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Wahrhaftigkeit, daß der Kommerzienrat in seiner Ueber- zeugung doch wankend ward.
So sage mir, woher Du das Geld genommen hast, mit dem Du Wetterau bezahltest!" gebot er und ließ sich wieder nieder.
Adalbert schaute zu Boden und rührte sich nicht.
„Nun, wird es bald?" mahnte wieder zornig werdend, der Kommerzienrat.
„Ich kann es Dir nicht sagen, Vater!"
Das heißt, Du kannst Dich in der Eile doch nicht auf eine recht glaublich scheinende Lüge besinnen."
„Wenn ich lügen wollte, so würde sich eine Ausflucht für mich schon finden, ich mag das aber nicht thun! Lieber, lieber Vater —"
Ich bin Dein lieber Vater nicht mehr!" unterbrach ihn Helldorf und entriß ihm die Hand, die er ergreifen gewollt.
„Was soll ich thun? Was soll ich thun?" Er rang die Hände.
„Die Wahrheit sprechen."
„Das thue ich. Ich habe das Geld nicht entwendet!" „Woher hast Du es sonst?"
„Das kann ich Dir nicht sagen! Vater, glaube mir doch nur dies einzige Mal!"
Noch lange ging die Wechselrede zwischen Vater und Sohn hin und her, ohne daß der letztere zu einem Geständnis zu bringen gewesen wäre. Endlich gebot der Kommerzienrat finster und streng, Adalbert möge sich trollen.
„Ich kann Dich nicht zu einem Geständnis zwingen," sagte er, „und Dein Verbrechen ebenso wenig zur Anzeige bringen. Die Ehre unseres Namens verlangt, daß darüber das tiefste Stillschweigen beobachtet wird, nicht Deine Mutter, nicht Dein Bruder sollen davon erfahren. Aber zwischen uns ist von heute ab das Tischtuch zerschnitten."
„O, Vater!" schrie der Sohn auf.
„Aeußerlich wird es zwischen uns sein wie zuvor, ich werde es Dir auch ferner an nichts fehlen lassen, aber hüte Dich, noch einen Schritt weiter auf der eingeschlagenen Bahn zu gehen. Meine Nachsicht und Langmut könnten eine Grenze haben!"
Mit einer gebieterischen Handbewegung wies er nach der Thür, als Adalbert noch einen Versuch machen wollte, ihn milder zu stimmen. „Geh, Du hast meine Geduld lange genug gemißbraucht! Geh!"
Es blieb dem jungen Mann nichts übrig, als ihm Gehorsam zu leisten.
Tief aufseufzend schaute der Kommerzienrat dem zögernd Davonschreitenden nach. So zonig er ihm auch begegnet war, in seinem Innern regte sich doch eine Stimme, die zu Gunsten des Sohnes sprach.
„Er hat nicht das Ansehen eines Diebes, er vermochte mir offen ins Auge zu blicken,- unmöglich kann er schon so verstockt sein", sann er vor sich hin. „Aber, wo soll das Geld geblieben sein? Wer könnte es sonst genommen haben? Warum verweigert er mir die Auskunft, woher er es bekommen?
„Und warum wagte ich nicht, ihm eine Frage vorzulegen?" fragte er sich bang. „Weil ich fürchtete, er könne mir dann doch eine Antwort erteilen — weil ich nicht wollte, daß er zum Verräter an der eigenen Mutter würde. Unmöglich ist cs nicht, daß die thörichte Frau in ihrer Affenliebe sich auch zu einem solchen unsinnigen Streich hat hinreißen lassen. Sie hat ihrem verzogenen Söhnchen um jeden Preis aus der Klemme helfen wollen, und der Bursche hat erst durch mich erfahren, wie sie zu dem Gelbe gelangt ist. Da blieb ihm freilich nichts übrig als zu schweigen.
„Und auch mir bleibt nichts anderes übrig", schloß er seine Betrachtung- „traurige Wahl, annehmen zu müssen, man sei entweder von der Gattin oder von dem Sohn hintergangen worden!"
X.
