zu erfahren usw., verstehst Du?" „Sehr wohl, Herr Kellerist die Dame jung?" „Hm, ich denke, ja natürlich, gewiß," erwiderte der Chef schnell. „So, nun kannst Du gehen, aber schweigen, Anton." — „Wie das Grab," brummte dieser in allertiesstem Basse, „Sie sollen mit mir zufrieden sein." Herr Keller winkte wohlwollend, worauf der Diener geräuschlos verschwand.
„Er wird seine Sache gut machen," sagte händereibend Herr Gotthold Keller, „ich kann mich auf ihn verlassen." — Es klopfte abermals, und ein stattlicher, junger Mann trat rasch und vertraulich herein. Der andere batte gerade noch Zeit, sein zartgrünes Billet auf dem Herzen zu bergen.
„Guten Abend, Gotthold" — „Guten Abend, Georg," begrüßten sich die beiden.
„Nun, was führt Dich denn zu mir?" fragte Gotthold Keller etwas zerstreut.
„Ich will Abschied nehmen," erwiderte der Gast, sich ungeniert niedersetzend, „morgen reise ich ab."
„So, wohin denn? Das ist ja ein schneller Entschluß."
„Ich bin des Wartens müde, ein Freund machte mich auf eine Offerte in der Zeitung aufmerksam, die wohl meinen Wünschen entsprechen könnte, ich habe kurz entschlossen hingeschrieben, daß ich mich übermorgen vorstellen werde. Ob es etwas für mich Passendes ist, muß sich erst ausweisen. Morgen will ich meinen Freund besuchen, der mich schon lange erwartet, ich kann es gut mit dieser Reise verbinden."
„Wo liegt denn das Gut und wie heißt es?" fragte Herr Gotthold.
„Es muß in der Nähe von Langendorf liegen. Anfragen werden postlagernd dort erbeten, wo auch das Nähere zu erfahren ist."
Unwillkürlich zuckte Herr Gotthold ein wenig zusammen, aber er sagte mit freundlicher Heiterkeit: „Da wünsche ich Dir von Herzen Glück, bester Georg, Du schreibst mir, falls Du gleich dort bleibst, wohl, wie DuZalles gefunden, und ob Du zufrieden bist."
„Gewiß, lieber Gotthold," erwiderte Georg aufspringend, „ich weiß, wie Du jeder Zeit an meinem Ergehen mit warmem Herzen teilnimmst. Verzeih', wenn ich schon gehe, aber besagter Anmeldebrief muß noch auf die Post, außerdem gilt es noch ein paar Besuche zu machen und etwas zu packen. Leb wohl, alter Bruder," er schüttelte Herrn Gotthold herzlich die Hand. Ein Schatten flog bei den letzten Worten über dessen rundes Gesicht, aber freilich — sein Stiefbruder war zwanzig Jahre jünger. Gedankenvoll sah er vom Fenster aus dem Davoneilenden nach, wie er so stattlich und jugendlich dahinschritt, und unwillkürlich entfloh ein Seufzer seinen Lippen.
Außerdem war es oder konnte es doch fatal werden, wenn die Ortschaften um Langendorf etwa dicht bei einander lagen. „Anton wird ja Nachricht bringen," murmelte er, griff aber doch nach einem Zeitungsblatt, das aus einer Mappe hervorschaute und faltete es auseinander. Seine Augen überflogen die langen Spalten der Inserate, bis er leise mit dem Kopfe nickend sagte: „Das wird's sein." Alsdann verweilten seine Blicke mit verständnisinnigem
Leuchten auf einer rot unterstrichenen Annonce mit der Ueberschrift — „Heiratsgesuch", — dem Anfangssatze — „Eine gebildete Dame" — und der Adressenangabe — „A. S. 150 Langendorf postlagernd —." Er lächelte und schritt beruhigt durch das Kontor in den Laden.
II.
Hell und brennend lagerte der Juntsonnenschein auf dem Rittergute Kirchfeld und seiner Umgebung. Es war totenstill um das große Gehöft, alles schien im Heu zu sein, und was daheim geblieben, suchte den Schatten.
In einem Zimmer zu ebener Erde saß eine anmutige, junge Frau, emsig nähend neben einem Kinderwagen. Die Fenster des Gemaches gingen nach dem Garten und wurden
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von schönen, alten Bäumen beschattet- sie standen offen, Und ein würziger Duft von blühenden Gesträuchern zog herein.
