Ausgabe 
18.4.1899
 
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Bord kamen, habe ich nicht erfahren. Daß sie sehr pünktlich I gewesen sein sollten, möchte ich bezweifeln, jedenfalls aber find sie sehr geräuschlos heimgekehrt. Diesen Punkt 6e- I treffend, ist ein Vorderkastell sehr gut geschult. Nie wird absichtlich ein Maat die berechtigte Ruhe des anderen stören. Es gilt dies gewissermaßen als ein stillschweigend ange- I nommenes Gesetz unter der Mannschaft. In einer Ber- I sammlung, sei es in der Kirche, oder an einem anderen Ort, I wo Stillschweigen zur Sache gehört, kann dieses nicht strenger I beobachtet werden, wie hier. Die Fretwache, oder die Leute, I welche an der Reihe sind zu schlafen, werden von ihren I Maats eifersüchtig vor jeder Störung gehütet.

Dies ist sehr vernünftig und zum allgemeinen Besten, I denn auf See kann niemand wiffen, wie lange er seinen, I der Wache halber immer nur auf vier Stunden bemessenen Schlaf ungestört genießen kann, und wie viel Tage und Nächte vergehen können, ehe ihm wieder Ruhe vergönnt ist.

Als ich auswachte, hörte ich die Hafenuhr zwei schlagen und auf einigen großen Schiffen vier Glasen. Das Vorder­kastell hallte wider von dem Chor der tief Atmenden und Schnarchenden. Bei dem flackernden Licht der Lampe konnte ich Halbwege die Leute auf ihren Pritschen liegen sehen, einige mit über die Seiten herabhängenden Beinen, andere ! mit den Füßen höher als der Kopf. Einen Mann bemerkte j ich in tiefem Schlaf auf dem Boden sitzend, den Rücken gegen eine Kiste gelehnt, die Arme gekreuzt und den Kopf fast bis auf die Knie herabgesunken.

Dies war der Kerl, der ins Waffer gefallen war. Er trompetete durch die Nase, daß es klang, wie wenn die Schulterbretter einer Schiffsseite, wie es manchmal beim Anlegen vorkommt, knirschend an einer Mauer entlang streichen.

Man muß eine ganze Lehrzeit auf See abgedient haben, um imstande zu sein, inmitten solchen Nasen - Orchesters schlafen zu können. Zum Glück für mich war ich als Maat in derselben Wache mit einem Schiffsjungen zusammen ge­wesen, dessen Schnarchen in der Stille der Nacht wie das Schnauben eines am Schiff vorbeistreichenden Walfisches klang. Ich konnte daher diesem Raspeln, Sägen und Gurgeln ein abgehärtetes Ohr entgegenstellen und ohne An strengung meinen Schlaf fortsetzen.

Bum! bum! ging es da plötzlich über mir, und gleich darauf brüllte eine rauhe Stimme:Freiwache: alle Mann! rup mit Jug mien Jungs!''

Der Ernst des Lebens trat nun mit seiner ganzen Kälte wieder an mich heran- nach wenigen Minuten waren wir alle auf Deck.

Es schien ein klarer Tag werden zu wollen- der Wind blies frisch vom Ufer. Der Rauch des Schleppdampfers, welcher uns aus dem Hafen bugsieren sollte, flog vom Schornstein in gerader Linie der See zu. Die Leute der Molenwache standen da und gaben acht, ob wir ihrer Hilfe bedürfen würden- außer dieser war um den ganzen Hasen herum keine menschliche Seele zu sehen. Die Morgen­dämmerung lag kalt und grau über der Stadt, aber die Sonnenscheibe hob sich schon am Horizont, und der Himmel erglänzte auf jener Seite von ihrem flammenden Licht.

Das Schlepptau der Brigg wurde bereit gehalten, und bald kam der Dampfer und legte sich vor uns. Eine Leine, an welcher das Schlepptau befestigt war, wurde an Bord des Dampfers geworfen, und das Tau auf diese Weise an­geholt. Nach kurzer Zeit war die Brigg von ihren Pfahl­ringen am Hafendamm befreit. Darauf zog der Schlepper an, drehte unseren Bug herum und brachte uns in die Mitte des Hafens. Bald danach hatte unser Schiffsschnabel die Richtung seewärts, der Schlepper gab mehr Dampf, die Schaufelräder plätscherten, das Bugfiertau spannte sich mit summendem Ton, und einen Augenblick später glitten wir, die Molen schnell hinter uns lassend, der offenen See zu.

