sei

Ach, ich kann eS nicht verschmerzen, daß fie mich des süßesten Glückes der Kindheit beraubt hat!" erwiderte er. Meine Mutter, meine Mutter!"

Sind die Kinder der unglückseligen Frau nicht noch beklagenswerter als Sie?" fragte hinzutretend Felicitas. Rein, leuchtend, ungetrübt lebt in Ihrem Herzen das An­denken an die Verstorbene, während jene

Sie sollen nie, nie erfahren!" rief Hans schnell.

Felicitas wiegte bedächtig das schöne, kluge Haupt und sagte:

Das wird doch seine großen Schwierigkeiten haben. Hermine hat in jener furchtbaren Nacht doch zu viel mit angesehen, um nicht zu wissen, daß dem Tode ihrer Mutter seltsame, außergewöhnliche Dinge vorangegangen sein müssen - gelingt eS auch jetzt, sie darüber hinweg zu täuschen, so wird doch die Erinnerung daran in ihrer Seele haften bleiben, und sie wird bei völlig gereiftem Verstände ihre Schlüffe daraus ziehen."

Ich fürchte, Adalbert hat sie bereits gezogen," versetzte Ernst Sommer.Der arme Junge ist total verändert."

Aber, Ernst, man hat doch nur eine Mutter zu verlieren! Ohne daß dabet noch besondere Schrecken obwalten müssen, wirkt eS doch schon erschütternd genug, mitten aus einer fröhlichen Fahrt durch die Schweizer Berge durch ein Tele­gramm geriffen zu werden, das den Tod der Mutter kündet, und heimkehrend zu erfahren, daß sie durch Selbstmord ge­endet habe," wandte seine Schwester ein.

Dennoch fürchte ich, er mutmaßt noch mehr," beharrte Ernst.

Ich habe bereits Vorkehrungen getroffen, ihn möglichst weit von hier zu entfernen," nahm HanS wieder das Wort/ auf meinen Vorschlag wird er für das nächste Semester die Universität Straßburg beziehen, und dann werden wir weiter sehen. Hermine gebe ich aber in Ihre Hut, liebe Felicitas, da ist fie wohl geborgen."

Er drückte Fräulein von Kressen warm die Hand, die den Händedruck erwiderte, während sie gleichzeitig einen sprechenden Blick mit Ernst Sommer austauschte. Zu Aurelie gewendet fuhr Hans Helldorf fort:Unsere Aufgabe wird eS aber sein, meinen armen, tiefgebeugten Vater wieder auszurichten, ihm die Tage und Jahre, die ihm noch be- schteden find, wirklich lebenswert zu machen."

Sie reichten einander die Hände, um das Gelübde, das jeder in seinem Herzen that, zu bekräftigen- und sie hielten einander Wort.

Herbst und Winter und ein Teil des nächsten Sommers gingen sehr still vorüber. Adalbert Helldorf blieb auch während deS Sommersemesters in Straßburg, wohin ihn auf den Wunsch des KommerzterateS August von Kreffen begleitet hatte. Erst nach dem Schluffe desselben kehrten beide nach Berlin zurück, um an Familienfesten, die daselbst sich vorbe­reiteten, teilzunehmen.

Assessor Sommer und seine Schwester waren gemeinsam in dem alten Hause in der Friedrichstraße geblieben- Felicitas und Hans wohnten den Winter über mit dem Kommerzien­rat in der Villa in der Bellevuestraße, zogen aber mit dem ersten Erwachen des Lenzes in eine provisorisch gemietete Wohnung, denn jene ward einem mehrere Monate in Anspruch nehmenden Um- und Erweiterungsbau unterzogen, da sie fort­an hinlänglich Räume für zwei Haushaltungen bieten sollte.

Kommerzienrat Helldorf wollte mit seinem ältesten Sohn, dessen Frau und Hermine eine Familie ausmachen - er wollte aber auch Ernst und Felicitas in seiner nächsten Nähe haben. Zu eng war namentlich das Geschick der letzteren mit dem f einigen verwoben, zu innig und unauflöslich hing Hermine mit der geliebten Erzieherin zusammen, die ihr im schönsten Sinne des Wortes die fehlende Mutter ersetzte, als daß er auch nur in eine räumliche Trennung hätte willigen mögen.

