— M —
herrscht hatte, verlor sich schon nach wenig Stunden. Frau Charlotte verstand es, ihre Gäste bald heimisch zu machen.
Renata mußte oft nachstnnen, warum doch die Kinder dieser seltenen Frau so ganz anders waren, wie sich neben ihr der Einfluß eines schwachen Vaters so hatte geltend machen können. Dann dachte sie der eigenen Mutter und stellte sie vergleichend neben sie. Welcher Unterschied, und doch wehte sie so etwas Verwandtes aus Frau Falkners Wesen an. Sie sah im Geiste wieder das matte, früh gealterte Antlitz ihrer Mutter vor sich, das sich nur erhellte beim Anblick ihrer Kinder, die sie mit unsäglicher Liebe umfaßte. Sie war keine feste, starke Stütze gewesen, wie diese Hausmutter, nein, ein zerstoßenes Rohr mit gebrochener Lebenskraft. Was sie eigentlich so elend gemacht, das wußte Renata nicht.
Das Leben im Ghlfenhofe mutete das junge Mädchen gar heimisch an. Renata hatte Gelegenheit genug, zu bewundern, mit welcher Umsicht, Klarheit und Liebenswürdigkeit die Hausfrau ihr oft schwieriges Amt übte. Max und Frida hegten großen Respekt vor der Mutter und wagten in ihrer Gegenwart nie, ihren Launen die Zügel schießen zu lassen. Ob sie wirkliches Verständnis für den Schatz hatten, den Gott ihnen in dieser Mutter gegeben, konnte Renata noch nicht ergründen,- sie freute sich jedoch sehr, als Frida einmal bemerkte, sie habe eine vortreffliche Mama, um die sie mancher beneide, und sie möchte keine andere haben, aber sie verlange doch etwas gar zu viel von ihr, das sei manchmal recht unbequem. So wurde Renata nicht müde, in dem leichtlebigen, eiteln Mädchen mehr zu suchen, als sie bisher gefunden.
„Ich möchte mir wohl dies alte Haus einmal gründlich ansehen," äußerte Renata eines Tages gegen Frida.
„DaS können Sie haben," rief diese lachend, „ich will Sie gern herumführen, aber erwarten Sie nicht allzu seltsame Dinge, es spukt niemand weiter, als der alte Gylfen."
„Wer ist das?" fragte Renata.
„Nun, der Erbauer des GylfenhofcS. Aber kommen Sie, es macht mir Spaß, Ihnen den alten Rumpelkasten zu zeigen."
Oben waren meist freundliche Zimmer mit moderner Einrichtung, aber die Räume auf dem Korridor wiesen hier und da altertümliche Möbel auf, die wohl schon den Gylfens gedient hatten. Außer Fridas und des Konsuls Zimmern waren hier nur Gaststuben. Den Korridor schloß am Ende eine Thüre, die in Onkel Gottfrieds Reich führte, und seitwärts zweigte sich eine Treppe nach unten ab.
Hier wiederholte sich der Gang, nur war er breiter und mit Steinfließen belegt. Die runden Thürbogen, mit ziemlich roh ausgeführten Thüren darin, deuteten auf Vorratsräume, was auch Frida bestätigte. Gegenüber nach dem Garten zu befanden sich mehrere Fenster in eben solchen Rundbögen, die mit moderner Kunstlosigkeit einander passend gemacht waren.
„Das sieht bald aus wie ein Stück Kreuzgang," bemerkte Renata, sich interessiert umblickend.
„Darüber können Sie Onkel Gottfrieds Weisheit hören," erwiderte ihre blonde Führerin lachend, „er wird entzückt sein, bei Ihnen solches Jntereffe zu finden."
„Oder wird mich auch auslachen," sagte Renata lächelnd.
Der Gang mündete in den Hausflur, wo einige verblichene alte Herren in Radkrausen und Perrücken an der Wand hingen. Außerdem gab es hier unten meist feuchte und unbrauchbare Räume.
„Sagen Sie mir noch, was hinter dieser großen Thüre neben der Hintertreppe steckt, sie sieht so geheimnisvoll aus in der tiefen Nische."
