Ausgabe 
17.10.1899
 
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tift eigen. Und so hatte er auch eines TageS, als er zum wohlbestalltenordentlichen" Gymnasiallehrer aufgerückt war, ohne Bangen vor der Zukunft, feiner still verehrten Jugendsiamme, die als Lehrerin an der höheren Töchter­schule ihr bescheidenes Brot, Hand und Herz für's Leben angetragen. Es war kein himmelhochjauchzendes Glück, was ihm unter einer von Jahr zu Jahr wachsenden Kinder­schar blühte, dazu war er ja doch eine zu genügsame, trockene Natur, es war ein Glück, bestehend aus Dank­barkeit für die guten, und aus Resignation gegenüber den schlimmen Launen des Geschickes Abgesehen vom Kinder­reichtum, hatte er keinen irdischen Reichtum erworben. Aber man schlug sich eben durch, schlecht und recht.Auch ihm ist das Weib zum Schicksal geworden," sagte der Doktor vor sich hin.

Es war spät nachts, als er ermüdet sein Heim betrat. Ihn umarmte kein liebendes Weib an der "Thür, ihm jauchzte keine helle Kinderstimme entgegen. Während sein Diener ihm Pelz und Gummischuhe abnahm, richtete die Haushälterin, eine alte, sauber gekleidete Frau, das Abend- brod für denlieben Herrn" zu. In gewohnter Hast ver­zehrte er sein frugales Mahl und zog sich in sein behaglich durchwärmtes, vom matten Schimmer des Gasglühlichts erleuchtetes Studierzimmer zurück. Bald umfing ihn der Zauber sinnender Einsamkeit. Die Eindrücke des Tages ließen ihn nicht los. Ganz besonders beschäftigte ihn der Kontrast zwischen dem Schicksal eines Menschen, wie es sein freiherrlicher Klient war, und feinem alten Jugend­freunde. Beider Schicksal bestimmte das Weib. Und er felber, war er denn besser daran, obwohl er allen lockenden Versuchungen und wohlgemeinten Ratschlägen der Freunde und Angehörigen zum Trotz unbeweibt geblieben war und ein alter, grillenhafter Sonderling zu werden drohte? Er ging lange sinnend, mit einer nie empfundenen Unruhe, im Zimmer auf und ab dann zog er ein Schubfach seines Schreibtisches auf und entnahm demselben die Photo­graphie einer Dame. Er stellte sie vor sich hin. Das war sie, sein Stern, sein Unstern vielmehr! Welche verhängnis­volle Fügung hatte ihn vor Jahren in ihre Nähe geführt. Zuerst als Arzt, dann als Freund ihres Hauses und dann! Aber nein, vor seinem Gewissen stand er rein da. Nie war ein unbedachtes, unstatthaftes Wort ihm über die Lippen gekommen. Er wußte es zu genau, daß ein einziges Wort über sie beide unendlichen Jammer bringen konnte. Schwei­gend litt er, aber war er darum weniger elend, weil er schwieg? Er setzte sich vor das Bild und betrachtete es erst mit finsteren Blicken, wie sein unentrinnbares Fatum. Aber wie das Urbild vor ihm aufstieg, das edle, durchgeistigte Oval, die großen, von Güte und Geist leuchtenden Augen, deren tiefes Blau einen entzückenden Gegensatz zu dem glänzend schwarzen, griechisch geknoteten Haar bildete, da zog das Erbarmen in sein Herz ein, das Erbarmen mit ihr, von der er wußte, daß sie litt gleich ihm, und das Erbarmen mit sich selber. Wie zur Entschuldigung seines von ihm angeklagten Jchs sagte er sich, daß nicht eine verbrecherische Regung ihn zu ihr zog, nein, ein höheres, eine Art Wahlverwandtschaft, welche mit den feinen, un­sichtbaren, aber unzereißbaren Fäden der Sympathie seine Seele an die ihrige kettete, welche ihm mit der Macht der Liebe die Fähigkeit gab, zu entsagen. Sie war seit Jahren an einen braven, schlichten Mann verheiratet, dem sie liebe Kinder schenkte, und was die Liebe nicht vermocht, das ver­mochte die gemeinsame Not und die Gewohnheit, wie in so vielen Ehen. Mit seltenen Gaben des Geistes und des Herzens ausgestattet, das schöne aber arme Kind eines Lehrers, hatte sie an der Seite ihres Gatten wohl nicht die Erfüllung ihrer Jugendträume gefunden, sondern nur das Los der dienenden, leidenden Gattin und Mutter. Aber sie trug ihr Los nicht blos mit Geduld, sondern

mit der Anmut der Karyatiden, jener lieblichen jungfräu lichen Gestalten, welche in der Architektur so oft als Trägerinnen des schweren Gebälks, vorgekragter Balkone und anderer Bauteile funktionieren. Keine Falte des Unmuts in dem Antlitz verrät die schwere Bürde, indes die Herkulesgestalten, welche die gleiche Rolle zu spielen, verdammt sind, in der krampfhaften Anspannung aller Muskeln, in den verzerrten, trotzig blickenden Gesichtern das Wesen des Mannes versinnbildlichen, dessen über­schäumende Kraft aus der lähmenden Ruhe hinaus verlangt nach Sturm und Wellen.

