ Aurautium zuruck- ßuren Bund!" I zufuhren, tn der das Wort Aurum (Gold) steckt. Hiervon

Sie sank erschöpft zurück. Der Herzog weinte still vor 1 abgeleitet ist auch Orange, der Name für die Frucht und die stck hin. Er glaubte, seine Mutter spräche in den Fieber- I Farbe.

schauern des nahenden Todes. Plötzlich fuhr fie empor. I Es giebt natürlich unzählige Sorten und Abarten der L>örst Du nichts?" I Apfelsinen, die int Handel verschiedene Namen führen, Blut-

Etn dumpfes Rollen drang in das stille Krankenzimmer. I orangen, Mandarinen u. dgl. m. Wir wollen hier gleich Der Herzog erhob sich, er winkte der Kammerfrau. I bemerket!, daß die Botaniker sich nicht ganz einig find, ob Diese entfernte sich eilig, um nach einigen Minuten wiederzu- I sie die Zitrone, Lun°"e, Limette, Bergamotte und andere ?-kren und dem L>erzoä einige Worte zuzuflüstern. I Verwandte als bloße Abarten einer gemeinsamen Art auf-

Mutter Elsie is? gekommen!" fassen sollen, oder ob sie gesonderte Arten darstellen.

"Ach, also doch nicht za spät. Tie letzte Gnade, der I Die Entwiö^lung der Apfelsine ist eine recht merkwur- letzte Sonnenblick! Führt sie herein, mein Kind, mein dige. Das Fruchtfleisch nämlich, für unsere Genußzwecke Töchterchen, ich habe keine Zeit mehr zu verlieren!" I der hauptsächlichste Teil der ganzen Frucht, kommt auf recht

Und schon öffnete sich die Thür und die Oberhofmeisterin ungewöhnliche Werse zu stände.

X y " 1 Sehen wir uns einmal eine Apfelsinenfrucht, ehe wir

,Ew. Hoheit, Fräulein Hannecken ist gekommen, wie über sie herfalleu, geuauer an. An dem einen Ende trägt fjfnhn I" sie meist noch ein kleines Sternchen, das sich leicht ablosen

Rasch rasch'' Wo ist sie?' läßt; das ist der Rest des Kelches, der die Blüthe umschloß.

Tie Sterbe richtete sich mit ihrer letzten Kraft Eine gelbrothe Schale unter der ein weißes fchwamm-ges empört unttrstützt von dem Herzog. Eine dunkle, schlanke Gewebe sitzt, schließt die Frucht em. Schale enthalt Gestalt eilte in das Gemach, und im nächsten Augenblick lag I eine Fülle von Drusen, die em aromatisches Oel entha . (gifte weinend vor dem Lager der Fürstin auf den Knieen, Drücken wir ein Stuck dieser Scha e zwischen den F ngern die erkaltenden Hände der Sterbenden küssend. 1 zusammen und lassen den herausspritzenden Saft in die