Ernst Sommer hatte eine Anstellung als Amtsrichter bei dem Gericht in Berlin erhalten und besaß jetzt also die­jenige Würde, welche in gut bürgerlichen Kreisen als wohl­

berechtigend zur Heirat betrachtet wird - daS Trauerjahr uttt den Vater lag hinter ihnen, nichts stand der Vereinigung der Liebenden mehr im Wege.

An einem milden sonnigen Septembertage fand die Hochzeit der beiden Paare und gleichzeitig die Einweihung der vollstänig neu hergerichteten Villa statt. Nur ein ganz kleiner Kreis von Geladenen hatte sich dazu eingefunden, und die Trauung wurde von dem Geistlichen der Matthäikirche in dem zu einer Kapelle umgewandelten, reich mit Blumen geschmückten Saal des Hauses vollzogen, denn nicht mit Unrecht hatte der Kommerzienrat gefürchtet, daß eine Trau­ung in der Kirche eine allzu große Schar von Neugierigen und Schaulustigen herbeiziehen würde. Standen fie doch so schon dicht gedrängt auf dem Trottoir, um die wenig Ankom­menden zu mustern und von dem, was sich im Innern des Hauses begab, nur einen Schimmer zu erhaschen.

Es war ernst und weihevoll.

Hermine Helldorf, die sich zu einem schönen, schlanken Mädchen entwickelt hatte, dessen unruhige Lebhaftigkeit einem sitttgen und sinnigen Wesen gewichen war, ging blumen­streuend den bräutlichen Paaren voran die eins nach dem andern von dem Komerzienrat an den Altar geführt wurden, während die Brüder, Adalbert und August, Marschällen gleich, zur Seite schritten. Angestellte der Helldorfchen Firma, wie alte, treue Mitarbeiter, die einst dem Sommerschen Hause angehört hatten, bildeten zusammen mit wenigen Freunden der Familien die tiefbewegte, aufrichtig teilnehmende Fest­versammlung.

Dem Altar gegenüber, so daß die Blicke der davor stehenden Paare darauf fallen mußten, hing das Bild der ersten Gattin des Kommerzienrates, dasselbe, das einst jenen Ausbruch seiner zweiten Frau veranlaßt und bei den Zu­schauenden zuerst die Ahnung wachgerufen hatte, es müsse in ihrem Leben sich irgend ein dunkler Punkt befinden, ihr rätselhaftes Wesen mehr bedeuten, als eine lediglich körper­liche Störung.

Mit peinlicher Sorgfalt war aus der. Villa alles ver­bannt, was eine Erinnerung an die unglückliche Frau Her­vorrufen konnte, ihr Name ward vor den Ohren des Kom­merzienrates nicht mehr genannt. Instinktiv vermieden dies auch seine Kinder zweiter Ehe.

Der hartgeprüfte Mann erlangte die frühere Thatkraft und Elasticltät nie ganz wieder. Bald nach der Verhei­ratung seines ältesten Sohnes übergab er diesem das Geschäft und zog sich gänzlich davon zurück. Er wußte es in guten Händen und hatte überdies die Freude, auch Adalbert nach vollendetem Studium in dasselbe eintreten zu sehen.

Waren mit dem Tode der Mutter die Träume von einer Diplomatenlaufbahn In der Seele des jungen Mannes ver­flogen? Hatte er sie aufgegeben, weil er mehr von ihrer Vergangenheit wußte, als er jemals aussprechen mochte? Niemand hat dies je erfahren, niemand ihn je darum gefragt- aber Adalbert Helldorf, der leichtsinnige überschäumende Jüngling, war ein ernster, verständiger, sehr tüchtiger Geschäftsmann geworden, und sprichwörtlich ward die zwischen den beiden Brüdern und Geschäftsinhabern obwaltende Liebe und Einigkeit.

Ein Kreis glücklicher Menschen, deffen Mittelpunkt der Kommerzienrat ist, und dem es an einem fröhlich empor­blühenden Nachwuchs nicht fehlt, bewohnt jetzt die Helldorfche Villa- die Schatten der Vergangenheit blicken nur soweit hinein, um dem heiteren Bilde einen dunklen Hintergrund zu geben. __________

Gemeinnütziges*

Die neueste Nummer des praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau bringt allgemein interessante Angaben, wie Wallnüsse zu reinigen und aufzubewahren sind. Sie werden wiederholt in reinem Wasser gewaschen durch Umrühren mit der Hand werden sie von selbst sauber. Das