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Siebentes Kapitel.
An Bord.
Nach meiner Rückkehr ins Hotel begab ich mich auf mein Zimmer und legte dort meine Vorderdeck-Takelage an. Diese bestand aus einem Paar grober Zeughosen, einem farbigen, ungestärkten Hemd, einem Gurt mit Messer, einer Jacke und einer Mütze. Diese Kleider waren alle neu, aber glücklicherweise waren sie nicht die Hüllen eines Neulings. Ich war soeben von einer längeren Reise gekommen, als selbst Kapitän Franklin sie vielleicht jemals in seinem Leben gemacht hatte, und wenn meine Hände auch nicht so hart waren, wie sie ein Mann des Vorderkastells haben mußte, so hatten sie doch auch schon ihr Teil Arbeit an Bord verrichtet. „Fasse Mut, alter Junge," sprach ich zu mir, „du machst nicht deine erste Reise und wirst ihnen zeigen, daß du etwas verstehst." Ich ging nun ins Gastzimmer hinunter, um meine Rechnung zu bezahlen und Transom adieu zu sagen- ich fand ihn an seinem gewöhnlichen Platz, hinter dem Glasverschlag. Er betrachtete mich mit einem komischen Ausdruck des Erstaunens und rief: „Halloh! wollen Sie auf einen Maskenball?"
„Ja," sagte ich, „ich habe eine Einladung erhalten zu einem, der auf dem Stillen Ozean stattfinden soll, ich vermute aber, daß, ehe ich dahin komme, ich schon manchen Reigen nach der Pfeife des Bootsmanns getanzt haben werde." Darauf erzählte ich ihm, daß ich die Musterrolle für das Vorderkastell der „kleinen Lulu" unterzeichnet hätte.
„Na," sagte er, seine Ueberraschung unterdrückend, „der Mensch will leben, die See muß doch wohl nach Ihrem Geschmack sein, mir wäre ein Meter festes Land lieber, wie das größte Schiff der Welt. Also glückliche Reise, Mr. Chadburn, ich zweifle nicht, daß Ihr Mut seinen Lohn finden wird."
Ich schüttelte mit Wärme seine mir entgegengestreckte Hand und fragte, was ich für mein Quartier schulde.
Nichts als einen Brief, wenn Sie einmal Lust haben, mich mit einem solchen zu erfreuen, und mich hören zu lassen, daß es Ihnen gut geht," antwortete er.
Ich war durch seine Freundschaft sehr gerührt und fühlte dieselbe jetzt gerade um so tiefer, da ich das Vaterland verlassen wollte und in der ganzen weiten Welt, mit Ausnahme dieses ehrlichen, guten Kerls, keine Seele wußte, die sich auch nur einen Pfifferling darum gekümmert hätte, ob ich wiederkehrte oder nicht. Da Widerreden doch nur verschwendet gewesen wären, nahm ich an, was er mir so freundlich bot, und schied von ihm mit herzlichem Dank. Auf dem Wege nach der Brigg aber trat ich in einen Juwelierladen, kaufte dort eine Busennadel und schickte ihm diese mit einer Karte, auf welcher stand: „Bitte zu tragen, bis Jack Chadburn zurückkehrt."
Als ich an Deck kam, fand ich die Decks gewaschen und alles laufende Tauwerk klar. Die Mannschaft war unten, um sich zu reinigen. Meine Kiste war, wie ich sah, schon angelangt, ich begab mich also gleich nach der Vorderluke und warf einen Blick hinein.
„Halloh," brüllte da sogleich eine Stimme von unten herauf, „heb ik etwa Ulenogen?"
Dieser zarte Wink für mich, aus dem Lichte zu treten, kam von einem Mann, der seine Taugarn ähnlichen Locken vor dem Bruchstück eines Spiegels kämmte.
„Laß mich meine Kiste verankern, Maat," sagte ich.
„Na, da giw her!" brummte er. Gleich darauf hatte der schwarze Schlund meine Sachen und mich verschlungen.
So befand ich mich nun in meiner Wohnung, dem Vorderkastell, einem Raum, der den ganzen vorderen, zwischen den Backen liegenden Teil des Decks umfaßte. Auf manchen Schiffen sind hochliegende Borderkastels gebräuchlich, oder eigentlich Deckhäuser. Der Zugang zu ihnen ist ebensowohl durch Thüren vom Hauptdeck aus, als durch die Springluke von oben. Trotzdem sind sie aber kaum heller, als die
unter Deck befindlichen Vorderkastells, da Bratspill, Fockmast, Langboot, Küche und dergleichen ihnen das Licht entziehen.