„Adalbert, lieber Junge, auf ein Wort! hörte Adalbert Helldorf sich anrufen, als er, aus dem Zimmer seines Vaters kommend, mit gesenkter Stirn und in trübseligster Stimmung in das {einige schleichen wollte. Es war sein Bruder Hans, der im Treppenhause unter den dort aufgestellten hohen Palmen und anderen exotischen Zierbäumen hin- und hergegangen war und auf ihn gewartet hatte.
Ohne Umstände nahm er ihn unter den Arm, führte den sich ein wenig Sträubenden die Treppe hinauf nach den von ihm bewohnten Zimmern, schloß die Thür, drückte ihn auf einen Stuhl und sagte vor ihm stehend:
„Jetzt, mein lieber Sohn, beichte einmal".
„Aber, Hans, ich begreife Dich nicht! Was willst Du von mir?" wehrte sich Adalbert.
„Du begreifst mich recht gut, weißt ganz genau, was ich von Dir will und kommst mir nicht eher von der Stelle, bis ich erfahren habe, was es zwischen Dir und dem Vater gegeben hat!" entgegnete Hans mit freundlicher Entschiedenheit und schaute dabei mit seinen hellen ehrlichen Augen dem Bruder so fest ins Gesicht, als ob er ihm bis auf den Grund der Seele sehen wylle.
Adalbert schlug vor diesem Blick die Augen nieder. Trotz und Scham spiegelten sich auf seinem hübschen Gesichte, dann aber erhielt eine Weiche Regung plötzlich die Oberhand. Er warf sich in des Bruders Arme und rief unter Schluchzen:
„Ach, Hans, ich bin ein ganz miserabler Bursch. Mir bleibt eigentlich nichts übrig, als mich totzuschießen".
„Na, na, so schlimm wird es nicht gleich sein", scherzte Hans, der durch diesen Ausbruch heftiger betroffen war, als er an den Tag legen mochte. „Ich habe es dem Vater schon im Geschäft angemerkt, daß ihm etwas recht Böses durch den Kopf gehen muffe, und als er Dich in fein Zimmer befahl, da war es mir klar, es könne nur etwas sein, das Dich betrifft. Eure Unterredung währte lange; ich habe aufgepaßt und Dich mir gelangt. Nun rede!"
Statt der Antwort klammerte Adalbert sich nur fester an den Bruder.
Glaubst Du, daß ich es mit Dir gut meine?"
„Ja, ja, Hans, aber Du kannst mir doch nicht helfen!" „Das wollen wir erst einmal sehen. Rede nur!"
„Der Vater beschuldigt mich, ich solle ihm Geld aus dem Geheimfach in seinem Zimmer gestohlen haben!" brachte Adalbert schnell und eintönig hervor, als sei es ihm nur darum zu thun, die entsetzlichen Worte von den Lippen zu bekommen.
Sie brachten auf den älteren Bruder eine wahrhaft niederschmetternde Wirkung hervor. Er ließ Adalberts Kopf, den er noch immer zwischen beiden Händen gehalten hatte, fahren und schrie: „Aber, das ist ja unerhört! Wie kann et nur auf einen solchen Verdacht kommen?"
„Der Schein ist leider gegen mich, und — ich kann mich nicht rechtfertigen!" sagte Adalbert trostlos.
„Auch mir gegenüber nicht?" fragte Haus, fügte jedoch schnell hinzu: „Das heißt, ich bin von vornherein überzeugt, daß Du etwas so Unwürdiges nicht gethan hast".
„Ich danke Dir, Hans, ich danke Dir!" schluchzte Adalbert, sich von neuem in des Bruders Arme werfend. „Ja, Du sollst alles wissen! Ich habe ja unverantwortlich leichtsinnig gehandelt, aber so — so — schlecht bin ich doch nicht!"
„Beruhige Dich nur, mein armer Junge, und sprich Dir alles, was Dich drückt, von der Seele herunter", redete ihm Hans zu, zog einen Stuhl herbei und ließ sich, Adalberts Hand in der [einigen behaltend, neben diesem nieder.
Der junge Mensch schluckte noch ein paarmal wie ein Kind, das ins Weinen geraten ist und das Aufhören nicht recht finden kann, dann begann er zu erzählen, zuerst stockend, bann immer fließender, nsie er nie mit dem Gelde, das ihm der Vater bewilligt, habe auskommen können, und wie auch das, was ihm die Mutter zugesteckt, nicht ausgereicht habe,


