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freundlich, aber mit so seltsam gepreßter Stimme, daß Olaf teilnehmend fragte:
„»fehlt Ihnen etwas?"
„Nein. Nein und ja — ich bin überarbeitet und abgespannt."
„Da ist es eigentlich unverantwortlich, daß ich Sie jetzt noch in Anspruch nehme."
Ziel widersprach. „Es ist mir sogar lieb, daß Sie kommen. Morgen würde ich Sie schriftlich um Ihren Besuch gebeten haben."
„Wahrscheinlich in derselben Angelegenheit. Sie wissen, daß I)r. Andree auch nach meiner Mündigkeit mein Vermögen verwaltet hat, es war bei ihm besser aufgehoben, als bei mir. Nicht wahr?",
Der Rechtsanwalt antwortete nicht. Er spielte zerstreut mit dem Federhalter, und der junge Mann fuhr fort:
„Regelmäßig zum bestimmten Termin gab er mir die Zinsen, soweit ich sie brauchte. Nun, in der letzten Zeit" — ein kleines verlegenes Lächeln huschte über das hübsche, offene Gesicht — „in der letzten Zeit habe ich sie meist vollständig aufgebraucht. Man ist nur einmal jung. — Nicht wahr?^
„Ja — gewiß. Wie — wie steht es denn mit dem Studium?"
Olaf lachte. — „Hm — so so. Bei Andrees nannten sie mich immer den ältesten Studenten. Ich werde wirklich bald 'mal an mein Examen denken müssen. Es fehlt mir nur immer die Zeit. Also was ich sagen wollte: am letzten Termin hat Dr. Andree vergessen, mir die Zinsen zu schicken. Ich schrieb ihm, um ihn daran zu mahnen. Aber er muß es wohl über den Vorbereitungen zu seiner Reise vergessen haben. Es war mir, offen gestanden, etwas fatal. Ich hatte mir gerade ein Pferd gekauft, — Sie kennen es ja, den Fuchs, den Nordhausen früher ritt- und ein kleines Diner, das ich meinen Freunden gegeben hatte, war ein bischen teuer ausgefallen. Ich schrieb deshalb nach Karlsbad, einmal, zweimal — ohne eine Antwort zu erhalten. Dann trat das schreckliche Ereignis ein, das für den Augenblick alles Persönliche zurückdrängte. Ich ließ ein paar Tage vergehen, aber nun möchte ich doch wissen, wo ich mich hinwenden soll. Sagen Sie mir, Herr Rechtsanwalt," unterbrach er sich plötzlich, „ist denn etwas Wahres an dem Gerüchte? Man erzählte nämlich in der Stadt, daß Andree seine Familie in sehr bedrängten Verhältnissen zurückgelassen habe, daß sehr wenig Vermögen vorhanden sei?"
„Gar keins," sagte Ziel rauh und bestimmt.
Olaf fuhr erschrocken auf, so jäh und heftig, daß der große Neufundländer, der zu Ziels Füßen auf dem Teppich ausaellreckt laa, anschlua.
„Kusch dich, Sultan!" befahl der Rechtsanwalt. „Es ist, wie ich Ihnen sage," wandte er sich dann an den jungen Mann- „Andree hat gar nichts hinterlassen, nicht genug um die Begräbniskosten zu decken."
„Nicht möglich!" murmelte Olaf.
„Und doch leider die traurige Wahrheit."
„Das ist sehr, sehr schlimm! Die armen Menschen! Was werden sie nun beginnen?" meinte der junge Mann mit mehr als oberflächlicher Teilnahme und dachte dabei an Martha.
„Was würden Sie denn in einem solchen Falle thun?" fragte der Rechtsanwalt unvermittelt mit so eigentümlicher Betonung, daß Olas erbleichte.
„In welchem Falle?"
„In dem Falle, daß Sie plötzlich Ihr ganzes Vermögen verlören?"
„Ich? — ich würde mir eine Kugel durch den Kopf jagen!" schrie Olaf wild, von einer grausamen Ahnung durchschüttelt.
„Das werden Sie nicht thun," sagte der Rechtsanwalt, indem er sich erhob und Olaf gerade ins Gesicht sah, fest, befehlend, drohend,
Olaf starrte ihn mit verzerrten Zügen an. — „Sie wollen doch nicht sagen?" — begann er mit stockender Stimme.
