Ausgabe 
14.12.1899
 
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des Bräutigams ebenso gehandelt hätte. DaS Gericht selbst teilte die Anschauungen, indem der Untersuchungsrichter nach Feststellung des Thatbestandes die Angelegenheit als erledigt, Herrmann als in berechtigter Abwehr handelnd erklärte.

Erst den vierten Tag nach der verhängnisvollen Nacht betrat er die Billa. Einer beobachtete ihn genau, Opel.

Nach einer Stunde kam er erst heraus, noch immer ernst, aber nicht so finster, nicht mehr so drohend, eher traurig. Ja, wenn es dem Herrn Herrmann zuzutrauen gewesen wäre, Opel hätte geschworen, diese Augen seien etwas gerötet.

Nun, ein Wunder wäre eS ja nicht. Opel wußte von seiner Ehehälfte alles, was sich im Gartenhause zugetragen.

Am Nachmittag desselben TageS reiste Herrmann ab, auf lange Zeit, wie er selbst äußerte, unterdes werde Herr Holaus seine Stelle vertreten. DaS war eine Erlösung für Opel. Sie waren doch nicht auseinandergekommen über bett unglückseligen Menschen.

Und am dritten Tage verließ Herr Holaus selbst die Alla.

Er entging Opel nicht, der ihn umlauerte wie ein Wegelagerer. Drückte ihn doch noch immer das Bewußtsein, durch seinen Uebereifer die ganze Katastrophe herbeigeführt zu haben, welche alle Pläne seines Herrn mit Fräulein Marte für immer vernichtete.

Scheu trat er seinem Herrn entgegen, ängstlich seine Mienen durchforschend.

Eine milde Klarheit lag darin, der Sieg der Ueber- wtndung.

Opel sah nur eines, wie er ihm zulächelte, mit der Hand winkte.

Da stand er schon bolzengrade vor seinem Herrn.

Opel, das waren schlimme Tage," sagte Holaus milde.

Nur meine Schuld, Herr Holaus. Jagen Sie mich zum Teufel. So ein alter Polizeimensch taugt zu nichts anderem mehr in der Welt.

Holaus legte seine Hand auf des Alten Schulter und schüttelte den Kopf.

Glauben sie daS nicht. Ihre Schuld! So wenig Ihre Schuld, als die Geschichte in jener Regennacht, die uns zusammengebracht, die meine. Alles höhere Fügung. In drei solchen Tagen, wie ich durchgemacht, gehen einem die Augen auf, lieber Opel. Wir bleiben beisammen."

Er drückte dem treuen Diener die Hand.

Der spürte ein verdächtiges Kitzeln in den Augen, die Enden des weißen Schnurrbartes zitterten bedenklich, und um alles hätte er kein Wort herausgebracht. Es kam nur ein schnarrendes, unverständliches Stöhnen auS seiner Kehle.

Holaus ging dem Gartenhause zu.

Manchmal blieb er stehen, legte die Hand auf das Herz und atmete tief die würzige Herbstluft.

Frau Opel empfing ihn mit dem feierlichen Flüstern und Deuten, daS uns stets in dem Hause eines Kranken begegnet.

Dann beichtete sie ihm, wie Marie ihr keine Ruhe ließ, btS sie ihr alles erzählt von der armen Mutter, von der Rettung aus dem Strome, von allem Großen, was er an ihr gethan von der ersten Stunde an.

SRa, da können Sie sich denken, wie ich loSgelegt habe," meinte die gute Frau.Grad' auf den Mund geschaut hat sie mir wie ein Kind, dem man ein Märchen erzählt. Und wenn er schon Dein Vater nicht ist, so ist er doch Dein größter Wohlthäter, ein Freund, um dem man zwanzig solche, wie der Herrmann ist, verlieren kann. So hab' ich ge­sprochen, und wie sie mir dann so verständnisvoll zugenickt hat, habe ich sie was gefragt."--

Frau Opel machte ein verschmitztes Gesicht, das Holaus beunruhigte. ES war die höchste Zeit, ihrem Redefluß Ein­halt zu thun, wenn er nicht selbst schwach werden sollte.

