„Bin ich denn meiner Mutter so ganz unähnlich?" fragte Renata mit leiser Trauer.
„Ja," antwortete er, sie aufmerksam und doch mit zarter Zurückhaltung betrachtend. „Ihre Züge sind ganz die der Gylfen, aber das Lächeln haben Sie von Ihrer Mutter/'
„Wie kommt's, daß Tante Charlotte sich nie mit solchen Vermutungen beschäftigt hat?" fragte Renata.
„Das ist auch wunderbar," erwiderte der Professor, „sie mochte Erich Gylfeus Persönlichkeit nicht mehr so im Gedächtnisse haben wie ich, sie sah ihn nur ganz flüchtig. Außerdem nahm meines Vaters Zustand sie ja fortwährend körperlich und seelisch in Anspruch."
„Gesprochen haben Sie nie mit ihr darüber?" fuhr seine Begleiterin fort.
„Nein, absichtlich nicht, ich wollte sie nicht vielleicht nur vergeblich quälen und aufregen, und der Verkehr mit Ihnen wäre dadurch vollständig gestört worden und hätte seine Unbefangenheit eingebüßt. Sie haben selbst gesehen, wie Gott unser nicht bedarf, auch für mich hieß es, in Geduld warten- hätte ich willkürlich eingegriffen, es wäre wohl sehr ungeschickt ausgefallen, nicht wahr?" Sie blickte mit feuchten Augen zu ihm auf, da trat jemand in den Garten, es war Frida und Viktor Burghoff.
Renata fühlte, wie ihr das Blut zu Herzen schoß, aber sie bemeisterte diese Aufwallung und konnte mit einer gewissen Ruhe den beiden entgegensetzen, doch unwillkürlich war sie dem Professor einen Schritt näher getreten, als sei sie da sicherer.
Der junge Doktor kam von seiner Reise zurück und wollte nun von den Freunden Abschied nehmen, um in den nächsten Tagen eine Stelle an einer Lehranstalt in einer entfernten Stadt anzutreten.
Er äußerte lebhaft seine Freude über den Wechsel in Renatens Verhältnissen, und daß sie nun im Gylfenhofe eine liebe Heimat gefunden habe.
Wie bange war Renaten doch vor diesem Wiedersehen gewesen, und nun konnte sie zu ihrer eigenen Verwunderung so unbefangen herzlich mit ihm sprechen, daß sie über ihre eigene Furcht lächelte.
Der junge Mann verabschiedete sich bald. „Hoffentlich auf Wiedersehen zu Weihnachten!" sagte er fröhlich und seine glänzenden Augen streiften dabei Fridas rosiges Gesicht.
Man ging noch gemeinsam durch den Garten- aber in der Nähe des Hauses blieb Renata stehen und Wolfram ebenfalls, während Viktor und Frida im Hause verschwanden. Renata sah ihnen nach und dann mit stillem Lächeln zu ihrem Gefährten auf, der sie forschend betrachtete. „Ich glaube, wir find überflüssig," bemerkte sie halblaut.
Er antwortete nicht, sondern atmete nur heimlich tief auf —
Der November zog vorüber mit seinem Nebel und dunklen Tagen, und Renata dachte mehr denn je der bor jährigen Zeit, an Walters Scheiden, an die darauf folgende Herzenseinsamkeit, aber auch an die Liebe, die ihr schon damals entgegengetreien war und ihr hatte tragen helfen, wie sie es jetzt wieder that, bei all' den schmerzlichen Erinnerungen, in zarter, schonender Weise. So wurde auch diesem Weh der Stachel genommen, und Renata konnte sich herzlich mit den andern auf Weihnachten freuen, das mehr und mehr heranrückte. Es hatte einen eigenen Reiz für das junge Mädchen, so in einem trauten Familienkreise sich auf das Fest zu rüsten und sie selbst dachte sich allerlei kleine Ueberraschungen für ihre Freunde aus. Aber beim Professor scheiterte all ihr Nachdenken, und auch Frida, die sie um Rat fragte, konnte ihr nicht helfen, sie war mit Mama Falkner stets selbst in Verlegenheit um ein Geschenk für den anspruchslosen Onkel.
