Ausgabe 
14.12.1899
 
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Modenbericht für Ballkleider.

Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schinttmanufaktnr, Dresden-dk.

Reichhaltiges Modenalbum ä 50 Pfg. daselbst erhältlich.

Das Weihuachtssest steht vor der Thür und mit ihm eine Reihe von Freuden- und Festtagen sür jung und alt. Für die Kinder ist das schöne Weihnachtssest wohl der Glanzpunkt des ganzen Jahres und auch sür manche große Kinder ist es nicht viel anders, wenn auch die Wünsche andere geworden sind. Wünschte sich das Kind eine schöne Puppe oder gar ein Puppcnhans, so steht der Sinn der Erwachsenen nach einem modernen Ballkleid ober einem neuen Schmuck für den Ball­saal, und damit derartige Herzenswünsche zu voller Zufriedenheit erfüllt werden können, wollen wir mit folgendem eine gedrängte Uebersicht über die neueste Ballniode bringen:

Leicht, duftig, zartfarbig", das ist die Devise, welche in diesem Jahr für alles, was Ballsachen heißt, gilt. Schon die Stoffe entsprechen ihr, zumal was solche für junge Mädchenblüten anlangt, voll und ganz. In der ersten Reihe steht Ballgaze in allen Lariationen. Dieses duftige Gewebe ver­langt ja unter allen Umständen ein seidenes Unterkleid, was vielleicht manchem zu hoch im Preise erscheinen mag, aber in Wahrheit ist das nicht so schlimm, als cs zuerst er­scheint, denn einesteils kann man leicht ein schon getragenes Seidenkleid verwenden und andernteils hat man die für diesen Zweck bestimmten Seiden schon zu mäßigem Preis. Dafür ist ein derartiges auf Seide ge­arbeitetes Gazekleid auch das Schönste, was man sich denken kann, und lassen sich durch verschiedenartige Zusammenstellungen immer wieder neue und eigenartige Effekte erzielen, denn es geht sehr wohl an, Unter- und Ueberkleid von verschiedenen Farben herzu­stellen. Natürlich wird dann die Gaze ein­farbig sein müssen, während das Unter­kleid ost große Blumenmuster aufweist, wie sie der bekannten Libertyseide eigen sind. Die

Zusammenstellung von einem einfarbigen Unterkleid mit gemusterter Gaze ist jedoch die vorherrschende. Da sind zunächst die durchbrochenen, in Karomusterungen gehaltenen Gazen zu empfehlen. Dieselben sind zumeist in matten, sogenannten Pastellfarben gehalten, wie blaßgrün und rosa, hellblau und gelb oder hellgrün, hellblau und rosa. Eine dieser Farben wählt man dann auch für das Unterkleid. Andere Gazen haben ihren Reiz in glänzenoen, schmäleren oder breiteren Seidenstreifen. Das Schönste dieser Art sind jedoch ©eiben« gazen mit Rokokoblumen. Der Grund zeigt sich in einer schönen matten Farbe, wie rosa, hellblau, hellgrün ober lila und ist in sich durch breite Moirecstreisen gemustert, darüber legen sich die denkbar zartesten Blumen­ranken, welche dem Rokokogeschmack eigen sind.

Eine andere, besonders für jugend­liche Ballnovizen geeignete Neuheit find die Gazen mit Tautropfen Das ganze Gewebe ist dicht mit den Tau­tropfen täuschend nachgebildeten Glas- perleti besät, welche im Licht flimmern und schillern nnd zttm Zarten noch den Glanz fügen. Diese Neuheit mag wohl ihren Ursprung der großen Beliebtheit der Pailletenstoffe ver­danken, welche auch diese Saison ihre Herrschaft noch nicht ausgeben. In weiß sowohl als auch in schwarz er­scheinen sie in immer neuen Mustern und besonders junge Frauen lieben sie sehr als Ballkleider zu tragen.

Wem es nicht auf die Kosten ankommt, der kann sich in diesem Genre bic entzückenbste Robe wählen. Dieselben sind gleich der Rock- und Taillensorm entsprechend gewebt und in prächtigen Mustern mit Pailleten

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besetzt.

Vielfach werden diese Paillettenstickereien auch durch Stahl- und Goldperlenstickerei ersetzt, welche als ganz besonders modern und elegant gelten.

