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sichtig- man mußte doch erst sehen, wie die Witwe sich in den veränderten Verhältnissen zurechtfand. — Der erste Lichtblick, der in das trostlose Dunkel fiel, war Hilfe von einer Seite, von der Frau Andree sie nie erwartet hätte. Der Onkel, der von ihrer mißlichen Lage gehört hatte, schrieb ihr einen sehr herzlichen Brief. Er entschuldigte sich zunächst, daß er seines Alters wegen nicht habe zum Be- gräbniffe seines Neffen kommen können- er nehme aber aufrichtig teil an Dorotheas Schmerz und ihrem Unglücke- und wenn sie irgend welcher Unterstützung bedürfe, möge sie sich an ihn wenden. Ob es ihr recht sei, wenn er für das Fortkommen seines Patenkindes, ihres Sohnes Leonhard sorge. Er habe vernommen, daß der Knabe, den er nur dem Bilde nach kenne, begabt und fleißig sei und gerne studieren möchte. Wenn sich alles so verhalte, wolle er ihm die Mittel dazu geben. Leonhard möge ihm seine Schulzeugnisse schicken oder, wenn es anginge, sie ihm in den nächsten Ferien persönlich überbringen, da er den Wunsch hege, den Knaben kennen zu lernen. Die Reisekosten werde er selstverständlich vergüten.
Die Zusammenkunft erwies sich als überaus glückbringend. Leonhard mit seinem klaren Verstände, seinem offenen, lebhaften Wesen, machte einen so günstigen Eindruck auf den Onkel, daß dieser ihm sofort eine Summe aussetzte, die ihm ermöglichte, seine Gymnasialbildung zu vollenden und die Universität zu beziehen. „Große Sprünge kannst Du freilich damit nicht machen," bemerkte der Onkel dazu- „ist aber auch gar nicht nötig. Ich hab' mich seinerzeit sehr kärglich behelfen müssen und war doch ein ganz fideler Bursche. Also Glück auf!"
So war Leonhard versorgt. Sein jüngerer Bruder war zu einem Kaufmann in Berlin in die Lehre gegeben worden- die Schwestern waren zu Hause. Lottchen ging noch zur Schule. Martha und Else halfen der Mutter in der Wirtschaft. Elschen war allerliebst geworden, ein zierliches Blondinchen mit Wangen wie Milch und Blut, dem niedlichsten kleinen Stumpfnäschen und vollendeter Grazie in allen Bewegungen. Sie war von der Familienkatastrophe am wenigsten ergriffen worden und vertrauerte ihr Leben nicht. Sie amüsierte sich mit den Pensionären, wenn diese ihr gefielen, und besaß ein merkwürdiges Talent, mit Leuten bekannt zu werden, die Bälle gaben und geneigt waren, sie dazu einzuladen.
„Die dritte Einladung für nächste Woche!" rief sie eines Tages triumphierend ihrem Bruder zu.
Dieser war nach Hause gekommen, um Weihnachten mit den Seinen zu verleben, „die letzten Ferien als Student!" wie er voll Stolz erklärte. „Gleich nach Weihnachten geht's ins Examen."
„Ach Du armer Mensch!" klagte Else.
„Sag' mal, Kleine,/ fuhr Leonhard, die Unterhaltung von sich ablenkend, fort, „Du hast wohl viele Verehrer?"
„An allen fünf Fingern," antwortete sie schnell, denn das angeschlagene Thema war ihr besonders angenehm. „Meinen glühendsten Verehrer kennst Du übrigens. Das ist Max Hoffmann, der Rotbackige. Der ist jetzt Leutnant."
Leonhard verneigte sich gravitätisch. „Ich gratuliere.^ Elschen machte eine wegwerfende Bewegung. „Keine Ursache, mein Junge. Er hat nichts, ich desgleichen. Nichts und nichts macht nichts — also." —
„Aha! Mein Schwesterchen macht Ansprüche."
„Ja, mein Lieber, auf eine Hütte und ein Herz fall' ich nicht rein."
„Sehr praktisch gedacht," bemerkte Leonhard philosophisch.
„Das wäre eher etwas für unsere liebe Schwester Martha."
„Warum wird Martha nie mit eingeladen?" fragte Leonhard, ernster werdend.
„Weil sie alle Einladungen abschlägt." Und dann den Ton der Schwester nachahmend. „Sie amüsiert sich nicht."
