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Punktes zeichnete sie am Schluß ein niedliches Vergißmeinnicht als sinnige, der Bedeutung des Tages entsprechende Verzierung, und schrieb dann weiter:
„Potage ä la tortue, Croquettes soles au vin blanc, Filet boeuf ä la j ar diniere, Bavaroise aux fraises, Bisquits, fromage, Gingembre.“
Mit großem Wohlbehagen las sie es dann nochmals durch, steckte es in ein Porte-Menu aus Porzellanmaßliebchen und stellte es neben den Teller ihres Gatten.
Zehn Minuten vor sechs! Wo mochte er NM stecken? — So etwas hatte sich noch nie ereignet. Zwanzig Minuten zu spät!
Marie war eine resolute Frau. Sie wollte ihrem Mann einmal tüchtig die Wahrheit sagen; denn Strafe mußte sein. Sie war von Anbeginn ihrer Ehe an fest entschlossen gewesen, ihm eine gute, treue, eine Mustergattin zu sein, dafür mußte aber auch er ein Mustergatte werden. Marie war klug genug, sich zu sagen, daß es ganz ohne Reibereien doch wohl nicht abgehen würde, aber das brauchten nur Bagatellen zu sein, und sie, das glaubte sie bestimmt, würde stets die Klügere sein und nachgeben.
Vor einem nur war ihr bange: vor dem Umgang mit den alten Freunden. Am liebsten hätte sie es gesehen, wenn er diesem Verkehr unverzüglich ein Ende gemacht und an ihrem Hochzeitstage mit allen ehemaligen Kameraden offiziell gebrochen hätte.
War denn das etwas Unmögliches? Hätte er nicht damals in seiner Rede halb ernst, halb scherzend sagen können: Meine lieben Freunde, ich danke euch herzlich für eure jahrelange Anhänglichkeit, und werde stets in Liebe und Freundschaft eurer gedenken, aber da ich nun von meinem Junggesellenleben Abschied nehme, so will ich euch, die ihr das mit mir verlebtet, auch Lebewohl sagen u. s. w.
Wäre das zu viel verlangt gewesen? Wären dadurch nicht alle Versuchungen aus dem Wege geräumt und der feste Grund zu ihrem ehelichen Glück gelegt worden?
Marie sprang plötzlich entsetzt auf. Was war inzwischen aus ihrer Seezunge geworden? Die herrliche sole au vin blanc, die sich auf dem schönen Menu so prächtig ausnahm und sich auf der Tafel noch viel prächtiger ausnehmen würde! Sie rannte in die Küche und warf einen Blick in den Ofen. Ach! da lag der Fisch schon halb zerfallen! Mcuste war bestürzt; nun war alle Schönheit hin.
Betrübt und enttäuscht ging sie langsam in's Zimmer zurück. Das festliche Aussehen der Tafel begann ihr mittlerweile unangenehm zu werden. Sie war ganz und gar nicht mehr festlich gestimmt. Am liebsten hätte sie alles gleich wieder abtragen lassen.
Die Uhr schlug sechs: Mariens Lippen zitterten vor innerer Erregung bei diesem Klang. War es nicht hart, daß er jetzt schon anfing? Kaum sechs Monate waren sie vermählt, und nun begann er schon sein trautes Heim und sein junges Weib zu vergessen; und gerade heute, an diesem Tage!
Oh, sie durchschaute alles. Es ging ihm ebenso, wie es allen jungen Männern geht und gehen wird, die bei der Hochzeit nicht gleich alle ihre Freunde begraben.
Einer oder der andere war ihm begegnet — welcher, das war einerlei, — und hatte gesagt: „Nun, altes Haus, wie geht's? Wir glaubten Dich schon tot' und begraben! Wohl schon tüchtig unter'm Pantoffel — was?"
Und er, um zu zeigen, daß er noch immer sein eigener Herr sei, war mit dem Freunde gegangen, natürlich in ein Cafe! Nun saß er dort und trank, und stieß vielleicht auf fein einzig gutes, liebes Frauchen an. . . .
Fünf Minuten nach sechs kam das Mädchen and sagte ihr, die Kartoffeln seien total ungenießbar geworden.
„Schälen Sie andere," sagte sie kleinlaut, und fügte
hinzu: „Es wird wohl spät werden; der Herr hat heute sehr viel zu thun."
