Ausgabe 
17.12.1899
 
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au die Freude des Vaters und der natürliche Ehrgeiz und die Stetigkeit der Knabrnnarur, hinderte ihn, mit seinem Geigenbogen dieselben Ecken Heimzusuchen wie der befreite Bruder. Er begann den Ferrandini zu hoffen, der ihm, so oft er auch bat, auch keinen einz'gen Lauf, keine Fioritur erließ. Da trat er denn eines Morgens vor seinen Lehr­meister hin und verlangte ganz kategorisch, er solle für ihn eine einfache, schlichte Melodie setzen, bei der man an Weih­nachten denken könne, sonst werde er keinen Ton geigen.

Das konnte auch nur ein Deutscher verlangen! Eine schlichte Melodie! Ein Ding ohne jeden Effekt!

Ja, diese Deutschen waren nun einmal nicht für die Musik geschaffen, die armen Leute! Aber woher nun solch rin armseliges Tonstück nehmen?! Mit dem so­genannten Vater Bach war erst recht nichts anzufangen, der ließ sich gar nicht beikommen, wenigstens Ferrandini wagte keine seiner Melodien, in seiner ihm eigenen Weise, für seinen Schüler zurecht zu stutzen, und von ihm selber konnte doch kein Prinz der Erde im Ernst verlangen, daß er eine elende, unverzierte Melodie setze. Der Lehrmeister fing allmählich an, über den Eigensinn des jungen Prinzen zu verzweifeln. Dabei verstrich die Zeit in rasender Eile und jeder Tag war unter diesen Verhältnissen als ein unwieder­bringlicher Verlust zu bezeichnen. Da, mitten in dieser ungewohnten Arbeit des Grübelns und Sinnens, traf den Geigenmeifter der Besuch eines jungen deutschen Kollegen, eines Kapellmeisters aus Prag der sich, wie er ihm naiv gestand, einmal umsehen wollte, ob kein Plätzchen in dem großen Dresden frei werden könnte, wo er sich ein Nestchen bauen dürfe, als Musiker, Klavierspieler und Komponist.

Gin Platz für einen deutschen Musiker in der Residenz an der Elbe! Es war erstaunlich, wie eingebildet doch solche Anfänger sich zeigten! Aber zur raschen Komposition einer Melodte, wie sie der junge Prinz sich wünschte, war der Fremde vielleicht gut genug, das war der erheiternde Gedankengang Ferrandinis. Und so trug er denn seinem Gast ohne langes Besinnen den verzweifelten Fall vor. Der aber lachte und versprach Hilfe unter der Bedingung, bet den Proben wie bei der Aufführung die Klavierbegleitug übernehmen zu dürfen.

Mit lebhaftem Vergnügen sagte Ferrandini zu, würde doch dieser junge Deutsche seinem eigenen Ruhme nimmermehr auch nur einen Moment zu schaden imstande sein. Vielmehr war sogar mit Gewißheit eine kleine Niederlage des fremden Musikers vorauszusehen und zwar eine doppelte: denn wie konnte erstens solche Melodie so rasch aus dem Aermel geschüttelt werden, und wie vermöchte Prinz Johann sie in so kurzer Zeit zu bewältigen. Schrieb man doch schon den 18. Dezember und am ersten Weihnachts­tage sollte die Aufführung sein, im Palais des Prinzen Max.

Wann können Sie fertig sein?" fragte der Italiener, etwas von oben herab.

Gleich heute!"

Keinen Scherz ich frage im vollsten Ernst."

Der müßte doch ein schlechter Musikant sein, dem nicht zu allen Stunden irgendwelche Weise durch Kopf und Herz flöge und nun gar im WeihnachtSmond! Wenn Sie gestatten, setzte ich mich gleich hier hin!"

Gewiß aber kann denn bei solcher Eile etwas herauskommen?"

Wenn da drinnen," hier schlug der Fremde an seine Brustetwas Gutes singt und klingt, ohne Zweifel. Und obendrein ist heut mein Geburtstag! Zu solchen Zeiten gelingt den Menschenkindern ohnehin alles bester! Wir können morgen früh zum Prinzen gehen mit dem Musikstück, mein lieber Ferrandini!"

