Donnerstag den 14. September
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er wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt Des Lebens zeigt, wie sehr sie nötig fei; Doch schöner ist's, wenn uns Die Seele sagt,
Wo wir der feinen Vorsicht nicht bedürfen.
Goethe.
(Nachdruck verboten.)
Schuldig.
Erzählung von F. Arnefeldt.
(Fortsetzung.)
Der kleine Mann machte ein etwas einfältiges Gesicht und fragte:
„Wie so?"
„Weil Sie sich hätten sagen können, daß mein Sohn das Geld einzig und allein von mir bekommen haben kann", entgegnete der Kommerzienrat. „Ich hab' es ihm gegeben und ihm befohlen, schleunigst die fatale Angelegenheit aus der Welt zu schaffen".
„Da ist es aber sonderbar, daß der junge Herr mich so sehr gebeten hat, dem Vater nichts von der Geschichte zu sagen; wie ich ihm in einem Briefe, den ich ihm vorgestern geschrieben, angedroht hatte," sagte Wetterau noch immer devot, aber doch hämisch.
„Und gleichzeitig schrieben Sie an mich!" sagte Helldorf verächtich.
Wetterau zuckte die Achseln: „Was will man machen! Ich bin sogleich gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich bezahlt bin und Sie zu bitten, eS nun gut sein zu lassen."
„Sie haben sich dazu etwas lange Zeit genommen, und ich konnte mir das Vergnügen nicht versagen, Sie einige Zeit in dem Glauben zu lassen, Sie bereiteten mir eine Ueberraschung mit der Nachricht, daß die Schuld bezahlt sei und Ihnen dabei meine Meinung zu sagen. Merken Sie sich meine Worte und richten Sie sich danach. Adieu, Herr Wetterau."
Ohne den kleinen Mann noch eines Blickes zu würdigen, wandte er ihm den Rücken und setzte sich an seinen Schreibtisch- „Führen Sie den Herrn hinaus!" gebot er dem Diener, der auf den Ton einer von ihm in Bewegung gesetzten elektrischen Glocke sofort ins Zimmer getreten war.
Wetterau hatte, als er seinen Weg durch die Kontorzimmer zurücklegte, eine gewisse Aehnlichkeit mit einem begos
senen Pudel, gleich einem solchen schüttelte er aber auch die empfangene Dusche schnell ab, und auf die Straße gelangt, murmelte er:
„Hoho, Herr Kommerzienrat, wer den alten Wetterau dumm machen will, oer muß früher aufstehen. Mit all' ihrer Hochnäsigkeit führen Sie mich nicht hinters Licht. Es ist schon so, wie ich mir's dachte; der junge Mensch ist nicht auf geradem Wege in den Besitz des Geldes gekommen, das hab' ich gestern ihm und heute dem Vater angesehen.
„Die Schauspielerei nützt gar nichts," fuhr er triumphierend fort. „Hätten beide gescheiter gethan, mich ins Vertrauen zu ziehen. Muß jetzt nur noch ein wenig tiefer graben, ist für unsereins immer ein großer Vorteil, Leute wie die Helldorfs im Sacke zu haben. Und der Herr Studiosus kommt wieder, der kommt wieder, das wird gar nicht lange währen.
Zufrieden mit seinem Vormittagsgeschäft, sprang Wetterau auf einen Pferdebahnwagen und fuhr seiner im Osten der Stadt belegenen Wohnung zu. —
Der Kommerzienrat saß, nachdem er sich allein sah, ein paar Augenblicke regungslos und stützte das schwere, schmerzende Haupt in beide Hände. Thränen, glühend wie geschmolzenes Blei, tropften aus seinen Augen, die seit vielen Jahren nicht mehr geweint hatten.
„Das — das ist des Rätsels Lösung!" stöhnte er. „Mein Sohn — mein Sohn, ein Dieb!"
Er schaute sich erschrocken um, als fürchte er, daß das schreckliche Wort von jemand vernommen sein könne, und fuhr dann fort:
„Sein Leichtsinn, in dem seine verblendete Mutter ihn bestärkt, hat ihn auf die abschüssige Bahn gebracht, und jener Elende ihn durch sein Drohung völlig in den Abgrund gestoßen! Hätte er sich doch lieber mir entdeckt! Bin ich zu schroff, zu streng gegen ihn gewesen? Trage ich selbst einen Teil der Schuld?
Mein Sohn! Mein Sohn!" schrie er auf und schlug beide Hände vor das Gesicht. „Bist Du mir wirklich verloren ? Bist Du unrettbar dem Laster verfallen?"
„Es ist ein Jugendstreich," tröstete er sich wieder. „An mir ist es, dafür zu sorgen, daß er nicht von nachhaltigen Folgen ist!
„Wie gut, daß ich noch zu niemand von dem fehlenden Gelde gesprochen habe, es darf nun auch niemand etwas davon erfahren. Ich werde mit ihm reden, ernst und mild, väterlich und eindringlich- er kann noch kein Verlorener sein."


