Ausgabe 
14.11.1899
 
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Dienstag den 14. November

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?cr Mensch kann nichts Höh'rc^ erstreben, Im Kampfe mit Sorge und Not, Als ein gutes Gewissen im Leben, Einen guten Namen im Tod. Badenstedt.

Nachdruck verboten.

Der Gylfenhof.

Eine Erzählung von P. D i t f u r t h.

(Fortsetzung.)

XXI.

Wieder sandte die Oktobersonne spärliche Strahlen auf die Terrasse im Garten des Gylfenhofes, wo Renata mit dem Professor auf und ab ging.

Den Bewohnern des alten Hauses hatte die neue Ge­nossin sich so unvermerkt eingefügt, als sei sie immer dort gewesen,- und sie selbst fühlte sich unbeschreiblich glücklich. Das zeigte sich auch auf ihrem Gesicht und machte es zu einem sehr lieblichen. Dann fand Charlotte sie doch ihrer Mutter ähnlich, sie hatte dasselbe Lächeln gehabt.

Frida kam der Pflegeschwester mit aufrichtiger Wärme entgegen. Sie fand Renatens und ihrer Eltern Geschichte, so wett sie ihr mitgeteilt wurde, sehr traurig und romantisch, lernte aber Renatens ganzes Wesen nun auch besser ver­stehen.

Max ging mit Anfang des Wintersemesters auf eine andere, ferne Universität. Die letzte, ernste Zeit hatte auch auf ihn vorteilhaft gewirkt, und sein Verhältnis zu Renata gestaltete sich beinahe brüderlich.

Charlotte hatte angeordnet, daß Renata dasselbe Zimmer bewohnte, in dem ihre arme Mutter die glücklichsten Mädchen­träume geträumt, und sie weinte laut auf, als der alte Sekretär wieder am alten Platze war. Und der Profcsfor erzählte mit seinem ernsten Lächeln, welche genußreichen Lese­stunden er in dem traulichen Winkel dahinter verlebt habe, wenn er sich, wie es oft geschehen, zu Helene geflüchtet.

Renata mußte sich ihn darauf ansehen und malte sich aus, wie er als Knabe ausgesehen. Wie freundlich war ihr dabel der Gedanke, daß ihre Mutter ihn so lieb gehabt und er an ihr gehangen. Und doch schien es ihr eine Unmöglich­keit,Onkel Gottfried" zu ihm zu sagen, wie ihr Frida sehr eifrig vorgeschlagen hatte, da sie ja nun mit allen das

freundliche Du wechselte. Sie war verlegen geworden und Charlotte hatte sie mit sonderbarem Sinnen angesehen.

Alles das zog an Renata vorüber, als sie mit Gottfried im Herbstsonnenschein die Terrasse auf und nieder wandelte.

Heute ist's ein Jahr," brach Renata das Schweigen, daß ich dies alte Haus zum erstenmal sah, wie hätte ich ahnen können, was ich verlieren und finden würde! Mein lieber, kleiner Walter."

Wohl wäre es schön, hätte auch er eine Erdenheimat im Hause seiner Väter gefunden," sprach der Profeflor Wolfram ernst und warm,Gott wird ja wisien, warum Sie allein hier einziehen mußten."

«Ich habe nicht geglaubt, Herr Professor, daß mir, der Einsamen, noch ein freundliches Los zufallen würde, und lassen Sie mich es aussprechen, wie ich täglich Gott danke und ihn bitte, daß er Sie und die Ihren segnen möge dafür."

Ihre Stimme klang gedämpft und unsicher, aber er fühlte ihre tiefe Bewegung heraus. Er faßte ihre Hand und sagte warm:

.Maren Sie es nicht, die den Segen ins Haus gebracht hat? Wahrlich, ich bitte darum, daß er bleiben möge mit Ihnen und durch Sie, Renata. Wie doppelt glücklich bin ich gerade, in Ihnen die Tochter Helene Rinnewarts ge­funden zu haben."

Er hatte erregt gesprochen und sie hörte mit pochendem Herzen zu- sie zog ihre Hand aus der seinen, und eine Pause trat ein.

Wie kamen Sie zuerst auf den Gedanken, ich könnte Helene Rinnewarts Tochter sein?" fragte Renata nach einer Weile.

Genau kann ich das nicht sagen," antwortete er, vielleicht begann ich darüber nachzudenke», als wir Ihre Aehnlichkeit mit dem Bilde im Archiv entdeckten."

,. Fiel Ihnen der Name Wendelin nicht auf? Sie hatten doch oft von meinem Onkel gehört?"

Der Onkel wurde von Ihrem Vater sowohl, als auch später von Ihrer Mutter stets Onkel Vollrad genannt, und der Name Wendelin wurde fast gar nicht gebraucht. Hätte ich beide zusammen wieder gehört, würde mir die ganze Geschichte bald klar gewesen sein. Jedenfalls beschäftigte mich Ihre Aehnlichkeit mit Ihrem Vater am meisten- aber bestimmte Vermutungen stiegen erst in mir auf, als ich Walters Bild sah, er muß Ihrer Mutter fabelhaft geglichen haben."