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Bild dem Ausstellungspark nicht einen Schritt näher, und um zwölf Uhr lief die Frist zur Einlieferung ab. Schließlich stürzt der junge Maler hinunter, um selbst sein Glück zu versuchen. — Viel Regen und keine verfügbaren Wagen. Doch waS leuchtet dort ferne im bläulichen Schein? Richtig, bei näherem Zusehen erweist sich die Erscheinung als das begehrte Vehikel. Indessen — auf die Frage, ob der Wagen frei sei, antwortete Automedon mit dem rötlichen Nasenvorsprung:
„Ja und nee, wie Sie et nehmen woll'n".
Dann erzählt er weitschweifig, daß seine Liese die „Mauke" habe — eine Pferdekrankheit, von der Kurt zum ersten Male Härte — und daß er gerade dabei sei, den kranken Fuß zu verbinden, „damit keene Blutverjistung nich intritt"; wenn der Herr bis zur Vollendung der Prozedur warten wolle, „könne er den Kasten haben,- wenn nich, denn is et noch so".
Was war da zu machen?
Wie die Dinge nun einmal standen, konnte die Wahl nicht schwer werden. Zu allem Leidwesen floß der Regen in Strömen. Kurt suchte Schutz in dem Innern des Wagens und ergab sich resigniert in das Unvermeidliche.
Schneller, als man erwarten konnte, wurde das Rößlein flott. Johann, der beim Anblick des Gefährts Maul und Nase aufsperrte, beförderte das Bild schleunigst in den Wägen und nahm selbst auf dem Bock Platz.
Je näher man dem Bestimmungsort kam, desto langsamer ging es vorwärts. Trotz der zärtlichsten Kosenamen vermochte der Kutscher das kranke Roß nicht zu flottem Laufen zu bewegen. Aber schließlich kam man doch ans Ziel — aber zu spät.
Wer beschreibt das Entsetzen Kurts, als man endlich an der Westhalle anlangte und die eisernen Pforten geschlossen fand. Der Künstler war der Verzweiflung nahe.
Die gräßlichsten Flüche entluden sich über Bilecke, Johann und die elende Rofinante, die den letzten Ablieferungstermin versäumt hatte. Da fühlte der gutmütige Pförtner ein menschliches Rühren und öffnete die Pforten des Heils. Kurt versprach ihm ein fürstliches Trinkgeld, falls sein Bild noch abgeliefert würde. Der Herr Inspektor wurde herbeigeholt und mit seiner Genehmigung das Bild eingestellt.
Die üblichen Formalitäten waren noch nicht erledigt, da erschien eine junge, hübsche Dame. Der sie begleitende Dienstmann trug etwas, das einem eingerahmten Gemälde verteufelt ähnlich sah. Natürlich eine Malerin. Auch sie war zu spät gekommen, hatte die Situation durchschaut und verstand ses, Nutzen daraus zu ziehen. Fräulein Trudchen Schilling — so hatte sie sich vorgestellt — gelingt es, den gestrengen Herrn Inspektor zu erweichen. Sie zieht die Hülle von ihrem Bilde und, o armer Kurt, das wahrheitsgetreue und lebensvolle Antlitz des Herrn Bilecke lächelt Dir malitiös entgegen.
Also das war der Konkurrent! Kurt maß bald die Künstlerin, bald das Bild mit seinen erstaunten Blicken.
Trudchen Schilling fühlte sich nicht verletzt, sondern geschmeichelt, als sie die Ueberraschung des jungen Mannes wahrnahm. Sie glaubte, daß der Herr ihre Technik, ihre Fähigkeiten bewundere.
Als dann beide, durch das Pförtchen schreitend, die Jnvaltdenstraße erreichten, löste sich der so lange verhaltene Grimm des Malers in einer langen Rede. Er erzählte der Künstlerin von seiner Enttäuschung, von dem wahren Grunde seiner Ueberraschung, und wenn er angesichts derjenigen, die ihm all' das Leid angethan, noch an sich halte, so habe sie es nur dem Umstande zuzuschreiben, daß er sie, wie manche „Künstlerin", für ein hilfloses Wesen halte. In erster Reihe sei er Kavalier.