Draußen knirschte leise der Kies, und alsbald schwang sich ein helles Etwas auf das niedere Fensterbrett und von da in die Stube, wo es vor der jäh emporfahrenden jungen Frau stehen blieb und sich vor Lachen ausschütten wollte.
„Aber Fränzchen, wie erschreckst Du mich, Du Wildfang/ schalt sie, mußte aber mit lachen.
Der kecke Eindringling war niemand anders als Franziska Ellner, das einzige Töchterchen des Rittergutsbesitzers, ein ganz reizendes, übermütiges Mädchen von achtzehn Jahren.
„Pst, pst," Du weckst ja meinen Jungen," wehrte die jugendliche Mama besorgt, als Fränzchen sich unbekümmert in den nächsten Sessel warf und sich fortgesetzt vor Lachen schüttelte: „Ach, Toni, ich ersticke, ich ersticke!" stieß sie dazwischen hervor.
Frau Toni faßte energisch das übermütige Ding am Arm und lotste es in das Nebenzimmer: „So, Du Lachtaube, nun erzähle mir, was Dich so plagt, Du kriegst sonst noch Krämpfe."
„Ja, beinahe ist's so," sagte Fränzchen endlich zu Worte kommend, „aber es ist auch zu toll, höre nur: Ich war in Langendorf doch auf der Pfarre und trug hernach das Paket von Dir an Deinen Mann zur Post, da" — sie lachte von neuem — „da zieht der Beamte ein zartes, grünes Briefchen hervor und sagt, es sei zwar postlagernd adressiert, aber bei der Hitze geschähe vielleicht dem Fräulein, das schon einen oder zwei unter dieser Chiffre eingelaufene Briefe abgeholt, ein Gefallen, wenn ich ihn mit nähme, gestern habe sie vergebens danach gefragt. Nun, Du kannst Dir denken, wie gefunden mir das kam, ich bin trotz der Hitze hergeflogen, und hier, hier ist er!" schrie sie in hellem Uebermut, den zartgrünen Brief emporhaltend.
Toni nahm den Brief in die Hand: „A. S. 150 Langendorf postlagernd," las sie halblaut, „wahrhaftig, Fränzchen, es ist die Chiffre, unter der wir neulich auf dem Bahnhof in der Zeitung das Hetratsgesuch einer Dame lasen! Du hast recht, sie hat wirklich .diesen nicht mehr ungewöhnlichen Weg betreten, nun, Glück zu!" Die junge Frau stimmte in Fränzchens lustiges Gelächter ein. Letztere betrachtete den hoffnungsvollen Brief: „Du, Toni, ich gäbe 'was drum, wenn ich den Inhalt wüßte."
„Halt, Du neugierige Nachtigall, so weit darf die Spionage nicht gehen," sagte Toni, das Billet an sich nehmend. „Wir müssen sehen, wie wir ihn dem Fräulein geschickt in die Hände spielen, so daß sie nicht ahnt, wie eingeweiht wir sind, sonst würde sich die ganze folgende Entwickelung dieses Schauspiels unseren Blicken entziehen, und das würdest Du, Kobold, kaum verwinden. Es ist bald Frühstückszeit, da wird Fräulein Agnes gleich erscheinen." „Nun heißt's sich zusammen nehmen," lachte Fränzchen, „ich bitte Dich, sieh mich nicht an," damit lief sie dem Stubenmädchen entgegen, das eben die Postsachen ins Zimmer brachte.
Inzwischen stand draußen in der Küche Fräulein Agnes Selterlein und gab noch einige Anweisungen zu dem warmen Frühstück für den Hausherrn, der in einer halben Stunde eine kurze Reise antreten wollte.
Fräulein Agnes war eine mittelgroße, starkknochige Erscheinung, mit beinahe männlich derben Zügen. Ein ansehnliches Bärtchen zierte die Oberlippe und hoch geschweifte, buschige, schwarze Brauen gaben den kleinen Augen wie dem ganzen Gesicht einen ebenso auffallenden als sonderbaren Ausdruck.
Seit beinahe einem Jahre stand Fräulein Selterlein dem Haushalte des Herrn Ellner vor und fungierte als Ehrendame der mutterlosen Franziska. Sie war wirtschaftlich und brauchbar, besaß aber leider nicht die geringste Macht über das verhätschelte Töchterchen des Hauses, das in wenig Tagen alle Schwächen des Fräuleins ausgespürt hatte und


