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Mit diesen Worten stand Kommerzienrat Helldorf auf und rief durch ein Glockenzeichen seinen Sohn Hans und die Prokuristen zu der üblichen Konferenz zu sich. Ruhig und überlegt traf er seine Bestimmungen, niemand sollre ihm anmerken, daß sein Herz von bangen Besorgnissen erfüllt war, daß in seinem Kopfe sich Gedanken wälzten, die mit dem Geschäfte nichts zu thun hatten.
Wenn es ihm gelang, die andern zu täuschen, so ließ die Liebe seinen ältesten Sohn Heller sehen. Hans legte sich die Frage vor, was den Vater so bewege, ohne doch eine Antwort darauf finden zu können.
IX.
Die Familie Helldorf saß wie gewöhnlich in dem schön ausgestatteten Speisezimmer beim Mittagsessen. Geräuschlos reichte der Diener die Speisen umher, aber der Kommerzienrat, der sonst ein tüchtiger Esser war, nahm nur wenig von den dargebotenen Schüsseln und ließ manche ganz unberührt an sich vorübergehen. Dagegen trank er schnell hintereinander ein paar Gläser recht starken Rotwein, der eigens auf seinen Befehl vom Diener aus dem Keller geholt war.
Er sprach auch wenig und hörte sichtlich zerstreut seiner Frau zu, die der kleinen Tafelrunde auseinandersetzte, daß und weshalb sie die für diesen Sommer in Aussicht genommene Reise aufgegeben habe.
„Alle Reisen die ich bisher unternommen habe, haben mir nicht den geringsten Nutzen gebracht und mir nur allerlei Anstrengungen und Entbehrungen auferlegt/da möchte ich es wirklich einmal versuchen, ob es mir nicht besser thut, wenn ich in meinem gewöhnlichen Geleise bleibe," sagte sie in dem ihr eignen klagenden Tone. „Meinst Du nicht auch, Konstantin?"
• Der neben ihr sitzende Gatte fuhr aus tiefem Sinnen auf und entgegnete: „Gewiß, ganz wie Du willst, liebe Eugenie. Was sagtest Du doch soeben"
„O, Du hast mir gar nicht zugehört!" rief sie auf das tiefste verletzt. „Du solltest wirklich Deine Geschäfte hinter Vir lasten, wenn Du auf wenige Stunden zu Deiner Familie kommst. Oder sind es andere Dinge, die Dich so lebhaft in Anspruch nehmen, daß Du darüber vergißt, wo Du Dich befindest?" Sie schaute mit einem giftigen Blick im Kreise umher, der dann an Felicitas hängen blieb.
Helldorf stieß einen Seufzer aus und sagte bittend: „Verzeihe, liebe Eugenie, ich gestehe mein Unrecht ein,- ich dachte in der Thal an etwas anders. Aber so ganz unaufmerksam bin ich doch nicht gewesen/ Du sprachst von einer Reise."
„Die Mama nicht machen will," fiel Hans lächelnd ein. Er hatte den Vater fortdauernd im Auge behalten und seine schon in der Burgstraße gemachte Warnehmung, daß diesen etwas ungewöhnlich bewegen müsse, immer mehr bestätigt gefunden/ deshalb glaubte er ihm zur Hilfe kommen zu müssen.
„Das ist ja außerordentlich liebenswürdig von Dir, Hans!" fiel die Kommerzienrätin mit einem Lächeln ein, das es sehr zweifelhaft ließ, ob dieses Lob im Ernst oder im Spott erteilt war. „Vielleicht bist Du nun auch so gütig und übernimmst die Mitteilung dessen, was ich noch weiter gesagt habe.
„Nicht nötig, Eugenie, ich weiß es, Du willst den Sommer über in Berlin bleiben, das überrascht mich", sagte der Kommerzienrat schnell. „Hast Du denn schon mit dem Sanitätsrat darüber gesprochen?"
Sie steckte ihre Duldermiene auf. „Als ob mir ein Arzt noch etwas raten oder helfen könnte! Ich muß selbst am besten wissen, was mir gut thut — und das heißt in diesem Falle: zu Hause bleiben".