Das Vorderkastell der „Little Loo" lag mit seinem Fußboden ziemlich seicht unter Deck. Man hatte durch diese Anlage eine Menge Platz im Kiel- und Bugraum zur Warenverstauung gewonnen. Eine Lampe, welche von einem ganz schwarz geräucherten Balken hing, brannte Tag und Nacht, und bei ihrem düsteren Schein bemerkte ich vier oder fünf Leute, die sich putzten, um noch ein paar Stunden die Freiheit am Lande zu genießen. Andere lagen rauchend auf ihren Pritschen und sahen der Beschäftigung ihrer Maats zu.
Glücklicherweise hingen keine Hängematten von der Decke, wir konnten uns daher ungehindert bewegen. Pritschen dagegen waren mehr als genug vorhanden, da der Zimmermann und Segelmacher, zugleich, wie ich später entdeckte, zweiter Maat und Hochbootsmann, ein „nautischer Hans in allen Gassen," mit zwei Schiffsjungen und dem Koch in einem Raum hinter der Küche logierte.
Ich packte mein Bettzeug auf eine leere Pritsche, legte mich drauf und blickte im ganzen Raum umher. So tnter- effant und angenehm mir dies auch sonst gewesen wäre, so hatte ich augenblicklich doch mehr Sehnsucht nach dem Fächeln eines Windsegels zur Einführung frischer Luft, denn bei dem rauchigen, matten Licht der Lampe vermochte ich weder die Leute noch sonst etwas im Raum recht zu erkennen. Wenn ich die Ausdünstung der sich waschenden Leute, den Geruch ^des brennenden Oels, den Gestank von Teerdecken, altem, schmutzigem Bettzeug, modrigem Fleisch und faulendem Salzwasser, als die Hauptbestandteile der hier unten waltenden Luft nenne, so wird man die Lieblichkeit derselben ungefähr zu ahnen vermögen. Auf mein Wort, es war mehr, als selbst ein eingefleischter, ausgewitterter Seebär schön finden konnte.
Die Leute scherzten miteinander, und ihre Zungen klapperten in den sonderbarsten Dialekten. Einige Spitznamen, bei denen sie sich nannten, und welche sicherlich zum Teil auch der Musterrolle beigefügt waren, klangen sehr merkwürdig. Wie viele von ihnen mochten schreiben können? Ihre Unterschrift bestand daher in einem Kreuz. Einer wurde „Glücklicher Billy" genannt, ein anderer „Kleiner Welchy", wahrscheinlich weil er ein Walliser war- dann hörte ich noch: „Liverpool Sam", „Schnarch-Jimmy" und „Schöner Blunt". Daß diese Namen von ihren Müttern und Vätern herrührten, war kaum anzunehmen.
Die Sache ist die, daß Seeleute sich oft bei ihrer ersten Fahrt unter angenommenen Namen einschiffen. Den Grund davon habe ich nie erfahren. Geistige oder physische Eigentümlichkeiten verschaffen ihnen später Spitznamen unter ihren Schiffsmaaten, und diese kleben ihnen dann für ihr ganzes weiteres Seemannsleben an, während ihre Geburtsnamen vergessen werden.
Ich entfloh der Luft meiner Behausung, stieg auf Deck und sah zu, wie die Leute an Land gingen. Es war der letzte Abend auf lange Zeit hinaus, den sie so verbringen konnten, und in Rücksicht dessen war er kurz genug, denn um halb elf mußte alles wieder an Bord sein. Drei wollten ins Theater gehen, und zu dem Zweck hatten sie sich besonders schön gemacht. Ihre Gesichter glänzten von Seife, ihr Haar von Oel, die Hände aber hatten alle Mühe und Anwendung des Fetttopfes gespottet, sie ganz von Teer zu befreien. Die reinen Hemden und schottischen Mützen ließen das aber übersehen. Jedenfalls gaben sie eine prächtige Gattung von See-Dandies ab.
Allmählich war die ganze Mannschaft fortgegangen, ausgenommen ich, der Koch und ein Schiffsjunge. Was mich betrifft, so bot mir BayPort keine Versuchung, das Schiff zu verlassen. Außerdem konnte ich in Abwesenheit der Leute am besten meine Sachen in Ordnung bringen, meine Lagerstätte Herrichten und mich orientieren, in welche Art von Geschäft mich der Zufall geführt hatte.


