Ausgabe 
14.10.1899
 
Einzelbild herunterladen

- 58?

ünrechtmaßige Weise in den Besitz des Abenteurers ge­laugt sein müsse, und erließ wiederholt Aufforderungen an den wirklichen Eigentümer, daß er sich legitimieren und das ihm geraubte Tut in Empfang nehmen möge. Es fand sich jedoch niemand, und so mußte darüber endlich gemäß den Bestimmungen für herrenlose Sachen verfahren werden.

Im Nachlasse des Verstorbenen hatte sich kein Papier, keine Aufzeichnung befunden, die irgend welchen Aufschluß über sein Leben hätte geben können. Sein Mitschuldiger, den man darum befragte, legte zwar seine unverhohlene Freude an den Tag, daß den Schuft sein Geschick ereilt habe, nun er dies wisse, wolle er seine Strafe mit Geduld tragen, aber nähere Auskunft über ihn vermochte er nicht zu geben. Sie hatten sich nur kurze Zeit gekannt, und Corbus hatte stets den Unnahbaren zu spielen gewußt.

Auch eine Anfrage beim Kommerzienrat Helldorf lieferte kein befferes Ergebnis. Dieser erklärte, Corbus sei ein Verwandter seiner Frau gewesen, habe, von langjährigen Reisen zurückgekehrt, sein Haus ausgesucht und dort gastliche Aufnahme gefunden, mehr wisse er jedoch nicht über ihn/ seine Gattin, die besser unterrichtet gewesen sein könnte, lebe nicht mehr.

Man mußte sich mit dieser Antwort begnügen, denn es war nicht möglich, in irgend einer Form stärker in den Kommerzienrat zu dringen, der ohnehin durch den plötzlichen Tod seiner Frau in die tiefste Trauer versetzt worden war.

Ueber diesen Tod und die ihn begleitenden Umstände zirkulierten die seltsamsten Gerüchte, es war aber nicht mög­lich, der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Daß die Kommerzienrätin durch Selbstmord geendet, das hatte nicht verschwiegen werden können, da sie aber im hohen Grade nervös gewesen war, so hatte es nichts Unwahrscheinliches, daß sie in einem Anfall von Schwermut Hand an sich gelegt haben sollte. Man mußte das gelten lassen, es erhoben sich jedoch viele Stimmen, welche die Sache ganz anders darstellen wollten.

Es erregte auch allgemeine Verwunderung, daß der Kommerzienrat sein zweite Gattin nicht in dem großen Erb­begräbnis der Familie auf dem alten Matthäikirchhof, wo schon die erste Frau ruhte, beisetzen ließ, sondern ihr fern davon, auf dem neuen Kirchhof, eine Grabstätte gekaufthatte. Kopfschüttelnd erzählte man sich ferner, Hans Helldorf habe nicht zu dem kleinen Leichengefolge bet dem stillen, prunklosen Begräbnis der Stiefmutter gehört. Die Vorfälle im Hell- dorfschen Hause bildeten überhaupt lange den Gesprächsstoff für den sensationsbedürftigen Teil der Einwohnerschaft Berlins, bis sie durch andere Ereignisse abgelöst und in den Hinter­grund gedrängt wurden.

Die Aufzeichnungen der Kommerzienrätin wären allerdings geeignet gewesen, Licht über das Leben des Dr. Corbus zu verbreiten, sie waren jedoch von dem hinterlassenen Gatten und dessen ältesten Sohn unmittelbar, nachdem sie davon Kenntnis genommen, vernichtet worden. Zu eng waren CorbuS' Schicksale verknüpft mit der Schuld der Unglückseligen, und diese sollte mit ihr begraben sein.

Corbus und Eugente waren die Kinder zweier Vettern und hatten eine Jugendliebe mit einander gehabt, die indes beiden nicht allzu tief gegangen war. Der erstere hatte Medizin studiert und auch sein Doktor-Examen gemacht, sein Leichtsinn und seine Abenteuerlust hatten ihn jedoch zur Aus­übung eines ordentlichen bürgerlichen Berufes völlig untaug­lich werden lassen, und er hatte bald genug die Bahn des Glücksritters eingeschlagen. Zu der Zeit, als Eugenie sich zur Pflege ihrer eines Sohnes genesenen Verwandten, der damaligen Frau Helldorf, in Berlin befunden, hatte er sich auch dort aufgehalten, die beiden waren öfter zusammengetroffen, und Corbus, der seine bestimmten Zwecke damit verfolgte, war es nicht schwer geworden, Eugenies Wohlgefallen an Helldorf zur Leidenschaft, ihren Wunsch, sich an die Stelle ihrer Ver­wandten zu setzen, zur Begierde zu entflammen. Er war es, der in ihre Seele den Gedanken geworfen, die Frau, die ihr im Wege stand, auf geschickte Weise zu beseitigen, er war es,

der vermöge seiner medizinischen Kenntnisse ihr ein still und verschwiegen wirkendes Pflanzengift verschafft hatte.

