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„Ich tausche natürlich meinen Posten in dem gesund gelegenen, belebten Esktschehr nicht für einen solchen in einer einsamen Fiebergegend ein, wenn ich dort nicht sehr viel mehr verdiene. Ich will vorwärts kommen. Das ist die Hauptsache."
„Dazu werden Sie bei uns Gelegenheit finden," anr- wortete Olaf, „wenn Sie nämlich verstehen, tüchtig zuzugreifen und Kopf und Ellenbogen zu gebrauchen. Sie sehen aus, als ob Sie daran gewöhnt wären."
Der Mann nickte. „Ich hoffe, meine Schuldigkeit zu thun."
Olaf entwarf ihm nun in kurzen Strichen ein Bild deffen, was man von ihm erwarte, und nannte zugleich seine Bedingungen, die ihm selbst sehr günstig erschienen.
„Nun?" fragte er nach einer Weile, da der Fremde zögerte einzuschlagen. „Ihr Gehalt beträgt für den Anfang genau das Doppelte deffen, was Sie jetzt einnehmen,- und wenn Sie sich gut einrichten, bin ich in der Lage, Sie später bedeutend besser zu stellen. Was gefällt Ihnen an meinem Vorschläge nicht?"
„Ich bin mit allem einverstanden, sehr einverstanden. Nur — schenken Sie mir eine Stunde Bedenkzeit. Ich habe nicht allein über meine Zukunft zu entscheiden."
„Sind Sie verheiratet?" fragte Olaf betroffen.
Der andere schüttelte mit dem Kopfe. „Nein. Also in einer Stunde."
Während er sich langsam entfernte, überlegte Olaf, daß es sich hier wahrscheinlich um eines jener Verhältnisse handle, wie sie hier nicht selten sind. Er erhob sich, so schnell es seine Mattigkeit erlaubte und rief den Manu, nach deffen Namen zu fragen er, wie ihm jetzt erst einfiel, vergessen hatte, noch einmal an.
„Sie! Sie! Wenn sie kochen kann, so bringen Sie sie nur mit. Unsere Köchin ist uns kürzlich durchgegangen - und ein Ersatz wäre sehr willkommen."
Ohne sich umzusehen, murmelte der Angeredete etwas, das eine Antwort bedeuten mochte; Olaf verstand nicht, ob sie zustimmend oder ablehnend lautete.
Das wird sich finden, dachte er, und wollte sein Ruhebett wieder aufsuchen. Allein, ehe er es erreicht hatte, fühlte er plötzlich den Boden unter sich wanken, alle Gegenstände im Zimmer begannen sich im Kreise zu drehen- haltlos schwankte er hin und her. Dann legte sich ein Nebel vor seine Augen, bewußtlos sank er zusammen.
XXXI.
Als Olaf wieder erwachte, fühlte er sich zwar sehr matt, aber behaglich, wie seit langem nicht mehr. Er öffnete die schlummerschweren Augenlider und schaute sich befremdet um. Wo war er denn eigentlich? Das war doch nicht sein Zimmerchen in dem Holzhause am Pursak, wo auf gehobelten Brettern an den Wänden Bücher und Pläne aufgeschichtet lagen? Er rieb sich die Augen und versuchte die trägen Gedanken zu schnellerem Fluge anzuspornen. Nein, natürlich konnte das nicht sein Zimmer sein. Er war ja nach Eskischeher gefahren und dort im Hotel abgestiegen und auf dem Divan — —. Der Divan stand aber auch nicht da- die Matten, die den Boden deckten, waren andere, die Stühle waren andere- je mehr er seine Umgebung betrachtete, um so klarer wurde es ihm, daß er sich an einem Orte befinde, den er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Vielleicht im Krankenhause. Es gab ja wohl ein Krankenhaus in Eskischehr? Bald jedoch verwarf er auch diese Annahme. Das Zimmer, sehr einfach, klein, sauber und freundlich, hatte etwas Persönliches an sich- gegenüber an der Wand stand eine Kommode, die zugleich als Schreibtisch benutzt zu werden schien- auf dem Tische in der Mitte der Raumes lag eine gestickte Decke, eine ganz eigentümliche Decke, nicht reich und farbenprächtig, wie man sie im Orient allerorten zu kaufen bekommt- nein, verblichen und geschmacklos- aber es war eine anheimelnde Häuslichkeit- etwas, das ihn un- «
willkürlich an die Kinderzeit, an das Paterland erinnerte. Wie mochte die Decke nur hierher gekommen sein? uud vor allem, wie war er hierher gekommen? Diese beiden Fragen begannen sich allmählich in seinem Hirne zu vermischen. Er schloß die Augen wieder, das Denken griff ihn an. Allmählich schlief er wieder ein. Ein Halbschlummer, in dem sich in schneller Reihenfolge die Träume wiederholten, die er vordem, während jenes langen festen Schlafes, aus dem er soeben erwacht war, geträumt hatte. Oder waren es That- sachen, die ihm nur zur Hälfte zum Bewußtsein gekommen waren? Er hatte eine dunkle Vorstellung von vielen Menschen, die ihn umstanden, sich über ihn beugten, die ihn hoben und trugen- Unbekannte meist, nur sein Vorgesetzter war darunter und der lange, hagere Mann, mit dem er vordem eine Unterredung gehabt hatte. Das Bild jenes Mannes war noch öfter vor ihm aufgetaucht.