„Das ist eigentlich merkwürdig," meinte Leonhard sinnend.
„Weißt Du auch warum?" fragte Else plötzlich mit wichtiger Miene, indem sie ihre Stimme dämpfte. „Weil sie den Schweden nicht vergessen kann."
Leonhard schüttelte ungläubig den Kopf.
„Du kannst Dich darauf verlassen. Natürlich würde sie es nie zugeben. Und dumm genug ist's von ihr. Wie hat sich dieser Mensch benommen, nicht wahr? Was hat Papa alles für ihn gethan! Er gehörte ja beinahe zur Familie. Und nun, wie wir ins Unglück gekommen sind, macht er sich einfach aus dem Staube — abgedampft ohne Abschied. — Ich denke immer, es steckte etwas dahinter. Schulden oder Furcht vor dem Examen — gebummelt hat er ja auf eine kolossale Art und Weise. Aber Lebewohl hätte er uns totz alledem sagen müssen." — Sie hielt mitten im Satze inne, denn Martha war eben ins Zimmer getreten. „Ich störe wohl?" fragte diese, die Verlegenheitspause bemerkend, etwas spitz.
„Nein, gar nicht," erwiderte Else. „Leonhard wollte wissen, warum Du weder Bälle noch Gesellschaften besuchtest. Nun kannst Du es ihm ja selbst sagen."
,,Weil ich zu alt bin."
„Ja, recht hast Du!" spottete Leonhard gutmütig. „Zweiundzwanzig oder gar schon Dreiundzwanzig?"
„Und mit ihrem Nonnenkleide und dem griesgrämigen Gesicht steht sie um zehn Jahre älter aus."
„Macht Dreiunddreißig," fügte Martha hinzu- und damit war das Gespräch beendet.
Am Wethnachtsmorgen gingen die Geschwister aus den Friedhof, um, wie sie es alle Jahre gethan hatten, das Grab des Vaters mit frischen Blumen zu schmücken. Dorothea, die sonst häufig an solchen Tagen, häuslicher Abhaltungen wegen, zurückgeblieben war, begleitete sie. Sie sprach ein stummes Gebet- dann mit liebevollem Blick ihre blühenden, wohlgeratenen Kinder umfangend, sagte sie mit weicher Stimme: „Wenn der Vater Euch so sehen könnte, wie glücklich würde er sein!"
Innige Dankbarkeit erfüllte sie, daß nach so schweren Prüfungen sich alles so freundlich gestaltet hatte. Keine drückenden Nahrungssorgen mehr- die Kinder zu tüchtigen Menschen heranwachsend, mit Verehrung zu dem toten Vater emporblickend, dessen Andenken sie ihnen hatte ungetrübt erhalten können. Wenn je einmal etwas Ungünstiges an deren Ohr gedrungen war — und selten genug war jemand unzart genug gewesen, dergleichen vor den Kindern auszusprechen — so wiesen die Geschwister solche Anschuldigungen mit Empörung zurück. Mit der Zeit verstummten die Redereien ganz von selbst- und das traurige Geheimnis, das Dorothea entdeckt hatte, trug sie im eigenen Busen begraben für ewig.
Am Nachmittag, wie Dorothea gerade mit den Vorbereitungen für die Bescherung beschäftigt war, ließ sich eine Dame namens Schmidt melden, sie wünschte Frau Andree in einer Privatangelegenheit zu sprechen. Diese war ärgerlich, daß das Mädchen die Besucherin überhaupt angenommen hatte - sie hatte alle Hände voll zu thun. Sie hörte auch nur mit halbem Ohre auf das, was die Fremde, eine anständig gekleidete Frau mit einem Schleier vor dem Gesicht, vortrug — früher bessere Tage gesehen — genötigt einen Erwerb zu suchen — schlechter Geschäftsgang, besonders im Winter. —
,>Aber, liebe Frau!" unterbrach Dorothea die Bittstellerin, „Sie sind bei mir wirklich an die falsche Adresse gekommen- ich habe seit dem Tode meines Mannes selbst Mühe genug, mit den Meinen durchzukommen. Es thut mir wirklich leid. —"
Sie erhob sich. Die Frau folgte zögernd ihrem Beispiel, unschlüssig, ob fie ihrem Gesuche noch etwas hinzufügen solle oder nicht. Dorothea, die im Geiste mit der feinen Bettlerin, die ihr kein Mitleid einflößte, fertig war, achtete nicht darauf.


