Ausgabe 
13.7.1899
 
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Der Knabe von gestern ist wieder da- er behauptet, er sei bestellt."

Ziel stampfte ärgerlich mit dem Fuße.Einen Augenblick nur. Sie gehen nicht fort, Olaf. Versprechen Sie's mir." Er gab dem Hunde ein Zeichen. Der legte sich vor die Ausgangsthür.

Olaf lächelte bitter.So, so, Sultan. Du willst mich am Fortgehen verhindern. Streng' Dich nicht an- ist gar nicht nötig. Den Rat und mehr können wir ja noch anhören. Es bleibt noch genug Zeit für das andere.

Scheint auch keine angenehme Unterredung zu sein da drüben," fuhr er in seinem Sinnen fort.Vielleicht auch für den lieben Freund."

Was ist denn das für eine verfluchte Schererei," hörte er den Rechtsanwalt schelten.So schnell geht's nicht. Sag' Deinem Vater, wenn er nicht mehr Geduld hätte, gäb's gar nichts. Womit ich nicht sagen will, daß ich überhaupt die Absicht habe, Euch zu unterstützen. Verdammte Bettelei! Nun fort mit Dir!" Damit erschien er auch bereits wieder in der Thür. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und fuhr ruhig in der unterbrochenen Unterhaltung fort:Ich wollte Ihnen also einen Vorschlag machen. Wenn Sie es über sich gewinnen könnten, der unglücklichen Familie die Beschämung, den nutzlosen Skandal zu ersparen, so würde ich Ihnen aus meiner Tasche die Mittel zur Fortsetzung Ihrer Studien geben- geniigende^aber bescheidene Mittel. Ich habe mein gutes Auskommen und kann angenehm leben- aber ein Nabob bin ich nicht. Wie lange würden Sie wohl brauchen, um auf eigenen Füßen stehen zu können?"

(Fortsetzung folgt.)

Die Konkurrenz.

Eine Künstlergeschichte von Dr. D. Jrmer.

------- (Nachdruck verboten.)

Der Maler Kurt Strauch befand sich in seinem Lützow- straße 150, vier Treppen hoch, belegenen, reizend ausge­statteten Atelier. Seine Laune war nichts weniger wie rosig direkt schauderhaft.

Bereits länger als vier Monde war er ständiger Gast in einer Familie, deren würdiges Oberhaupt der Gegenstand seiner ausgesuchtesten Komplimente war. Trug sich doch Kurt mit der vagen Hoffnung, daß Herr Bilecke sich und vielleicht gar auch seine bessere Hälfte, Frau Wanda, geb. Bötzow, porträtieren lassen würde. Aber wie sehr hatte er sich ge­täuscht- Herr Bilecke, dieser jämmerliche, allen Kunstsinns bare undankbare Mensch, hatte gestern abend in einer seiner allwöchentlich stattfindenden Theegesellschaften das Schreckliche laut verkündet. Ohne mit der Wimper zu zucken und ohne die geringste Anwandlung gesellschaftlicher Höflichkeit, hatte er der anwesenden Versammlung die lange erwartete Mit­teilung gemacht, daß er sich endlich malen lasse dabei richteten sich wie selbstverständlich aller Augen auf Kurt Strauch.

Man nickte dem so Apostrophierten freundschaftlich zu. Da geschah das Unerhörte! Herr Bilecke nannte augen­zwinkernd seinen Maler o, es war zu lächerlich! Der Maler war eine Photographin, eine jener Damen, welche die Produktion kolorierter Porträts handwerksmäßig betreiben.

Also der alte Erzschelm hatte schon sein Konterfei be­stellt, stolz darauf, so billig davonzukommen. Er zahlte mit hoher Befriedigung sprach er's aus für das nicht weniger als einen halben Quadratmeter umfassende Bild den wirklich lächerlich niedrigen Preis von fünfzig Mark.Das macht gerade einen Pfennig für den Quadratzentimeter", hatte der gute Geschäftsmann hinzugesetzt.

Mit dieser Konkurrenz konnte und wollte es Kurt nicht aufnehmen. Erschüttert bis ins Innerste ob solcher Trivialität, war er davon geschlichen- nimmermehr wollte er das un­freundliche Haus des Herrn Bilecke wieder betreten.

