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des Treibens müde, und mich fröstelt in dem nordischen Winter." Der Doktor klopfte seinem Klienten Brust und Rücken regelrecht ab, lauschte hier und da, dann erfaßte er die feine Hand, sah dem Patienten lange in's Gesicht und meinte bedächtig:Sie sind der alte, unverbesserliche Neu­rastheniker, mein lieber Freiherr. Auch das fortgesetzte süße Nichtsthun ermüdet am Ende wie eine Arbeit, und wer immer in behaglicher Wärme sich aufhält, statt in Sturm und Wetter sich zu stählen, den fröstelt schließlich bei jedem Witterungswechsel. Ich meine das inseelischer Beziehung," fuhr er abwehrend fort, als er in den Mienen seines Klienten den Geist des Widerspruchs sich regen sah. Jeder Mensch muß ein wenig sein eigener Arzt sein, das ist die schönste Frucht der Selbsterkenntnis. Unbewußt birgt ein jeder einen Fond von Willenskraft und Geduld in sich; wollte er in schwachen Momenten dieses köstlichen Schatzes nur eingedenk sein, er würde Herr werden über mancherlei Leiden des Leibes wie der Seele. Aeußere und innere Nöte, welche den Menschen erziehen, haben Sie offenbar nie kennen gelernt. Ihren Reichtum neidet Ihnen die Welt, und um Ihrer gesellschaftlichen Erfolge, Ihrer sogenannten Eroberungen willen, welche Sie ohne einen Tropfen Ihres Herzblutes wie den selbstverständlichen Ge­winn am Spieltisch des Lebens einheimsen, sind Sie der Lieblingsgegenstand der Lästerzungen geworden."

Ohne einen Tropfen meines Herzblutes? Sind Sie dessen so sicher, Doktor?"

Statt der Antwort wies der Doktor lächelnd auf die vielen, meist verblichenen Photographien auf Tischen und Tischchen, welche eine förmliche Galerie schöner, interessanter Frauenköpfe darstellten. Er griff einen von den kostbaren Nahmen heraus, schaute mit großen, erstaunten Blicken auf ein selten schönes Frauenantlitz darauf und konnte sich des Ausrufs nicht enthalten:'Auch Du, meine Tochter, auch Du? Auch diese duftige, farbenglühende Rose, an deren Dornen sich mancher kühne Werber Herz und Hände blutig gerissen, ist Ihnen mühelos in den Schoß gefallen?"

Sie kennen das Original, Doktor?"

Wie sollte ich nicht? Wenn es auch heißt, ich ginge in meinem Beruf förmlich auf, so gehe ich in demselben doch nicht unter. Obschon ich nicht zu den Habitues des Theaters zähle, möchte ich Erscheinungen wie Sudermanns Glück im Winkel" doch nicht fern bleiben. Das allgemein Menschliche, das Aktuelle in den Schauspielen hat für den Arzt, der Leib und Seele seiner Klienten oft gleichzeitig zu behandeln hat, ein gewaltiges Interesse. Sudermanns Charaktere, Individualitäten voll Leben und Leidenschaft, können aber auch nur von künstlerischen Individualitäten dargestellt werden. Oder meinen Sie, das holde Original dieses Bildes, Ihre Lilli, hätte eine solche Elisabeth sein können, ohne ein Stück wenigstens ihres Selbst daran zu geben? Liegt in diesen großen, grauen Märchenaugen nicht die dämonische Leidenschaft? Und sprechen aus der hohen Stirn, über die sich schmeichelnd die Löckchen schmiegen, nicht Willenskraft und Selbstbeherrschung und Entsagungsfühig- keit? Ich begreife nicht, warum unsere Stadt nicht be­müht war, eine solche Kraft um jeden Preis zu erhalten. Aber freilich, ein Glück in diesem Winkel wäre kein Glück für diese Elisabeth gewesen. Und jetzt finde ich sie hier wieder! und Sie, mein lieber Freund, sind krank und müde, und frösteln, seitdem dieses Weib die Stadt verlassen. Leugnen Sie nicht! Ihnen, wie manchem anderen ist das Weib zum Schicksal geworden. Der Gram darüber, daß die Fessel der Konvention den reinen Menschen in Ihnen gefangen hält, hat Sie zu dem gemacht, was wir Aerzte den Neurastheniker nennen. Ich beanspruche keine förm­liche Beichte von Ihnen, nur das eine möchte ich von Ihnen bestätigt hören, was den höchsten Ehrgeiz des Arztes ausmacht, die Richtigkeit meiner Diagnose."

Die Richtigkeit der Diagnose sei Ihnen eingeräumt, lieber Doktor; aber nun, wie steht es mit Ihrer Heilkunst?