„Es ist besser, wenn die Gäste auf die Kartoffeln warten, als die Kartoffeln auf die Gäste," besagte ihr Kochbuch. Diese Kartoffeln hatten fünsunddreißig Minuten gewartet, kein Wunder daher, daß sie ungenießbar geworden.
Marie ward immer trauriger und betrübter gestimmt. Oh, diese Männer! Sie hatte immer gehofft, ihr Manu würde in allem eine glänzende Ausnahme machen.
Wie konnte sie nur so ein Gänschen sein!
Wenn Bob jetzt schon begann, jetzt, nachdem er erst ein halbes Jahr verheiratet war, dann würde sein ferneres Leben bald nur noch eine Kette von Kegelklubs, Whistabenden, Versammlungen und Cafsbesuchen sein.
Einen Moment ging es ihr durch den Kopf, ihm könne am Ende etwas zugestoßen sein. Sie erbebte. Aber nein, wenn das der Fall wäre, dann hätte man sie natürlich schon längst benachrichtigt. Nein, nein, das war es nicht!
Marie blickte, nach der Uhr, und ihre Augen wurden feucht. Aber nein, sie wollte nicht schwach, sie wollte nur zornig sein. Sie mußte den Mut haben, ihrem Manne zu sagen, wie schwer er sie gekränkt. Aber dann durfte sie auch nicht weinen, sondern mußte sich aufopfernd drein- sinden, als wäre es ein schweres Geschick; durch eigene Schwäche verderben eben die meisten Frauen ihre äHiinner. Sie wollte das um keinen Preis: sie wollte verständig sein und für ihr beider Glück kämpfen.
Bei dieser mutigen, sich selbst gehaltenen Rede brach die junge Frau in Schluchzen aus.
Die Stutzuhr läßt einen grellen Laut ertönen. Es ist halb sieben! Horch! Da wird die Haustür zugeschlagen; man hört hastige Schritte auf der Treppe.
Im nu stand Marie vor dem Spiegel und trocknete sich eiligst die Augen. Nun konnte man keine Thränenspur mehr entdecken, und überdies waren es ja auch nur Zornes- thränen gewesen.
Sie ging in das kleine Gemach, wo ihr Schreibtisch stand, und wo er sie in dieser Stunde am wenigsten vermuten würde. Dort ließ sie sich bequem nieder, schlug ein Buch auf, ohne aber darin zu lesen. So erwartete sie ihn.
Sie hörte ihn umherlaufen, vernahm sein Rufen, aber da sie so lange auf ihn gewartet, war es nicht mehr als gerecht, daß sie nun auch ihn ein wenig warten ließ.
„Frauchen!"
Jetzt fühlte sie, daß er in der Thür stand, aber sie blickte nicht auf, und plötzlich stand er dicht hinter ihr, nahm ihr Kinn in seine große Hand und kniff sie zärtlich in die Wange.
Sie war empört. Das war nicht Liebe, nicht Herzlichkeit, sondern wurde nur aus dem Grunde in Szene gesetzt, um sie zu beschwichtigen. Sie solle wieder gut sein und schweigen und ihn lieb haben, und finden, daß er sehr nett zu seinem Frauchen sei.
Mit einem Ruck machte sie sich von ihm los, warf das Buch beifeite und schleuderte ihm entgegen: „Thu' nur nicht, als hättest Du mich lieb, denn dann wärst Du heute nicht so spät nach Hause gekommen."
Einen Augenblick sah er sie erstaunt an, dann brach er in helles Lachen aus.
„Aber Frauchen, was fällt Dir denn ein? Spät? Ich habe mich beeilt, soviel ich nur konnte, zwanzig Minuten brauche ich bis zu Reimers, zwanzig Minuten hin, zwanzig Minuten zurück und zwanzig Minuten bei ihm, das ist doch nicht allzulange — was?"
Er lachte herzlich und ungezwungen. Ob er sie wohl zum besten hatte?
„Oh nein, ich bin Dir noch sehr dankbar, daß Du nur eine Stunde fortgeblieben bist," erwiderte sie kühl. „Das Essen ist natürlich inzwischen viel besser geworden."
Jetzt sah er plötzlich ganz anders ans — ernst und mißvergnügt.