Die Nacht, hoffte Kurt, würde ihm Ruhe und Vergessen bringen - aber der Schlaf stellte sich nicht ein. Nur ab und zu legte es sich wie Blei über seine ermüdeten Augenlider - dann trieben häßliche Träume mit ihm ein böses Spiel. Bald umgaukelten ihn kleine mißgestaltete, gnomenhafte Wesen, die an Stelle des Kopfes eine Camera obscura zeigten, aus der nur ein großes, funkelndes, rundgeformtes Auge heraus­leuchtete. Bald war es ihm, als ob sich aus der feurigen Oeffnung eine holde Frauengestalt loslöste, in der einen Hand hielt sie einen Momentapparat mit der Aufschrift: Simplex", in der andern Pinsel und Palette. Dann wieder sah er sich in einem hell erleuchteten photographischen Atelier, wo eine Menge Retoucheure Photographien kolorierten. Wie in einer Fabrikwerkstätte saßen da die blassen Mädchen, dicht gedrängt, bei ihrer geistestötenden Pinselei. Plötzlich befindet er sich vor einem photographischen Schaukasten, aus dem ihm das farbenbeklexte Gesicht des Herrn Bilecke entgegengrinst- weiter gehend bemerkt er, daß an jeder Straßenecke solch ein schrecklicher Schaukasten erscheint, aus dem ihm der höhnische Blick der von ihm so tief verachtetenKrämerseele" begegnet.

Von physischem Schmerz gepeinigt, erwachte er- die lange, öde Nacht war dem Tage gewichen, aber der Himmel zeigte sich grau in grau.

Als Johann, das unvermeidliche Faktotum, gegen die Schlafzimmerthür donnerte, war Kurt schon bei der Arbeit. Galt's doch besonders fleißig zu sein. Das Bild vor ihm auf der Staffelei mußte noch heute in die Westhalle des Aus­stellungsparks am Lehrter Stadtbahnhof eingeliefert werden. Es war der letzte Termin, wollte er nicht die langersehnte Ausstellungsgelegenheit völlig verpassen.

Und nun diese griesgrämige Stimmung! So oder doch ungefähr so war ihm sonst am Morgen nach durchkneipter Nacht- und nun sollte er in dieser katerähnlichen, unbehag­lichen Verfassung sein Bild vollenden. Reizend I

Wie lange und mühevoll hatte er doch gesucht, ein ge­eignetes modernes Motiv zu finden! Er hatte es gefunden und unausgesetzt daran gearbeitet. Gleichwie Max Lieber­mann, dem er nachzueifern sich bemühte, war er in das holländische flache Land hinabgestiegen und hatte dort das Leben arbeitsamer Menschen in Gottes freier Natur, in Flur und Wald, in Hof und Haus, sorgsam beobachtet und liebe­voll studiert. Unter den vielen Skizzen, die Kurt in seiner dickleibigen Mappe mit heimgebracht, gefiel ihm am besten die eine, welche ein von ländlichen Gebäuden umgebenes Gehöft darstellte. In der Mitte befand sich ein großer, seichter Tümpel- links daneben ein kleines, weinendes Bauern­mädchen, in der Hand eine Butterbemme. Diese bildet die heftig angegriffene Zielscheibe der schnatternden, die Hälse reckenden Gänse. Vergeblich sucht das ängstlich gewordene Kind zu flüchten.

Man hätte das Bild wirklich für einen Liebermann halten können.

Kurt setzte große Hoffnungen auf sein Werk. Jetzt lag es ihm ob, die letzte Hand daran zu legen, hier und dort war noch ein wenig nachzubeffern und schließlich das ganze Bild nochmals zu firnissen.

Endlich war alles vollendet. Johann wurde beauftragt, eine Droschke zweiter Güte zu besorgen, um das umfang­reiche, kostbare Gemälde ruhig und sicher dem Bestimmungs­orte zuzuführen. Doch das war leichter gesagt, wie gethan- Kurt war eben heute mit dein linken Fuß zuerst aufgestanden.

Es schlägt elf Uhr, es wird ein viertel zwölf, Johann kehrt nicht zurück. Endlich nach Verlauf einer halben Stunde erscheint er auf der Bildfläche, um zu berichten, daß Regen­wetter eingetreten sei und von einer Droschke nicht einmal ein Schimmer aufzutreiben wäre. Die benachbarten Halte­plätze seien verödet- ein einziger Wagen, der gemächlich herumflanierte, sei bereits bestellt gewesen.

Was nutzten die wenig schmeichelhaften Bemerkungen, mit denen das Faktotum traktiert wurde- sie brachten das