Verweilen Sie einen Augenblick in meiner Bibliothek nebenan und rauchen Sie eine Cigarre; inzwischen kleide ich mich an, setze mich zu Ihnen, und höre aufmerksam und gehorsam die therapeutischen Maßnahmen, die Ihr Scharf­sinn für Ihren armen Patienten ersonnen."

Als der Doktor sich eine halbe Stunde später verab­schiedete, rief er noch in der Thür seinem Klienten die Worte zu:Das verspricht eine rasch wirksame Kur zu werden. Während unserer ganzen Unterhaltung, die ich zu meinem Schmerz so bald abbrechen muß, hat sich ein Teil Ihrer Genesung unter meinen Augen bereits vollzogen. Leben Sie wohl, mein lieber Freund, ich wünsche Ihnen gute Besserung in doppeltem Sinne des Wortes.

Gleichfalls!" hallte es dem Doktor noch schelmisch nach.

Gleichfalls mir?" wiederholte er, plötzlich ernst ge­worden, als er wieder in seinem Koupe saß.Ein Reis vom Narrenbaum trägt jeder an sich bei, der eine trägt es zu, der andere trägt es frei." Er achtete kaum der vielen Grüße der Vorübergehenden. An einer Straßenecke aber befahl er dem Kutscher langsamere Fahrt. Inzwischen blickte er verstohlen nach den Fenstern des Eckhauses empor. Mein Schicksal," seufte er. Und wie auf Verabredung, wie eine holde Offenbarung jenerWirkung in der Ferne" erschien eine Frauengestalt oben am Fenster, ein lockiger Kinderkopf daneben, und bald tauchten zwei weitere Buben­köpfe zur Seite auf. Der Doktor schaute empor, lüftete den Hut, und der feine Frauenkopf oben neigte sich sanft grüßend hernieder. Die Buben trommelten vergnügt an die Fensterscheiben und riefen:Onkel, Onkel Doktor!"

Zu Oberlehrer Gebhard I" rief der Arzt dem Kutscher zu. Rasch bog das Gefährt um die Ecke; die Vision war verschwunden, aber ihr Eindruck zitterte noch in dem Herzen des Doktors nach. Der Wagen hielt vor einem vierstöckigen Gebäude mit wenig einladendem Aeußeren. Die drei Treppen, die der Doktor überwinden mußte, waren steil, etwas alters­schwach und schlecht erhellt. An der Thür oben empfing ihn der Oberlehrer selbst, eine behäbige Erscheinung mit einem von Fett und Wohlbehagen glänzenden Gesicht, im Munde die Tabakspfeife, das unvergängliche Attribut des Philistertums. Die Begrüßung zwischen den beiden Freunden war überaus herzlich. Auf die Frage:Wie geht's?" ward dem Doktor der Bescheid, daß kaum eine Wendung zum Besseren eingetreten. Lottchen und Lieschen hätten stark gefiebert, das jüngste, das die Mama, eine kleine, blonde Frau mit verweinten Augen, auf dem Arm herein­brachte, brüllte sogleich auf, als es des fremden Mannes ansichtig wurde. Aber bald wurde es ruhiger, da es in dem Doktor den bekannten, Chokolade und Bonbons spenden­den guten Geist erkannte.

Du könntest in meinem Arbeitszimmer ablegen," meinte der Oberlehrer. Der Doktor kramte den Inhalt seiner unerschöpflichen Taschen aus, eroberte sich zunächst mit einigen Bonbons die Freundschaft des jüngsten und begab sich sodann in's Krankenzimmer, wo zwei allerliebste Mädchen im Alter von sechs und sieben Jahren im ersten Stadium einer Infektionskrankheit darniederlagen. Bald hatte er mit dem nie versagenden Mittel seiner Zuckerdüten auch deren Vertrauen gewonnen, sie eingehend untersucht und das Nötige angeordnet. Er beruhigte seine Freunde über das Befinden der Kinder und verabschiedete sich, sein baldiges Wiederkommen zusagend.

Auf der Fahrt in die Vorstadt, wo er eine Reihe von Krankenbesuchen zu machen hatte, überdachte er den Lebens­gang seines Studienfreundes. Aus ärmlichen Verhältnissen hervorgegangen, hatte er allein, dank seiner eisernen Energie und seinem Fleiße, sich zur Stellung eines Gymnasialhilfs­lehrers durchgerungen. Von sanfter Gemütsart, wie er war, hatte die Erinnerung an häusliches Elend und die Entbehrungen seiner Universitätszeit nicht den Stachel der Verbitterung in seinem Herzen zurückgelaffen. Davor schützte ihn auch eine gewisse Naivetät, wie sie dem Gelehrtentum