Trudchen übersah absichtlich die in den Worten Kurts enthaltene Beleidigung. In ihrer Gutmütigkeit that ihr der
(Kummer, den sie, auch Unbewußt, dem Künstler verursacht hatte, recht wehe- und nun lag ihr daran, Kurt Strauch solle von ihrem künstlerischen Streben eine bessere Meinung gewinnen. So entschloß sie sich denn, auch ihrerseits zu erzählen, wie sie zu dem Auftrage des Herrn Bilecke gekommen sei.
Sie sei armer Leute Kind, begann Trudchen Schilling, habe schon während ihres Studiums und bis zum heutigen Tage ihre kränklichen Eltern erhalten müssen, sie betreibe die Porträtmalerei unter Benutzung des photographischen Objektivs, um mit Hilfe dieses Mittels etwas schneller den Lebensunterhalt erwerben zu können. Sie betrachte die Porträtierkunst jedoch nur als ihre Milchkuh- sie wisse, daß sie darin keine Lorbeeren pflücken werde. Ihre ganze Sehnsucht sei, soviel zu erübrigen, daß sie sich ungestört ihrer Leidenschaft, der Landschaftsmalerei, widmen könne. Nun habe sie auch bald ein Sümmchen beisammen, das sie in Stand setze, es einige Zeit mit anzusehen. Herr Bilecke sei, wie viele andere, durch die an ihrer Hausthür ausgestellte kolorierte Photographie angezogen, zu ihr gekommen. Sie habe sich mit seinem Bilde viele Mühe gegeben, habe daran sozusagen Tag und Nacht gearbeitet, da sie etwas zur Ausstellung bringen wollte. Daß sie durch die Uebernahme dieses Porträts Kurts Wege gekreuzt habe, bedauere sie unendlich - doch habe sie von Kurts älteren Rechten auf das Modell nichts wissen können.
Es sprach so viel Offenheit, Edelmut, Treuherzigkeit und künstlerisches Streben auS diesen Worten, daß eS Kurt ganz warm um's Herz wurde- die Streitaxt wurde begraben, und als sie von einander versöhnt Abschied nahmen, geschah es mit dem gegenseitigen Versprechen auf baldiges Wiedersehen.
Der Familienkreis des Herrn Bilccke bildete die hierzu passendste neutrale Zone. Wenn auch mit leicht verständlichem Widerstreben, jedoch in Rücksicht auf den veredelnden Zweck, suchte Kurt die geschmähte Gesellschaft wieder auf. Später traf man sich, wie zufällig, in der Ausstellung, aber noch häufiger in den belaubten Teilen des Ausstellungsparks. Man wurde immer intimer, lernte sich lieben und versprach sich.
Herr Bilecke hätte nicht der gewitzte Mann sein müssen, um nicht zu sehen, was vor und hinter ihm mit dem jungen Künstlerpaar vorging. Selbst kinderlos, begannen die alten Leute Interesse an den beiden zu nehmen, und begünstigten den Verkehr des jungen Paares. Auch schmeichelte es Herrn Bilecke, als sein Porträt „ehrenvoll" erwähnt wurde. Kurts Bauernhof erhielt aber die kleine goldene Medaille. Da gab Herr Btlecke seinem Herzen einen mächtigen Stoß und kaufte das Bild für bare fünftausend Mark.
Diese Summe wurde im Verein mit TrudchenS Zehrpfennig der materielle Grundstock zu dem neuen Künstlerbunde. Kurt Strauch ist heute allbekannter und wohlbestallter Akademie-Professor, und Trudchen skizziert ihre lieben Kinder in landschaftlicher Umgebung. Ihre kleinen Bildchen werden sehr geschätzt.
Humoristisches.
Ersatz. „Herr Wirt, in dem Bier sind ja zwei Fliegen!" — „No, dö wer'n Jhner net arm saufen! Beim nächsten Krügel schenktm'r Jhner dafür halt a biss'l mehr ein."
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Bester Beweis. „Ist der Hund auch treu?" — „Fabelhast. Jetzt hab' ich ihn schon viermal verkauft und immer läuft er wieder zu mir zurück".
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Gute Lehre für Mädchen. Erst lerne der Kartoffeln Kochzeit, Und dann erst denke an die Hochzeit.
Redaktion: 6L Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Meßen.