„Das ist ein Archiv, eine Bibliothek, was Sie wollen," erklärte Frida, „ich nenne es Rumpelkammer, Onkel Gottfrieds Eldorado. Als Kinder spielten wir darin, bis wir Unfug anrichteten mit den abscheulichen, moderigen Büchern und zerbrochenen Scherben, die Onkel Gottfrieds Heiligtümer
ausmachen, und da nahm er die Schlüffel auf Nimmerwieder« geben an sich."
«Ist Ihre Familie schon lange im Besitz hirseS Hauser?" fragte Renata. -
„Doch wohl, ich weiß es nicht, ich habe mir nie den Kopf darüber zerbrochen, Sie möchten wohl gern in das Archiv?" fuhr sie fragend fort, als Renata sinnend vor der Eichenthür stehen blieb.
„Gewiß," erwiderte sie, „aber Herr Professor Wolfram wird das nicht dulden."
„O, ich bitte Sie, im Gegenteil," rief Frida lebhaft, „Sie werden in seiner Achtung steigen, wenn Sie sich für seinen alten Kram interessieren."
„Darüber hege ich Zweifel, ich werde schon gar nicht wagen, ihn darum zu bitten," entgegnete Renata und trat von der Thüre zurück.
„Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, beste Renata," lachte Frida, „ein Bär ist der gute Onkel nicht."
„Davon ist auch nicht die Rede," erwiderte Renata und beide Mädchen stiegen die Hintertreppe zum Gange wieder empor.
„Sieh, da kommt Onkel wie gerufen," sagte Frida.
(Fortsetzung folgt.)
(Nachdruck verboten.)
Schuldig.
Erzählung von F. Arnefeldt.
(Schluß.)
XVII.
Wenige Tage nach dem Tode der Kommerzienrätin Helldorf war auch Bankier Sommer sanft und schmerzlos hinübergeschlummert. Er hatte den Gebrauch seiner Geisteskräfte nicht wtedererlangt, nicht erfahren, daß ein Teil des ihm geraubten Gutes wieder zum Vorschein gekommen war.
Allerdings nur ein mäßiger Teil davon- die Diebe hatten während der wenigen Monate, die zwischen dem Raube und der Entdeckung verstrichen waren, eine ansehnliche Summe verschleudert, deren Höhe die Bestohlenen selbst nicht genau festzustellen vermochten, und die ihnen auf immer verloren war.
Den Geschwistern Sommer erschien jedoch das, was sie empfingen, wie ein Reichtum, ja, wie ein ihnen unverhofft zugefallener Schatz, denn sie hatten sich bereits mit dem Gedanken vertraut gemacht, auf alles verzichten zu müffen.
Tief erschütternd war das Wiedersehen der beiden verlobten Paare am Sarge des Vaters, rief erschütternd ihr Zusammensein im Sommerschen Wohnzimmer nach der Heimkehr von der Beerdigung.
Welche Fülle von Ereignissen lag zwischen dem Tage, an tvelchem Felicitas ihren Verlobten und dessen Schwester zu Vertrauten der ihr angethanen Schmach, und dem heutigen, wo enthüllt war, was sie damals dunkel geahnt hatten.
Ernst und Aurelie kannten mehr von der Tragödie, die in der Familie Helldorf sich abgespielt, sie standen ihr zu nahe, als daß auch ihnen hätte der wahre Sachverhalt verschwiegen werden können, aber das Geheimnis ruhte bei ihnen auf tiefem Grunde, Liebe und Mitleid waren die festen Schlösser, die es verwahrt hielten.
„Wißt Ihr daß es beinahe beruhigend auf mich wirkt, Euch jetzt in Trauerkleidern um den dahingeschiedenen Vater zu sehen," sagte Hans, indem er seine Bliche an den in schwarzen Krepp gehüllten Gestalten der beiden jungen Mädchen hinabgleiten ließ, „es erschien mir wie eine grausame Lüge, wie eine Entweihung, daß Ihr Trauer angelegt hattet, um —"
Eine weiche Hand legte sich auf seinen Mund- ihre Wange eng an die setnige schmiegend, flüsterte Aurelie:
„Still, still, Hans, laß die Tote ruhen, Ihre Schuld ist mit ihr begraben!"