Dann war ihm die Empfindung der Gegenwart immer mehr verloren gegangen, und die Vergangenheit ward lebendig - längst nicht mehr gesehene Gestalten schwebten an ihm vorüber - besonders eine, die ihm ehemals lieb und wert gewesen war. Wie solche schlummernden Erinnerungen im Fiebertraum erwachen! Ein leises Geräusch wurde hörbar, wie von einer behutsam geöffneten Thür. Er blinzelte ein wenig mit den Augen. Sonderbar! Da war dieselbe Erscheinung wieder. Er riß die Augen weit auf, alles war verschwunden. Nein, nicht alles. Eine andere Gestalt war im Thürrahmen- ein Mann, dem jemals begegnet zu sein, er sich nicht entsinnen konnte, und dessen Gesicht ihm gleichwohl nicht völlig fremd vorkam.
„Ah, sind Sie endlich erwacht, Herr Nansen? Wie fühlen Sie sich? Besfer?"
Er setzte sich an Olafs Bett und griff nach deffen Puls. Gewiß der Arzt. Olaf hatte ihn das gestern gefragt, aber das Reden machte ihm Mühe.
„Wo bin ich?" fragte er endlich halblaut mit unsicherer Stimme.
„Wir haben Sie in Pflege gegeben. Sie find sehr krank gewesen. Aber nun ist es überstanden."
Dann flößte er ihm Arznei ein, und gleich darauf kam der hagere Mann mit den düsteren Augen und brachte ihm eine kräftige Brühe, die er mit Heißhunger herunterschluckte.
„Herr Leonidas ist ein guter Krankenpfleger," meinte der Arzt. „Ich wünschte, wüßte ich alle meine Patienten so wohl versorgt."
Olaf antwortete nicht. Die wenigen Worte, die er gesprochen, das Trinken der Brühe, die Gegenwart der beiden Männer, all'das hatte ihn dermaßen angestrengt, daß er sofort wieder in Schlaf verfiel.
Es dauerte auch noch geraue Zeit, ehe er imstande war, sich in dem Geschehenen zurecht zu finden. Der Arzt, den er zu sich gebeten, hatte ihn, von einer tiefen Ohnmacht befallen, am Boden liegend aufgefunden- er hatte den Oberingenieur davon in Kenntnis gesetzt- und während die Leute noch berieten, was nun mit dem Kranken geschehen solle, war Leonidas gekommen, um zu sagen, daß er die ihm angebotene Stelle antreten werde. Er erbot sich, den Kranken zu sich zu nehmen- er habe eine gesund gelegene Wohnung, die auch geräumig genug sei - und an Pflege und Abwartung solle es nicht fehlen.
„Wie sind Sie nur darauf gekommen, einem Fremden ein solches Opfer zu bringen?" fragte Olaf, nachdem er sich mehr erholt hatte und ab und zu ein Biertelstündchen mit seinem Verpfleger verplaudern konnte.
„Sie sind mir kein Fremder," an wortete dieser, ohne aufzusehen.
Olaf maß ihn mit einem erstaunten Blick. „Wie soll ich das verstehen?"
„Ganz einfach," erwiderte der andere. „Ihr Name ist hierzulande bekannt und geschätzt. Ich Preise mich glücklich, zu Ihnen zu kommen. Ich betrachte mich gewissermaßen schon als zu Ihnen gehörig- und wer hier zusammengehört,


