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ein wenig befangen, nimmt sie von Lizzi Abschied und steigt in die unten harrende Droschke.--

Mit klopfendem Herzen steht sie endlich nach langer Fahrt auf Bahnhof Friedrichstraße. Wie lange ist sie nicht in der Reichshauptstadt gewesen seit damals zwölf Jahre find's her. Der Lärm, das brausende, hier doppelt pulsierende Leben der Großstadt überwältigt sie fast oder ist es die Aufregung, die sie erzittern macht. Aber, nein doch, Thor- heit die Nerven sind's, die abgespannten Nerven einer alten Frau. Die Droschke, in die sie am Bahnhof gestiegen, hält vor einem vornehmen Hause im Tiergarten. Elisabeth steigt aus, zahlt und dann öffnet sie die gußeiserne Thür des Vorgartengitters und mit schwerem, schleppendem Schritt durchquert sie die kleine Anlage vor der Villa. Mechanisch zieht sie die Klingel wie lange war sie nicht hier ge­gangen wie lange hatte ihre Hand den Messingknopf hier nicht berührt und wie gut sie es dennoch alles wieder- kennt. Die Thür öffnet sich, und gleichzeitig erscheint in der Portierloge der Kopf einer Frau forschend betrachten ihre Augen die elegante Dame.Zu wem wünschen Sie?" fragt sie

Wie im Traum schreitet Elisabeth die Stufen empor 8 wie gut sie das alles kennt die Marmorwände, die teppichbelegten Treppen, dort auf dem Absatz die bronzene Krtegergruppe, die hohen Palmen nur die Frau dort unten ist neu fremd sie beachtet deren Frage nicht und schreitet weiter hinauf zum ersten Stock.

' Hier bleibt sie stehen und klingelt da, wo neben der Klingel ein MessingschildProfeffor Hartung" befestigt ist.

Ein Diener öffnet. Sie fragt nach dem Professor. Der Diener führt sie nach dem Empfangssalon und bittet dann um ihren Namen. Elisabeth zögert dann sagt sie leiseElisabeth Senden" es war ihr Mädchen­name. Ein banger Schreck peinigte sie, als der Diener gegangen. Wie würdeEr" sie aufnehmen würde er überhaupt zu sprechen sein?

Der Herr Professor wird sofort erscheinen", meldet der zurückkehrende Diener. Sie wartet. Unwillkürlich steht sie sich in dem Raum um es ist noch ganz so wie damals, die Möbel, die Bilder, die Vorhänge, nur älter, fast nichts ist verändert.--

Sie nimmt am Fenster Platz, bewegungslos verharrt sie auf ihrem Stuhl wenn er nun kam was sollte sie sagen? Sie hat es nicht bemerkt, daß hinter ihr die Portiäre geräuschlos zurückgeschlagen wurde und eine hohe, schlanke Männergestalt ihr zur Seite steht. Ihr Blick hängt wie fasziniert an dem Bilde des Mannes, das dort an der Wand vor ihr hängt. Ja, so sah er aus, das war sein Lächeln, das waren seine Augen fast glaubte sie sein gütigesLizzi" zu hören wie gut sie den schönen Kopf kennt freilich damals waren seine Locken noch glänzend schwarz eine große, schwere Thräne löst sich von ihren Wimpern. Den Mann, der sie stumm beobachtet, packt es eigentümlich wie schön sie noch immer ist nicht mehr das tolle, eigensinnige Kind, das weder Maß noch Schranken kannte aber eine gereifte, sinnige Schönheit er sieht ihr Auge an seinem Bilde hängen, er sieht die Thränen über ihre blassen Wangen herabrinnen endlich reißt er sich los von dem Bann, der ihn gefangen hält er tritt auf sie zu:Elisabeth!"

Theo!" sie stammelt es verlegen, die schrecklichste Ver­legenheit bemächtigt sich ihrer, ach

Elisabeth", hilft er ihr,was führt Dich zu mir?" Er fragt es gütig und milde er sieht den Kampf in ihren Zügen, er sieht den Gram auf ihrem Gesicht, den dunklen Schatten in ihren Augen er sieht, daß sie die Farbe trägt, die er einst so an ihr geliebt.