Ich hoffe/ nichts, wozu Sie keine Berechtigung hatten," erwiderte er streng verweisend, jede Erwiderung abschneideud.

Die Stiege erschien ihm steiler als je, die Füße mit Bleisohlen behaftet.

Frau Opel öffnete leise die Thür zu Mariens Zimmer, warf einen Blick durch die Spalte, winkte Holaus geschäftig und öffnete vollends.

Marie saß vor dem Fenster, in eine seidene Decke ge­hüllt, das Haar gelöst, den Kopf in die Hand gestützt, gedankenverloren hinausblickend in die herbstliche Landschaft.

Holaus blieb dicht an der Thür stehen.

Marie!"

Sie wandte mit mehr erstaunter als erschreckter Be­wegung den Kopf. Offenbar erkannte sie die fremdklingende Stimme nicht.

Dann aber sprang sie auf, ließ die Decke fallen, klammerte sich mit beiden Händen, nach rückwärts greifend, an das Fenstersims und sah Holaus an wie eine fremdartige Grscheinuug.

Vergebens wartete er auf eine Ansprache.

Ihre Brust ging hoch, ihr Atem flog.

Marie! Mein Kind!"

Da schlug sie die Hände vor das Antlitz und ließ sich in den Sessel fallen.

Dir zuliebe habe ich geschwiegen, Marie, gelogen, betrogen," seine Stimme steigerte sich. Er war dicht zu ihr getreten.Der Ausgang ist nicht meine Schuld; nenne es Verhängnis, Sühne. Mich nur lasse es nicht ent­gelten, mich nicht."

Marte barg noch immer ihr Antlitz in den Händen. Holaus faßte sich gewaltsam. So ging es nicht. Der Drache Leidenschaft erwachte schon wieder in seiner Brust, kaum eingeschläfert.

Herrmann ist abgereist," fuhr er gelassen fort.Du wirst das begreiflich finden. Er giebt Dir hiermit Dein Wort zurück. Das Schicksal trennt Euch für immer. Es wird ein Schmerz sein für Dich. Ich begreife das wohl, aber Du bist ja noch jung. Du wirst darüber hinweg­kommen, neue Eindrücke Marie, ich ertrage Dein Schweigen nicht."

Seine Stimme hob sich jetzt leidenschaftlich. Was auch geschehen ist, Du darfst nicht vergeffen, wer ich Dir war, wer ich Dir noch sein muß. Du kannst mir einen Namen nicht entziehen, auf den ich ein ständiges Anrecht mir er­worben, den Namen Vater!"

Marie schauderte zusammen und blickte aus ihrem blonden Haarwald, wie gestörte» Sinnes auf Holaus.

Sprich ihn nicht mehr aus den Namen, ich beschwöre Dich, den entsetzlichen, der mich in meinen Träumen verfolgt. Du Du mein alles, mein Höchstes." Ihre Augen gewannen einen überirdischen Glanz"Mein Schöpfer! Mein Erlöser! Du und dieser für mich grauenvolle Name haben nichts mehr gemein."

Welchen anderen willst Du mir geben, Marie?"

Holaus kniete jetzt vor der Kranken und hielt ihre Hand fest in der seinen.

Einen, den mein Herz schon lange ruft, nur konnte ich es nicht verstehen, jetzt aber erfüllt er mich ganz. Er­rätst Du ihn nicht? Willst Du ihn nicht nennen?"

Goldene, herbstliche Lichter huschten über das verklärte Antlitz, das sich über ihn neigte.

Geliebter!" flüsterten ihre Lippen.

Er wollte aufspringen, fich ihrer Umarmung wehren, doch sie ließ ihn nicht.

Mein Herr I Mein Meister! Mein alles in der Welt."

Was waren alle starren, selbstquälerischen Vorsätze der letzten Tage, alle Borwürfe, alle Einwände, aller Heroismus, mit dem er sein schmerzvolles Geheimnis gehütet? DaS alles verflatterte wie ein leichtes Gewölke vor dem lodernden Strahl, der jetzt in seine Seele fiel.