Der Italiener lächelte ungläubig. Was sich dieser kleine, schmale, unansehnliche Mann da, mit der großen Nase, einbildete! Der Prinz würde sich wundern über diesen hinkenden, schlichten Begleiter. Ob er ihm wohl zu im­ponieren vermöchte?! Sicher nicht! Der Prager Kapell­

meister aber saß schon an Ferrandinis Arbeitstisch der Italiener ließ eine Flasche Wein bringen und empfahl sich mit der Weisung, daß derHerr Kollege" am nächsten Tage sich um 10 Uhr im Palais des Prinzen Max einzufinden habe, um von Ferrandini seinem jungen Schüler vorgestellt zu werden.

Als der Herr Hofgeiger nach einer Stunde sein Arbeits­zimmer betrat, waren Zimmer und Flasche leer. Ein Zettel lag nur da, worauf die Worte standen:Ich bin fertig. Auf Wiedersehen!"

Der Weichnachtsabend war gekommen. Im Palais des Prinzen Max ging es zu, wie in jedem tannenbaum - durch­dufteten Bürgerhause- der liebe, fröhliche Chrtstbaum mit seinen Kerzen brannte für die Kinder, die Prinzessin Luise ging mit strahlenden Augen und glühenden Wangen von einem zum andern und freute sich an dem Jubel der Be­schenkten und dankte Gott im stillen, daß alle die jungen Herzen voll Liebe sich ihr zugewandt. An allen Plätzen lagen kleine Gedichte der Prinzessin Amalie, der jugendlichen Hauspoetin, und in allen Augen leuchtete die Freude. Der Prinz Max dachte schon an den morgenden Hauskonzert­abend und mit ihm wohl der junge Geigensoltft- denn der Prinz Johann schlang eben seine Arme um den Nacken der Stiefmutter und flüsterte:ich habe noch einen Wunsch!"

Was ist's mein Kind?"

Darf ich einem deutschen Musikmeister, der mir für morgen eine schöne Melodie gemacht und einstudiert hat, und den Ferrandini Euch ja zum Abend zuführen wird, ein Stück von meinem Weihnachtskuchen bringen? Du weißt, er ist fremd und allein hier, und reist erst nach dem Feste nach Prag zurück, und niemand wird ihm also einen Christ- baum anstecken."

Die Prinzesfin nickte lächelnd.

Weißt Du denn, wo er wohnt?"

In der Schloßgaffe, im grünen Baum. Unser alter Paul kennt das Haus, der kann mit gehen!"

Es war nichts Ungewöhnliches, die prinzlichen Kinder, beladen mit Paketen, in Begleitung deS treuen Dieners, in die Häuser der Armen eintreten zu sehen, für welche das prinzltche Paar zu allen Zeiten offene Herzen und Hände hatte. So durfte denn auch am Christabend der junge Prinz sofort seinen Weg antreten, mit glückseligem Herzen. Lieb gewonnen hatte er ja seinen fremden Lehrmeister in der ersten Stunde des Beisammenseins, als er ihm auf dem Klavier die neue Melodie vorgespielt, und imponiert hatte er ihm auch, trotz der unscheinbaren kleinen Gestalt, und dem etwas hinkenden Gang. Es stand da etwas auf der hohen Musikerstirn, es leuchtete da etwas aus den dunklen Musiksr­augen, das die junge Seele seltsam gefangen nahm. Eine leidenschaftliche Dankbarkeit empfand er für den Komponisten einer Melodie, die fast von selber über die Saiten seiner Geige zu gleiten schien und die ihm gefiel, wie ihm noch keine Melodie der Welt gefallen. Was wohl der Vater morgen sagen würde?!

Freilich hatte der deutsche Musiker während des UebenS gar oft verzweifelt gerufen:um der heiligen Cäcilia willen reiner, Prinz, sonst lasse ich Sie morgen im Stich!" aber das verzieh ihm der junge Teiger gern. Die Melodie war gar zu lieb. Und das Allerschönste schien ihm doch daß sie so kurz war!

Die Wethnachtslichter in den Fenstern waren schon fast überall erloschen, der laue Jubel verstummt. Der Schnee knisterte unter den Füßen der Wanderer, die Sterne grüßten so groß und klar vom Himmel nieder, hier und da wurde von Kinde>stimmen der süße alte Sang laut, von der stillen heiligen Nacht, und die Glocken der Kirchen verkündeten laut der Erde den heiligsten Frieden.

Im grünen Baum, ganz oben im dritten Stock, war noch ein Fenster hell.

Der Herr Kapellmeister ist also daheim," sagte der alte Diener.Nun, er sitzt gewiß dort und schreibt wieder