Nachdruck verboten.
Der Gylfenhof.
Sine Erzählung von P. Ditfurth.
(Fortsetzung.)
Professor Wolfram kam eben aus dem Kolleg und schritt den jungen Damen entgegen nach seinem Zimmer zu. Er grüßte artig, und seine Nichte brachte trotz Renatens Abwehr ihr Anliegen vor. Würde er nicht diese Anforderung, in sein Heiligtum dringen zu wollen, anmaßend finden?
Sie legte die Hand auf die Klinke ihrer Thüre und sagte hastig: „Herr Professor, halten Sie mich nur nrcht für unbescheiden, Frida hat es sehr eilig, Ihnen meinen leisen Wunsch zu offenbaren."
„Und ich finde daS nur richtig von meiner Nichte," erwiderte er lächelnd.
„Sie können sich etwas darauf einbilden, Renata, daß mein Onkel einmal etwas richtig von mir findet, denn Sie find die Ursache," meinte Frida gut gelaunt.
„Sie sollen die Archivschlüssel sofort haben, Fraulein Wendelin," sagte Professor Wolfram und schritt schnell nach seinem Zimmer, von Frida gefolgt, die bald schlüffelraffelnd zurückkehrte.
Es war keine leichte Arbeit, den großen, wunderlich geformten Schlüssel in dem rostigen Schlosse herumzudrehen, und alsdann bewegte sich die schwere, eichene Thür knarrend in den Angeln.
Eine dumpfe, moderige Luft schug ihnen entgegen, trotzdem ein kleiner Fensterflügel geöffnet war und die warme Frühlingsluft heretnließ.
Das Gelaß war ziemlich groß und hatte eine gewölbte Decke. Die Fenster lagen nach der Gartenseite in tiefen, runden Bögen. Es waren nur zwei vorhanden, die gegenüberliegenden hatte man vermauert. Im Hintergründe standen zwei riesige Schränke von bedeutender Tiefe, die den Raum beträchtlich verkleinerten.
Einige Stöße dicker Bücher waren hier und da aufge
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schichtet, und ein wurmstichiger Betstuhl lehnte in einer Ecke neben einem verwitterten Steintroge.
Noch verschiedenes anderes Gerümpel, wie es Frida nannte, befand sich hier, dessen ehemalige Bestimmung und jetziger Wert den beiden Mädchen unklar war.
„Nun sehen Sie sich Onkel Gottfrieds Paradies genau an, und Sie werden mir recht geben, daß es einfach schauderhaft ist," sagte Frida. „Dieses Ding," fuhr sie fort und wies auf den Steintrog, „ist die Perle in Onkels Sammlung,' was meinen Sie, was es vorstellt?"
„Nun einen Steintrog," gab Renata zur Antwort. Frida lachte höflich amüsiert: „Nicht wahr, sieht das DingS anders aus?"
„Ja, denken Sie, das ist nach Onkels Behauptung ein uralter Taufstein. Er fand ihn eines Tages unter Schutt und Erde im Garten und that, als habe er einen Schatz gehoben; können Sie sich denken, daß er stundenlang davor saß und ihn ganz entzückt anstarrte?"
„Vielleicht thäten wir das auch, wenn wir seinen Wert schätzen könnten," erwiderte Renata.
„Verlangen Sie es nur nicht von mir," rief ihre blonde Gefährtin mit komischem Entsetzen, „lieber will ich mich denn noch in den alten, verschimmelten Herrn verlieben."
Renata lachte und wandte ihre Aufmerksamkeit besagtem Herrn zu, dessen Bild hinter einem Stoß Bücher an der Wand lehnte. Es war sehr verdunkelt, uno die Spinnen hatten obendrein einen züchtigen Schleier darüber gewebt, man konnte nur undeutlich Stirn und Augen sehen.
„Wen stellt es vor?" fragte Renata.
„Den Erbauer des Hauses, so viel ich weiß, Onkel Gottfried giebt Ihnen Auskunft über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Gylfenhofes."
Renata betrachtete das Bild nachdenklich: „Ich werde dem alten Herrn das Gesicht waschen, ich möchte seine ganze Physiognomie sehen," damit lief sie davon und kehrte mit einem nassen Tuche zurück. Eifrig begann sie das Werk der Reinigung und bald traten die Züge mit großer Deutlichkeit hervor. Sie war so vertieft, daß sie das Oeffnen und Schließen einer Thüre oben überhörte, erst als ein fester Schritt die unterste Stufe der Treppe betreten und sich dem Archiv näherte, wandte sie den Kopf und erblickte den Professor in der Thüre.
Verwundert betrachtete er das knieende Mädchen, das sich schnell erheben wollte.
„Ach bitte," rief er, „bleiben Sie nur einen Augenblick so, daS ist ja merkwürdig."