Als wir so dahtnfuhren, der vom Dampfer aufgewirbelte Schaum gegen unsere Backen rauschte, und die Brigg der

rasch kommenden Flut entgegentanzte, wurde der Beseh! ge­geben, Klüver- und Stagsegel zu setzen. In der nächsten Minute schon gingen diese Segel an ihrem Letter auf und es erfolgte der weitere Befehl für das Top- und das Fock­segel. Schnell wurde die Falle bemannt, und als ich ins Takelwerk sprang, die Fock spannen zu helfen, wurden die Segel unter dem munteren Gesang der Mannschaft aufgeholt.

Von meinem hohen Sitz auf der Fockraa, hatte ich gute Aussicht auf das Land und das blaue Wasser des englischen Kanals. Die ausgehende Sonne strahlte über die stille, noch schlafende Stadt, und ließ jedes nach der See hinausliegende Fenster wie eine lodernde Pechpfanne erscheinen. Einen herrlichen Anblick boten die grünen Abhänge deS Ufers, die blaßgelben Dünen und die felsigen Ränder deS Küste. Frisch, und gleichzeitig warm, wehte die Brise, es war unmöglich, sich dem erheiternden Einfluß des klaren, schönen Morgens zu entziehen.

Als sich unsere Segel im Wind- füllten, schleppte das Kabeltau, welches uns mit dem Dampfer verband, bald schlaff im Wasser. Ich begriff nicht, daß wir nicht einfach unsere Untersegel und Bramsegel den schon stehenden hinzu­fügten und dem Dampfschiff davonfuhren. Die Brigg bet dieser Brise bugsieren zu lassen, erschien mir gerade so, wie wenn man einem willigen Pferde die Sporen giebt. Jn- i dessen, was kümmerte das mich, der Kapitän mußte wiffen, i was er that.

Das Schleppschiff verließ uns endlich, nachdem wir ein Dreimeilen - Seezeichen passiert hatten, und als es, bei uns vorbei, zum Hafen zurückdampfte, brachten seine Leute uns ein Hurrah, welches wir erwiderten. Auf der See ist für Sentimentalität keine Zeit, sonst würde mich die Trennung I von diesem letzten Lande, welches uns mit der Heimat ver­knüpft hatte, veranlaßt haben, meine Arme auf das Ge­länder des Vorderdecks zu stützen, meine Augen auf das blaue Land zu richten und mich meinen Gedanken hinzu­geben.

Alle leichten Segel waren bereits gesetzt- es blieben nur noch die großen Segel zu hissen, und da gab es alle Hände voll zu thun. Der Koch hatte die Wahrheit gesprochen, als er über das laufende Tauwerk klagte. Die Scheiben in den Blöcken drehten sich schwer, wir mußten alle unsere Kräfte zur Aufhebung der großen Segel einsetzen und hatten schwere Arbeit mit den Läufern. Ich, der ich vollgetakelte Schiffe gewohnt war, schimpfte nicht schlecht über das Windezeug dieses zweimasttgen Fahrzeugs.

(Fortsetzung folgt.)

(Nachdruck »erboten.]

Die Armenhausprinzessin.

Roman von O. Elster.

Ja, es wird bald alles vorüber sein. Deshalb laß mich sprechen. Du bist nicht glücklich geworden Du hast nicht glücklich gemacht. Du hast Deine Fürstenpflicht erfüllt, Dein Herz, Deine Liebe zum Opfer gebracht, aber weder Du noch Dein Volk ist glücklich geworden, denn Du hast Deine andere Fürstenpflicht versäumt, Du haft Dich von Deinem Volk abgewendet, Du hast nicht mit Deinem Volk gelebt!"

Ueber der Fürstenpflicht steht die Menschenpflicht, Mutter. Ich bin auch nur ein Mensch, und ich kann nicht vergessen".

Und wenn Du glücklich geworden wärest, wenn Du ein glücklicher Mensch wärest, mein Sohn, würdest Du dann auch ein Volk glücklich machen?^

Ich würde es versuchen, Mutter.-

Würdest Du Lein Volk lieben würdest Du in seiner Mitte leben würdest Du mit ihm Leid und Freud teilen?"