In solchen Betrachtungen versunken, wurde der Doktor durch den schrillen Ton der Nachtglocke aufgestört. Rasch verbarg er das Bild in seinem gewohnten Versteck. Die eintretente Haushälterin meldete, daß man ihn dringend zu einer Entbindung verlange. Er zeichnete noch eilig in sein Tagebuch die Worte ein:Das Weib ist unser Ver­hängnis. Vom Weibe bist Du gekommen, zum Weibe mußt Du zurückkehren; das ist der Magnetberg, welchenr das Lebensschifflein des Mannes willenlos zusteuert." Dann befahl er seinen Wagen und gedachte seiner Pflichten, um sein Herz zu vergessen.

Vermischtes.

Die Macht des Papstes. Unter Papst Clemens VII. (Giulio de Medici), 15231534, der 1530 die letzte deutsche Kaiser­krönung in Italien zu Bologna an Kaiser Karl V. vollzog, begann der geniale Michelangelo sein berühmtes Wandgemälde in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans in Rom, dasJüngste Gericht", ein Kunstwerk von überwältigendem Reichtum in der Komposition, und von erschüttern­der und höchst wirkungsvoller Kraft der Darstellung, die noch heute auf den Beschauer den tiefsten Eindruck macht. Unter den in dieHölle" versetzten Figuren des Bildes hatte der große Künstler einen gewissen Kardinal gemalt, der keineswegs einer seiner Freunde war. Er hatte denselben so ähnlich und naturgetreu dargestellt, daß jedermann ihn leicht erkennen konnte. Der Kardinal fühlte sich dadurch schwer beleidigt und begab sich sofort zum Papste, um ihn um Sühne des Schimpfes zu er­suchen, indem er verlangte, daß seine Gestalt unverzüglich von dem Gemälde entfernt würde. Aber der Papst antwortete ihm ruhig:Sie wissen, Monsignore, wie weit meine Gewalt reicht; ich kann aus dem Purgatorio (Fegfeuer) befreien, aber nicht aus dem Inferno (Hölle)." Und so ist, soviel wir wissen, die Gestalt des Kardinals auf dem Bilde noch heute zu sehen.

Alts der Schttle. Lehrerin:Elsa, was kannst Du mir von den Schnecken sagen?" Schülerin:Sie stellen im Tierreiche die Sekundärbahnen vor." (Deutscher Tierfreund.)

Gericht in England. Richter:Wie kamen Sie dazu, den Buren anzufallen und seine Börse zu verlangen?" Englishmatt: Ich hatte ein historisches Anrecht ans seine Börse." Richter: Wieso?" Englishman:Ich Hahe ihm schon vor 25 Jahren seine Uhr gestohlen." Richter.Aoh indeed, Sie sind im Recht. Bitte, bedienen Sie sich."

Ein Philolog hat gezählt, daß die englische Sprache 260000Wörter habe, die deutsche 80000, die italienische 75000, die französische 30000 rc. Auf ein deutsches Wort kommen demnach drei englische. Das dürfte stimmen. So haben die englischen Staatsmänner z. B. die drei Wörter Claim, preteneion und title für das eine deutsche WortFrechheit".

(Münchener Jugend.")

Silbenrätsel.

(Nachdruck verboten.) ac, d, dam, e, ha, hu, il, ir, new, mi, or, p, ra, s, sa, sal, sch, t, t, ti, tis, wal.

Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sieben Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangsbuch­staben, von oben nach unten, und die Endbuchstaben, von unten nach oben gelesen, ein Sprichwort ergeben.

Es bedeuten aber die einzelnen Wörter der Reihe nach folgendes: 1. Stadt in Baden. 2. Sibirischen Strom. 3. Ein Kristall. 4. Afrika­nisches Gebiet. 5. Stadt in Holland. 6. Englische Hafenstadt. 7. Kleines Raubtier.

Auflösung folgt in nächster Nummer.

Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Nummer: BUBEN URAL BAD

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Rt>eRi»u: 8, Burkhgr-t. Druck und Verlag der Brühl'schen Umversitäts-Kuch- und Steindrrrcktrri (Pietsch Erben) in Gießen.