Die That war gelungen. Nicht der leiseste Verdacht hatte sich erhoben, Eugenie, die Helldorfs Haus verlassen, war mit dem Witwer in Beziehungen geblieben, die sie hoffen ließen, er werde sie als zweite Gattin heimführen,- er hatte damit aber doch länger gezögert als die Schuldgenossen er­wartet.

Ehe Eugenie nicht die reiche Frau Helldorf war, konnte sie dem Vetter nicht den Sündenlohn geben, den er sich ausbedungen hatte, und inzwischen war ihm der Berliner Boden zu heiß geworden. Er war fortgegangen, hatte nach EugenienS Verheiratung noch ein paarmal geschrieben und Geld von ihr verlangt, das sie ihm auch geschickt und dann hatte sie während vieler Jahre nichts von ihm gehört und ihn für tot gehalten.

Die nunmehrige Frau Kommerzienrat Helldorf hatte aber die Früchte ihrer Miffethat nicht genießen sollen. DaS Gewissen ließ ihr keine Ruhe, unaufhörlich peinigte sie die Angst, es könne ihr mit gleichem Maße gemessen werden,- eine rasende Eifersucht auf jedes weibliche Wesen, das in ihre Nähe kam, folterte sie, eine beständige Angst undUn rast trieb sie, umher.

Um das Verhängnis zu erfüllen, kehrte nun CorbuS, der von Stufe zu Stufe gesunken und der Genosse von Dieben geworden war, nach Berlin zurück. Er brauchte erbarmungs­los seine Macht über sie, ängstigte sie mit der Drohung, ihr Verbrechen verraten zu wollen, und ohne zu überlegen, daß er selbst sich damit bloßstellen würde, ging sie in die ihr gelegte Schlinge.

Ihre Aufzeichnungen brachen bei der Schilderung ab, welche Leiden ihr die Herrschaft dieses Mannes bereitet hatte, und selbst Hans, der ihr kein barmherziger Richter war, konnte sich beim Lesen derselben des Mitleids nicht erwehren.

Sie hat schwer gesündigt, aber auch hart gebüßt, möge Gott ihr gnädig sein!" sagte er, während er die Blätter eins nach dem andern in den Kamin warf, wo er eine Flamme entzündet hatte.

Mächte von ihrem Frevel nichts übrig bleiben als dieses Häufchen Asche und die Schuld der Mutter nicht heim­gesucht werden an den schuldlosen Kindern I" fügte, die Hände faltend, der Vater hinzu.

(Schluß folgt.)

Vom Monat Oktober.

Oktober 1899.

Die inannigfaltigsten Farben mischt der Oktober irt das dunkle Grün des Laubes, und wenn nicht gerade kalter Regen herniedergeht und starke Stürme in den Baumkronen rütteln, bietet auch dieser Monat zahl­reiche Reize in der Natur. Wo uns im Frühling farbenreiche duftige Blüten erfreuten, prangen jetzt reife Frücht- nnd feurige Beeren. Di- korallenrot leuchtenden Berberitzen, Ebereschen und Wildrosen, die weißen Schneebeeren, die schwarzblauen Beeren des Hollunders und die metallisch glänzenden Mahonien sind Zeugen des begonnenen Herbstes, in ihnen hat die Natur den wenigen zurückbleibenden gefiederten Sängern noch einmal reich den Tisch gedeckt für kommende entsagungsvolle Tage.

Die naßkalten Tage des Septembers haben im Walde neues Leben angeregt und dem Markte ziemlich ansehnliche Pilzvorräte zugeführt. Gut sind jetzt die madenfreien feinen Steinpilze, da die Entwickelungs­periode der Hilzmücken, Flor- und Trauerfliegen, deren Larven als Maden in Den Pilzen leben, vorüber ist. Außer Steinpilzen gibt es Schälpilze, Rotkappen, Milch- und Grünreizker, Champignons u. a. m., dazu liefern die Delikateß-Handlungen duftige hannöversche Herbsttrüffeln.

Ebenso unverhofft reichhaltig hat sich der Vorrat an Fischen ge­staltet, die kalten Niederschläge sind dem Fischhandel recht förderlich ge­worden. Zu haben sind in diesem Monat Braffen, Rappui, Welse, Barben, Aale, Forellen. Hecht und Zander sind teurer. Lachs ist vor­züglich und zu mäßigen Preisen vorhanden. Ganz au gezeichnet im Fleisch sind jetzt die Karpfen, die das Hauptinteresse ans sich ziehen, mit dem Vorteil, daß sie von Woche zu Woche besser werden. Schleien werden rar. Die Auslagen der Seefischhandlungen sind nun auch schon viel reichhaltiger geworden. Bon den köstlichen Plattfischen der Nordsee sind Steinbutt und Rotzunge am besten. Erwartet werden die ersten Stinte, deren delikates Fleisch seines Geruches wegen nur von Liebhabern gewürdigt wird. Bon größeren Seefischen treffen Schellfisch und Kabeljau reichlich ein. Ein sehr verlockendes Gericht ist Schellfisch mit Blumen«