Doch nicht allein diese zarten Gewebe wie Gaze und Chiffon sind find für den Ballsaal modern, wenngleich sie dominieren, sondern die Seide beansprucht nach wie vor ihre Rechte in diesem Reiche, zumal auch darin wie alljährlich, reizende Neuheiten erschienen sind. Damaffee,

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gegen ist allgemeine Revolution, und die Meinungen schwanken unklar hin und her, sodaß wohl derjenige am . besten daran lhut, welcher weder bei eine noch bas andere Extrem wählt, sondern hübsch auf der goldenen Mittelstraße bleibt. Es wird nämlich dem ganz engen Rock, welchem wir übrigens nie das Wort geredet haben, ganz energisch Krieg erklärt nnd dasür der in dreiviertel Länge in Falten ge« gesteppte oder ringsum eingereibte Rock einzuführen versucht. Aller Voraussicht nach wird man nun wohl beide ver­schmelzen, indem man die Vorder» nnd Seitenbahnen des engen Rockes beibehält und vom weiten Rock die in doppelte Quetschfalte gelegte Hinter­bahn hinzufügt. Dies ist jedenfalls eine weder nach der einen noch nach der andern Richtung hin auffallende Form, welche außerdem recht kleidsam ist. Dabei ist wohl kaum anzn- uehmen, daß die jetzt erst Fuß saffende Tunika ganz vernachlässigt werden sollte, zumal sie sich gerade sür die

Ballmode so vorzüglich eignet, wie unsere Abbildung Modell Nr. 1 be­weist. Bietet sie doch Gelegenheit, leichte und schwere Stoffe in reizvoller Weise zusammenzustellen, indem man Tunika und Taille aus Seide fertigt, während Taillengarnitur nnd der unter der Tunika sichtbar werdende Volant aus Gaze, Chiffon, Tüll oder anderem duftigem Material bestehen kann. Auch die in dieser Saison so ungemein be­liebten Volants mit Rüschen, -Spitzen,- Bandbesatz rc. können unterhalb der Tunika wirkungsvoll angebracht werden. Wie man diese leichten Stoffe auf der Taille in Zusammenhang mit Seide anbringt, zeigen die beiden Abbildungen 1 und 2, indem Figur 1 mit Chiffonsshwals und Blumen drapiert ist, während Figur 2 einen Einsatz aus plissiertem Chiffon aufrocift, wozu die Spitzentaille sich sehr elegant ausnimmt. Besonderen Reiz erhalten beide Taillen durch die jetzt vielfach ange­wandte Garnitur von dunklem Sammet in Form von Spangen, Rosetten und Rokokoschleifen.

Stoffe, Formen, Ideen giebt eS für diese Winterkampagne genug, und an Mitteln, sich festlich zu schmücken, fehlt es nicht. Zum Schluß also ein freundlichesGlückauf" der tanzlustigen, fröhlichen Jugend mit dem Wunsche, daß die Saison eine recht vergnügte werde.

Moiree antique, Armüre usw. werden gern von Frauen gewählt, während junge Mädchen mehr Libertyseide und vor allem Bengaline vorziehen, wenn nicht gar der durch seinen schönen Faltenwurf alle andern über­treffende Chiffon bevorzugt wird. Doch eS würde zu weit führen, wollten wir noch weiter vom Material sprechen, während wir von den Formen noch nichts erwähnten.

Die Taillen weisen keine durchgreifenden Aenderungen auf, außer höchstens, daß man nicht mehr lediglich auf den ganz kurzen Aermel, man möchte fast sagen, ärmellosen Schnitt angewiesen ist, denn der halb- lange Aermel taucht immer mehr auf und gewinnt feiner Kleidsamkeit halber immer mehr Anhänger, während der lange Aermel zur ausge­schnittenen Taille keinen allgemeinen Anklang zu finden scheint. Wählt man ihn doch, so ist er jedenfalls aus durchbrochenem Spitzenstoff oder ober anderem ganz durchscheinenden Stoff zu fertigen.

Auf dem Gebiet des Rockes hin-

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Die Kunst beS Schneiberns gehört mit zu denjenigen Fertig­keiten, die dem weiblichen Geschlecht in allen Lebensstellungen und unter allen Umständen von Wert sind. Der Gattin, der Mutter kommt die Kenntnis im Schneidern zu statten, die vornebme Frau vermag dadurch einen wirksamen Einfluß auf die individuelle Gestaltung ihrer Toiletten zu nehmen, dem Mädchen, welches auf eigenen Füßen stehen muß, wird damit eine Existenz geboten. Niemand sollte daher versäumen, sich diese so nützliche Kunst anjneigncn, die nicht blos im Nähen, sondern auch in der Kenntnis des Zuschnitts besteht. Speziell für den letzteren giebt es in einem im Verlag ,,Euryp.-Mod««zeitung, ' Dresden, neu erschienenen Zuschneidewerk, betitelt die perfekte Schneiderin, (Preis in Mappe 6 Mark). Anleitungen von überraschender Einfachheit, die durchaus auf dem Wege des Selbstunterrichts in kürzester Zeit zu den günstigsten Resultaten führen. Das Werk sand in allen Kreisen die denkbar günstigste Beurteilung unb innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit eine Verbreitung in vielen tausend Exemplaren. Prospekte über alle wichtigen Hilfsmittel zur Erlernung der Schneiderei verlange man vom Verlag Europ.-Modeuzeitung, Dresden. Es ist ein sehr nützliches und paffendes Weihnachtsgeschenk.

Äebaftten: «. Burkhardt. «rud nn> «erlag der «rühl'schen Uuiverfltttl-Buch. und Steinbruderei (Pietsch Erben) in Gießen.