„Nun, mir kann es nur sehr recht sein", sagte ihr Gatte liebenswürdig. „Ich bin wegen der neuen russischen Anleihe an Berlin gefesselt und könnte Euch nicht begleiten,
da ist es mir sehr erfreulich, Dich hier zu haben. Aber sollen wir unsere Kleine und Fräulein von Kressen nicht irgendwo an die See oder ins Gebirge schicken? Mich will bedünken, sie könnten es beide gebrauchen". Er wandte den Kopf nach der Seite, wo Felicitas und Hermine saßen, und die letztere rief sogleich sehr lebhaft:
„Ach ja, Papa, laß mich mit Felicitas verreisen, das wird herrlich. Wir könnten ja auch Adalbert und August von Kressen mitnehmen!"
„Sehr gütig von Dir!" lachte der jüngere Bruder, der bisher schweigend am Tische gesessen hatte. Da er kein ganz reines Gewissen besaß, war auch ihm das veränderte Benehmen des Vaters ausgefallen und hatte ihn beunruhigt. Jetzt gewann aber doch seine angeborene Heiterkeit die Oberhand, und er malte aus, wie er und August für die kleine Schwester die Kavaliere spielen würden.
Mit geteilten Empfindungen hörte die Kommerzienrätin zu. Es machte ihr Vergnügen, ihren Sohn so sprudelnd lustig zu sehen, und gleichzeitig verdroß es sie doch, daß man sich ausmalte, wie die Erzieherin Genüsse hätte, die sich in diesem Sommer aus Gründen, die nur ihr selbst bekannt waren, versagen mußte. Das letztere Gefühl gewann die Oberhand, und sie sagte:
„Genug der Posten, Adalbert. Es ist selbstverständlich, daß meine Tochter bleibt, wo ich bin/ ich bin nicht so pflichtvergessen, sie sür Wochen oder Monate fremden Händen zu überlassen". >
Ein böser Blick traf die Erzieherin, die sich, wie immer, wenn es in ihrer Gegenwart zu Erörterungen unter den Familienmitgliedern kam, schweigsam verhalten hatte. Sobald die Kommerzienrätin die Tafel aufgehoben und Hermine den Eltern eine gesegnete Mahlzeit gewünscht hatte, nahm sie das kleine Mädchen bei der Hand und verließ mit ihr das Zimmer.
Auch Frau Helldorf zog sich zurück, um ihre Mittagsruhe zu halten, und in demselben Augenblicke trat der Kommerzienrat dicht an seinen jüngsten Sohn heran und raunte ihn zu:
„Komm sofort in mein Zimmer, Adalbert, ich habe mit Dir zu reden". —
Wenige Minuten trat Adalbert Helldorf in das mit einer braunen Ledertapete bekleidete, mit schönen alten Kupferstichen geschmückte Zimmer, dessen einfache, aber gediegene Einrichtung von dem soliden Geschmack seines Bewohners Zeugnis ablegte. Nicht wie sonst hatte Kommerzienrat Helldorf, wenn er nach Tische dieses Gemach aufsuchte, sich eine Zigarre angezündet. Den Kopf in die Hand gestützt, saß er auf einem Sessel am Fenster.
„Setze Dich mir hier gegenüber", befahl er mit finsterer Miene und in strengem Ton. Als der Sohn zögernd gehorchte, fügte er hinzu: „Kannst Du Deinem Vater noch in die Augen schauen?"
Das bräunliche Gesicht des hübschen, schlankgewachsenen, dunkelhaarigen jungen Menschen ward wie mit Blut übergossen. Die dunklen Augen, die so lustig blicken konnten, suchten verlegen den Boden, gleich einem ertappten Sünder saß er vor dem Vater, und doch war in seiner ganzen Haltung etwas, das diesen zur Milde stimmte. Weicher als bisher fuhr er deshalb fort:
„Adalbert, hast Du mir nichts anzuvertrauen? Du stehst nicht vor Deinem Richter, sondern vor Deinem Vater."
Der junge Mann schwieg noch immer/ das verdroß den Kommerzienrat, und wieder viel strenger fuhr er fort:
„Ich brauche Dein Geständnis nicht, ich weiß alles!"
„Vater! Vater!" schrie Adalbert jetzt auf, nun aber unterbrach ihn dieser und rief immer zorniger werdend:
„Du hast Schulden gemacht, trotzdem Du reichlichere Mittel bekommst als die meisten Deiner Kommilitonen, trotzdem Deine verblendete Mutter Dir außer dem, was ich Dir gebe, noch sehr viel zusteckt. Du hast Dich mit dem alten Wucherer, dem Wetterau, eingelassen, ohne zu bedenken, daß Du Dich damit diesem Menschen aus Gnade und Ungnade


