211

Als ich eS mit den Umständen nach gemütlich gemacht hatte, begab ich mich wieder auf Deck. Hier schloß sich mir der Koch an ein fetter, blasser Londoner, der mir jetzt und später nur unter dem Namen Scum bekannt geworden ist. Ich versuchte, ihn über den Kapitän und den Maat auszu­holen, entweder aber hatte er keine entschiedene Meinung über sie, oder er war nicht imstande, dieser Ausdruck zu geben. Er erzählte mir, daß die Brigg gut segele, kein Mann zu viel an Bord sei, und jeder rechtschaffen zu thun haben würde,- denn alles wäre neu und das laufende Tauwerk arbeite schwer. Der Kapitän, meinte er, sei der richtige Neuengland-Mann, was das Antreiben beträfe, womit er sagen wollte, daß derselbe mit Vorliebe möglichst viel Segel setze. Außerdem erfuhr ich noch, daß die Ladung der Brigg aus Stückgütern bestehe, aber auch aus einigen Kisten Ge­wehren und Patroneü für den australischen Markt.

(Fortsetzung folgt.)

Nachdruck verboten.

Die Armenhausprinzessin.

Roman von O. Elster.

(Fortsetzung.)

Sie wandte sich ab und bedeckte die Augen mit der Hand. Thränen erstickten ihre Stimme, aber sie hatte den Sieg errungen über Ehrgeiz und über Glück und Liebe. Was waren alle Kämpfe der Männer auf den sturmdurch- Lobten Schlachtfeldern gegen Viesen Kampf, was alle Siege der gefeierten Helden gegen diesen Sieg, den das starke, liebende Herz eines Weibes erkämpft, errungen?

Der Major hatte sich diskret in den Garten zurückge­zogen. Der Herzog stand in schweigendem Staunen vor der Heldengröße dieses Mädchens. Seine Gestalt erbebte, seine Lippen zuckten, und in seine Augen traten heiße Zähren.

Elsie", flüsterte er in leidenschaftlichem Schmerz,ift das Dein letztes Wort?"

Es ist mein letztes Wort ich danke Ihnen Sie haben mich unendlich glücklich gemacht, Sie haben mich stolz, unendlich stolz gemacht, ich werde diese Stunde des höchsten Glückes niemals vergessen, die Erinnerung an sie wird das Glück, der Stolz meines Lebens sein!"

Elsie!"

Er streckte die Arme nach ihr aus. Sein Ruf klang wie der Aufschrei eines zu Tode getroffenen Edelwildes. Da hielt es sie nicht länger mehr, sie warf sich an seine Brust und schlang die Arme um seinen Nacken und küßte ihn.

Lebewohl, lebewohl", flüsterte sie unter Thränen. Meine Liebe begleitet Dich, wohin Du auch gehst lebe Wohl!"

Er wollte sie fester an sich pressen, er wollte sie zurück­halten, doch sie riß sich los und eilte davon in das Innere des Hauses.

Der Herzog stand wie betäubt da. Der Major näherte sich wieder. Vom Städtchen herauf klang erneuter Jubel, dröhnten aufs neue die Böllerschüsse, und die Lichter der Illumination und die farbigen Flammen des Feuerwerks sprühten empor, das man drüben auf der Anhöhe des Kloster- kamps abbrannte. Knatternd, prasselnd stiegen die Raketen und Schwärmer zum ernstdunklen Himmel empor, farbige Bogen zogen die bunten Leuchtkugeln durch die schwarze Nacht, platzten hoch oben am Himmelsgewölbe mit leisem Knall und erleuchteten die Stadt und die Gegend mit hundert blendenden Lichtstrahlen. Ueber dem Stadthause stieg eine strahlende Sonne sprühend, zischend empor, und inmitten der Sonne flammte der Namenszug des Fürsten mit der Herzogs- ckrone darüber. Tausendstimmiger Jubel erscholl, und zum Himmel hallte der Ruf:Heil unserem Herzog Heil, unserem geliebten Fürsten!"

Langsam stieg der Herzog die Stufen der Veranda herab.

dalag.

XVIII.