Theo, ich komme zu Dir ich um Dich zu bitten--" sie kämpft heroisch mit den hervorbrechenden

Thränen--sie hat es jetzt, in dieser Stunde erst, ganz

erfahren, begriffen, was sie gelitten in all' der langen Zeit,

sie weiß aber jetzt erst ganz, wie sie, sie nur allein alle, alle Schuld trägt und dieses Schuldbewußtsein ist es, das ihre Stimme festigt und ihr den verlorenen Mut zurück giebt, bis jetzt hat sie wohl immer gewußt, daß sie ihn, ihren Mann, noch immer liebte aber sie gab ihm stets die größte Schuld--sie war eine unverstandene Frau

gewesen, die der Mann ihrer Schönheit willen an sich ge­rissen um sie dann bald zu vergessen, über seine Studien, seine Bücher---und dann, und dann dann begann

erst ihre Schuld ---

Sie fährt zu sprechen fort:Lizzi, die jetzt sechszehn Jahr alt ist, hat sich verlobt mit einem jungen, achtbaren Manne, einem Architekten und-- *

Es ist außerordentlich liebenswürdig von Dir, Elisabeth, mir diese Nachricht persönlich zu bringen aber das Opfer war doch wohl zu groß es hätte genügt, wenn Lizzi mir geschrieben hätte. Du weißt, ich habe Dich niemals mehr zu beeinflussen gesucht, seit Du von mir gegangen, auch mit keinem Wort Dich oder mein Kind zurückgefordert des­halb liegt auch wohl der Entschluß über diese Angelegenheit ganz in Deinen Händen. Natürlich werde ich für ihre Aus­stattung sorgen, sie soll alles haben, wie sie es sich wünscht. Nach meiner Ansicht ist das Kind noch zu jung für die Ehe aber verzeih, ich wiederhole, das ist allein Deine Ange­legenheit!" Elisabeth ist totenbleich geworden, sie hat sich erhoben. Das Cape ist ihr von den Schultern gesunken, und leuchtenden Flammen gleich erscheint der weiche Sammt in der ungewiffen Dämmerbeleuchtung des Winterabends, aller Weltschmerz liegt auf dem marmorbletchen Gesicht, wie weh das that o diese herbe Zurechtweisung: Lizzi konnte mir schreiben-- nun weiß sie ja genau, daß sie, noch

lebend, tot für ihn ist, schwere Thränen rinnen herab auf den flammenden Sammt- endlich sagt sie mit bebender, schwankender Stimme:

Das ist es ja, weshalb ich komme; Lizzi konnte Dir nicht schreiben" Der Mut der Verzweiflung reißt ihr das Bekenntnis von den LippenLizzi konnte Dir nicht schreiben,,, wiederholt sie noch einmal,sie glaubt daß ihr Vater--tot Es schien mir leichter damals, ich war

zu feige, meine Schuld einzugestehen ich fürchtete ich brachte es fertig, nachdem man es soweit gebracht hatte, uns vollkommen zu entfremden Dir davonzugehen mit mit jenem Elenden den ich einen Ehrenmann glaubte, wollte ich gehen er ließ mich im Stich, er fürchtete wohl noch im letzten Augenblick die Folgen eines solchen Schrittes und da ging ich allein, denn ich wußte ja, daß Du mir nicht verzeihen würdest Du, Du glaubtest ja an meine Schuld---und dann ich fürchtete die Fragen des

Kindes nach seinem Vater, so log ich--" Sie ist am

Ende ihrer Kräfte und schweigt. Schweigend auch sitzt ihr der Mann gegenüber, mit keinem Wort mildert er ihre Qual, mit keiner Silbe kommt er ihr entgegen.

Nach einer langen Pause entnimmt sie ihrer Tasche ein Bild, das sie ihm reicht.Das ist Lizzi, sie gleicht Dir äußerlich und auch im Wesen sie ist ein gutes Kind," sagt sie fast tonlos. Er hat das Bild genommen und es schweigend betrachtet. Er reicht es ihr zurück, dann sagt er ebenso ruhig als alles andere vorher, aber doch so ganz anders:Elisabeth, ist das alles, was Du mir zu sagen hast sonst nichts?"

Er sieht sie an eine große bange Frage leuchtet in den schönen Männeraugen, in dem liebevollen Blick, mit dem er das zitternde Weib vor sich betrachtet. Er ist auf- gestanden. Und da und da liegt sie vor ihm auf den Knieen, und glückestrunken, wonnebebend stammelt ihr Mund: Theo, Du Du fragst was ich Dir zu sagen habe darf ich, darf ich es Dir sagen wie namenlos ich Dich liebe und wie elend ich war alle die Zeit hindurch und wie ich mich nach Dir gesehnt habe, wie ich fast gestorben bin vor Herzeleid gestorben wäre hätte ich nicht unser Kind gehabt--"