(Nachdruck »erboten.]
Die Sünden der Väter.
Roman von Osterloh.
(Fortsetzung.)
Dort neben Bergmann hatte Olaf sonst gesessen, vielleicht auch mit so erhitztem Gesicht wie Müller, mit so stechenden Augen wie Bergmann. Ein sonderbares Vergnügen! Sie sprachen fast nicht mehr, nur das, was zum Spiele gehörte, und lachten nicht einmal mehr über das stereotype „Woso" des dicken Schaufler. Wie anders sich eine Szene ausnimmt, wenn man Mitspieler, wie anders, wenn man Zuschauer ist! Olaf wandte sich ab, um mit Milow zu sprechen. Der unterhielt sich unterdes mit der Kellnerin und flüsterte ihr Zoten ins Ohr. So setzte er sich an das Ende des Tisches und starrte in sein Glas Bier. Er wollte trinken, aber ein Gefühl physischen Ekels schnürte ihm die Kehle zu.
Ohne den anderen Lebewohl zu sagen, legte er den Betrag der Zeche neben sein Glas, nahm den Hut und ging.
Wohin? Die Straßen waren menschenleer. Mitternacht war längst vorüber. Eine kühle, frische Luft strich ihm ins Gesicht, wie aus tiefem Schlafe erwachend, fuhr er sich über die Augen. Kam ihm doch alles, was er in den letzten Stunden erlebt hatte, wie ein Traum vor, so fern, so unwirklich, daß er sich nicht einmal das bittere, schmerzliche Gefühl voll vergegenwärtigen konnte, das die Nachricht von dem Zusammenbruch seiner ganzen Existenz in ihm wachgerufen hatte. Und dann gleichfalls, wie das Gaukelspiel eines Traumes, das Bild seines bisherigen Lebens. Die Freunde alle so schal, so hohl, so kernfaul im innersten Marke. Und Müller, am Vorabend einer Katastrophe, vielleicht den geladenen Revolver in der Tasche, noch einmal alle Genüsse im Fluge durchkostend — War das nicht auch seine Absicht gewesen? Und wie widerlich war ihm das Spiegelbild seiner selbst erschienen.
1899.
Rr. 100
WM
tu I> oMW
D
WM
blicke, wenn den Sinn dir will die Welt verwirren, Zum ew'gen Himmel auf, wo nie die Sterne irren. Am Himmel weichen Sonn' und Mond sich freundlich aus; Selbst ihnen wäre sonst zu eng ihr weites Haus.
Rückert.
Im Planlosen Hin- und Herlaufen war er an die Promenade gekommen, die im Osten wie ein großer Garten die Stadt begrenzt.
Am Horizont zeigte sich schon ein schmaler, gelber Streifen. Ein paar Vögelchen, zeitiger als die andern aus der Ruhe erwacht, begannen ein rücksichtsloses Geschwätz. Bald weckten sie andere- immer lauter wurde die Unterhaltung der hellen, piepsenden Stimmchen, und immer breiter wurde der gelbe Streif im Osten.
Olaf fröstelte. Er erhob sich von der Bank, auf ver er gesessen hatte und lief eilenden Schrittes heim. Dort warf er die taufeuchten Kleider ab, legte sich ins Bett und schlief so fest, daß er erst am Mittag erwachte.
Gegen mittag kam Milow zu ihm.
„Wissen Sie schon?"
„Was?"
„Müller hat sich erschossen. Total ruiniert. Ich sagte es Ihnen doch schon gestern. Wollte sich noch einmal im Jeu auf die Beine helfen. Gewann erst rasend, setzte immer verrückter, verlor alles und dann — rien ne va plus." —
Olaf war nicht überrascht. Er hatte das schon deutlich vorausgesehen. „Natürlich," murmelte er, „natürlich." Es ging ihm nicht einmal sehr nahe- er konnte gar kein Mitleid mit dem Menschen haben. Nur über eines war er froh: In der Gesellschaft hätte er nicht aus dem Leben scheiden mögen.
IX.
„Familienpension Andree.
Geräumige, sonnige Wohnung in einer ruhigen Straße nahe dem Stadtzentrum. Möblierte Zimmer oder vollständige Pension in feiner Familie. Kräftige Kost, freundliche Bedienung. Man spricht englisch und französisch."
Fünf Jahre sind vergangen, seitdem diese Anzeige zuerst in den Blättern der Residenz auftauchte. Jetzt bedarf die Pension keiner Anpreisung mehr. Sie hat sich allmählich eine geachtete Stellung zu erringen gewußt und ist meist so besetzt, wie es ihre Inhaberin nur wünschen kann. Vorüber sind die Zeiten, wo Frau Dorothea sich täglich vom Lager erhob mit der bangen Frage: Wird unser Unternehmen gelingen? und wo sie sich nach einem in angstvollem Harren verbrachten Tage mit derselben quälenden Frage zur Ruhe legte. Die Pensionäre stellten sich anfangs nur spärlich ein, und mit schmerzlicher Bitterkeit bemerkte sie, daß niemand aus dem großen Bekanntenkreise ihres verstorbenen Mannes die Hand für sie rührte. Man war vor-