Noch einmal blickte er zurück, dunkel und still lag das Häuschen da, welches seine Liebe, sein Glück umschloß, dann wandte er den Blick der in einem Farbenmeer schimmernden Stadt zu, über der sein gekrönter Namenszug sprühte und glänzte. Mit finsterem Ausdruck ruhte sein dunkles Auge auf dem Namenszug, auf dem glänzenden Schauspiel zu seinen Füßen. Dann atmete er tief auf, seine Gestalt richtete sich straff empor und rasch durchschritt er den kleinen Garten, gefolgt von dem Adjutanten, auf dessen Antlitz ein leises, spöttisches Lächeln ruhte.

Frau Dorette kam aus ihrem Versteck hervor und eilte angsterfüllt in das Haus. Der alte Hans Heinrich aber schloß die Gartenthür.

All right 's ist zu Ende", murmelte er und ging langsam, aber mit trotzig emporgeworfenem Kopf dem Hause zu, das still und dunkel inmitten der Flammen, der bunten Farben des höher und höher aufsprühenden Feuerwerks

Tiefe Stille herrschte in dem altertümlichen Fürsten­schloß auf hohem Bergesgipfel. Tiefe Stille herrschte auch drunten in der Stadt. Jeder bemühte sich, die alltäglichen Geschäfte so lautlos wie möglich zu verrichten- man unter­hielt sich mit flüsternden Stimmen, man ging mit leisen Schritten die Straßen entlang, das Militär zog ohne Trommel­gerassel, ohne Hornmustk auf Wache, selbst die Glocken der Uhren schienen mit gedämpftem Klang zu schlagen und die Räder und Maschinen in den Fabriken leiser, sanfter zu surren und zu stampfen. Die Fürstin, die Mutter des Herzogs, die treueste Freundin des Volkes, die edelste Dulderin lag auf dem Sterbelager. Die Fittiche des Todes schwebten über dem Schloß, über der Stadt und dem ganzen Lande.

Im einsamen, stillen, dumpfen Zimmer ruhte die Sterbende. Niemand war bei ihr als die alte, treue Kammer­frau, als ihr einziger Sohn, der Fürst des Landes. Im Vorzimmer saß die Oberhofmeisterin, umringt von den Damen des Hofes. Ernsten Gesichts schaute die Oberhofmeisterin auf den düsteren Schloßhof, während die Hofdamen leise mit einander flüsterten. Wenn die Herzogin starb, dann war es vorüber mit ihrem bequemen Leben in dem Fürstenschloß. Der Herzog war unvermählt, er zog sich mehr und mehr in die Einsamkeit zurück, er schien die Pracht des Hofes zu hassen, er brauchte keinen glänzenden Hofstaat mehr. Schon jetzt fühlten sich die Damen so überflüssig hier. Wie würde es werden, wenn die Herzogin, die gütige Herrin, die Augen für immer schloß?

Die Kranke dachte nicht mehr an die Hofdamen da draußen in dem Vorzimmer. Ihre Gedanken weilten bei ihrem Sohn, dem einzigen Kinde, das ihr das Leben ge­lassen- ihre Gedanken weilten bei ihrem Volke- ihre Gedanken weilten bei dem einsamen Mädchen, bessert Liebe, dessen Glück sie dem Wohle des Volkes zum Opfer gebracht hatte.

War dies Leben des Opfers wert? Ach, angesichts des Todes, des ewigen Lebens dachte man so ganz anders über dieses vergängliche Leben!

Die Herzogin richtete sich mühsam etwas in die Höhe und tastete nach der Hand ihres Sohnes. Der Herzog beugte sich über die Sterbende.

Wünschest Du etwas, Mutter?"

Ist Elsie noch nicht da? Ich wünschte so sehnlichst, sie noch einmal zu sehen. Sie war der letzte -Sonnenstrahl meines Lebens!"

Der Wagen muß jeden Augenblick eintreffen, Mutter".

Und wenn sie nicht kommt? Wenn sie nicht vergeben, vergessen kann?"

Sie wird kommen, Mutter!"

Mein Sohn, ich habe Dir, ich habe Euch sehr wehe gethan ich weiß es Du bist nicht glücklich geworden, und nur ein glücklicher Fürst kann sein Volk glücklich machen".

Sprich jetzt nicht davon, Mutter. Es ist vorüber". (Fortsetzung folgt.)