Ziel ergriff die beiden Hände des jungen Mannes. „Ja, ich will es sagen. Leider bin ich dazu verdammt, es zu thun: Mit Andrees Vermögen ist auch das Ihre bis auf den letzten Heller zum Teufel gegangen."
Olaf stieß, unfähig zu sprechen, ein paar unartikulierte Laute aus. Dann riß er sich los, schlug sich mit der Faust vor die Stirn und rannte wie wahnsinnig im Zimmer herum.
„O, diese Schurkerei! Diese nichtswürdige Gemeinheit! Ist denn die gan,,e Welt voll von Spitzbuben und Gaunern?"
Der Hund, unruhig geworden, folgte ihm. Er stieß mit dem Fuße nach dem Tiere und stürzte auf die Thüre zu.
„Wohin?" rief Ziel.
„Das wissen Sie."
Der Rechtsanwalt hielt ihn am Arme fest. „Herr Nansen !'' sprach er befehlend. „Sie bleiben hier. Sie dürfen mich jetzt nicht verlasfen — nicht so verlassen," fügte er in verändertem Tone hinzu. „Olaf, mein armer junger Freund! Glauben Sie mir, es ist mir höllisch schwer angekommen, Ihnen diese Eröffnung zu machen — bei Gott! aber ersparen konnte ich sie Ihnen doch nicht, was? Ich kann mir ganz gut vorstellen, wie es einem zu Mute ist, der in Ihrer Haut steckt, der sorglos ins Leben stürmte und sich für reich hielt."
„Der reich war," verbesserte Olaf scharf.
„Der reich war," wiederholte der Rechtsanwalt, „und plötzlich erfährt, daß er nichts mehr hat."
„Und weswegen? Weil seine Vertrauensseligkeit mißbraucht wurde, weil er einem Schwindler zum Opfer gefallen ist. O, daß er noch lebte, daß ich ihm das alles ins Gesicht schleudern könnte, mich rächen könnte, und sei es nur durch Worte!"
„Das können Sie noch immer," sagte der Rechtsanwalt ruhig. „Sie gehen einfach aufs Gericht und beantragen den Konkurs über das Vermögen der Familie Andree."
„Das werde ich".
„Bekommen werden Sie natürlich nichts, denn wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Aber Sie erreichen damit, daß die ganze Stadt und vor allem die unglückliche Familie selbst die Wahrheit erfährt."
„Das sollen sie auch alle, alle! Sie denken doch nicht, ich würde mich ruhig zum Bettler machen lassen, ganz heimlich. Wer bürgt mir denn dafür, daß nicht Sie — —? Sie verzeihen. Aber ich kannte den Rechtsanwalt Andree so gut, viel besser, als ich Sie kenne — und er war doch ein Schuft!"
„Ich mute Ihnen auch gar nicht zu, mir auf die bloße Versicherung hin zu glauben. Ich habe die Beweise hier. Sie kennen seine Schrift?"
„Natürlich." Olaf warf einen flüchtigen Blick auf die Papiere, die jener ihm vorlegte. „Ganz schön — ganz schön!" höhnte er mit häßlichem Lachen. „Da habe ich es also schwarz auf weiß, daß ich ein Bettler bin. Und nun trauen Sie mir Edelmut genug zu, daß ich nach dieser — überraschenden Entdeckung ruhig und still meiner Wege gehe und--ja was soll ich denn eigentlich nach Ihrer
Meinung nun änfangen?" unterbrach er sich verzweiflungsvoll.
„Wenn Sie es erlauben, und wenn Sie so weit gefaßt sind, mich anzuhören, würde ich Ihnen gern einen Rat geben."
Wieder lachte Olaf. „Einen Rat ja, — das ist billig, das kostet nichts."
„Einen Rat und mehr," erklärte Ziel ernst.
In diesem Augenblicke klopfte es laut an die verschlossene Thür. Ziel riegelte auf. „Zum Donnerwetter!" fuhr er die Wirtschafterin an. „Hab' ich Dir nicht gesagt, daß ich nicht gestört sein wollte?"