Ihn selbst auf irgend eine versteckte Weise zu fragen, wagte Renata nicht, er war oft so sonderbar, daß sie ver
gebens sich bemühte, den alten, unbefangenen Ton ihm gegenüber zu finden.
Sie mußte aber einige Tage vor Weihnachten auf Tante Charlottes Geheiß mit ihm einen Tannenbaum kaufen, da er behauptete, das könne er nicht allein, und Frida war mit ihren Weihnachtsarbeiten noch sehr im Rückstand. Etwas still und befangen war sie mit ihm gegangen, und nun hatten sie obendrein noch Noltes getroffen, die dabei so eigentümlich gelächelt hatten. Die kleine Frau Pastor drohte dem jungen Mädchen noch heimlich mit dem Finger. Vielleicht wären die Damen gar nicht so aufmerksam geworden, hätte der Herr Professor nicht so fröhlich und jugendlich ausgesehen.
„Renatchen, Renatchen," flüsterte Frau Pastor Nolte, „Sie haben doch recht, der Herr Professor ist noch recht jung- wissen Sie noch, als wir zuerst davon sprachen?"
Renata kehrte mit ihrem Gefährten noch stiller heim, als sie gegangen, und gab sich das Versprechen, nie wieder allein mit ihm auszugehen.
(Schluß folgt.)
Der Weltuntergang.
Eine astrophysikalische Studie zum 13. November. Von Rudolf Curtius.
------- Nachdruck verboten.
Wenn der ebenso schnapsfröhliche wie trübselige Handwerksbursche im Lumpazivagabundes die Reimworte singt:
„Drum ist mir auch so entsetzlich bang;
denn die Welt steht leider nicht mehr lang,"
so steht er mit seiner Furcht, daß für die gesamte Menschheit das schöne Erdendasein und die süße Gewohnheit zu leben plötzlich ein jähes und furchtbares Ende durch eine Weltkatastrophe finden könne, nicht allein. Zu allen Zeiten hat es Unglückspropheten gegeben, welche den Weltuntergang für einen nahen Termin in Aussicht stellten. Schon die ersten Christen erwarteten infolge mißverstandener Aeußerungen des Heilands spätestens im Jahre 100 nach dem Beginn unserer Zeitrechnung den Anbruch des jüngsten Tages. Später schreckten allerhand Weissagungen und vor allem die abergläubische Deutung, welche in jenen unwissenden Zeiten das Auftreten ungewöhnlicher Himmelserscheinungen als Zuchtruten der Gotlheit erfuhr, die Menschen immer wieder aufs neue mit der Furcht vor nahen Katastrophen, und im Jahre 1000 nach Christus glaubte man ganz allgemein mit der größten Bestimmtheit den Untergang der Welt erwarten zu dürfen.
Obgleich nun der Gang der Ereignisse den mystisch veranlagten Gemütern bisher diesen blutigen Gefallen nicht ge- than hat, treten derartige Prophezeiungen auch jetzt noch regelmäßig nach kürzeren Zwischenräumen wieder auf, und allein in unserem Jahrhundert ist der Weltuntergang mehr als ein Dutzend Mal angekündtgt worden. Derartige Voraussagen belieben nur, sich heute ein anderes Mäntelchen umzuhängen- denn die Prophezeiungen des Nostradamus und anderer Geheimniskrämer, welche so lange dankbares Material lieferten, schmecken heute doch gar zu sehr nach dem finsteren Mittelalter. Man zieht es daher vor, sich mit wissenschaftlichem Ausputze zu versehen und findet damit neue Gläubige, welche der alten Parole nicht mehr folgen würden. Dem gegenüber hat aber die Naturwissenschaft ebensoviel Recht wie Pflicht, alle derartigen Spekulationen auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen und die Möglichkeiten zu erörtern, die zu Weltkatastrophen führen könnten.
Mit einem allgemeinen Weltuntergänge nach Art des indischen Nirwana oder der Götterdämmerung der nordischen Mythologie, bei welchem alles, was besteht, vom „großen Nichts" verschlungen wird, ist es nichts- denn die Materie ist unsterblich wie die Kraft, und nicht ein Gramm Stoff kann irgendwo verschwinden, ohne anderswo und in anderer Gestalt wieder aufzutreten. Für uns Menschen kommt es aber auch nicht


