1899.
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Mutterlicb', du heilig Amt,
Vom Herrn der Ewigkeit verliehen, Die Seele, die vom Himmel stammt, Dem Himmel wieder zu erziehen!
O Mutterlieb', du strenge Pflicht, Der Ewigkeit gehört dein Walten!
Die Rechenschaft, vergiß sie nicht, Laß deinen Eifer nicht erkalten. O. v. Redwitz.
(Nachdruck verboten.)
Die Sünden der Väter.
Roman von Osterloh.
(Fortsetzung.)
XXVI.
„Wenn nur Konrad bald zurückkäme, — wenn wir ihm nur Nachricht geben könnten!" wiederholte unablässig Frau Andree.
„Wozu?" fragte Martha. Ist denn nicht alles verloren, alles vernichtet, was sie an Glück mühselig gesäet und zum Blühen gebracht haben?
Frau Andree findet, daß sie nicht unthätig sein dürften. Es muß doch etwas geschehen, sie will nach Leonhard forschen — aber wie? wo? Sie bedarf des Rates, der Hilfe. Sie möchte mit Dievenow sprechen, auch des entsetzlichen Menschen wegen, der ihr einen so furchtbaren Schrecken eingejagt hat,- doch Martha hat es ihr verboten.
„Weißt denn Du, was man thun soll?" fragt sie verzweifelt ihre Tochter.
Martha zuckt mit den Achseln. Nein, sie weiß'es nicht, sie kann nicht denken. Ihr Blick schweist ins Leere. Nur nachts, wenn sie ganz allein ist, wenn es dunkel wird um sie her, tauchen seltsame Bilder vor ihr auf, unklar, in einander verschwimmend- nur das eine erkennt sie scharf und deutlich: ein Kreuz, und auf dem Querbalken mit Flammenschrift die Worte:
Dem besten Vater,
Dem treuesten Gatten.
Ueberall steigt das Bild vor ihr auf, überall leuchten ihr die Buchstaben entgegen, und eine Stimme flüstert ihr zu:
Du hast die Lüge geschrieben, Du mußt sie auslöschen.
Ja, das will sie. Mit geballter Faust schlägt sie nach dem Kreuze und trifft die leere Luft.
Doch die Stimme läßt nicht Ruhe. Du mußt es thun, Du mußt es thun! — Wo kommt die Stimme her? Von außen? Spricht sie aus ihr selbst? Entsetzt greift sich Martha nach dem Kopfe. Ist denn das nicht Wahnsinn? Immer wieder. Das Bild, die Stimme. Auch am Tage läßt sie's nicht los. Die Inschrift muß weg. Es ist eine fixe Idee geworden. Allmählich wird ihr der Gedanke ganz vertraut. Sie weiß sogar, wie sie es ausführen will. Eine wahre Freudigkeit hat sie erfaßt. Seitdem der Entschluß in ihr gereift ist, hat die Stimme Ruhe gegeben. Heute abend mußte es geschehen. Sie kann nicht noch eine Nacht zubringen, wie die vergangene. Mit scharfsinniger Berechnung hat sich zurechtgelegt, was sie sagen würde, wenn man nach dem Zwecke ihres Ausgehens forschen sollte. Aber niemand fragt danach- kaum daß man, ihr Fortgehen überhaupt bemerkt. Eilig huscht sie durch die belebten Straßen. Dann mäßigt sie ihre Schritte.
In der Ferne erblickt sie den Friedhof. Noch nie ist sie am Abend dort gewesen- gewöhnlich war der breite Fahrweg belebt, jetzt ist alles still und tot. Unkenntlich fast die ganze Gegend. Die Dunkelheit treibt alle Dimensionen ins ungemessene. Riesenhaft recken sich die dünnen Pappeln der Hauptallee empor. Berghoch baut sich die Kirchhofsmauer auf, ab und zu von der schwarzen Spitze einer hochaufgeschossenen Cypresse überragt von dem Dachfirste eines Grabmonumenrs.
Das junge Mädchen hält einen Augenblick in ihrer Wanderung inne. Ein Schauer durchrieselt sie. Fürchtet sie sich? Lächerlich. Sie ist doch kein abergläubisches Weib, das sich scheut, nachts an einem Kirchhofe vorüber zu gehen. Um der aufquellenden Angst zu entrinnen, eilt sie vorwärts. Jetzt steht sie vor dem Thor. Nur Mut! Sie hat eine ernste Aufgabe zu erfüllen. Sie drückt auf die Klinke — Geschlossen! Sie zieht — die eisernen Stäbe klirren in den Angeln. Nur kein Geräusch machen. Sie tritt hastig zurück. Nichts regt sich. Nach einer Weile versucht sie's noch einmal — vorsichtiger — erst an dem großen Thor, dann an beiden Nebenthüren — alles verschlossen. Was soll nun werden? Warten, sie muß warten. Da ist nichts zu überlegen. Nach Hause zurückzukehren, ohne ihren Plan ausgeführt zu haben, erscheint ihr so unmöglich, daß sie es gar nicht in Erwägung zieht. Also warten. Es wird so spär Tag jetzt. Sobald die Pforten geöffnet sind, wird sie sich hineinschleichen. Sonderbar. Es graut ihr nicht einmal vor der langen Nacht,


