Ausgabe 
13.4.1899
 
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Und mir bringen Sie, doch Sie werden sich nicht alles merken, es ist besser, ich schreibe es Ihnen auf," sagte er, zog Papier und Bleistift heraus, schrieb ein ganzes Rezept und las dieses mit großem Pathos dem Kellner vor. Es war ein wunderbares Gemisch: eine halbe Pinte Rum, eine halbe Pinte Whisky, ein Gläschen Curasao, eine dünne Zitronenscheibe mit der Schale, ein Schub kaltes Waffer, ein Stückchen Eis und etwas Zucker.

(Fortsetzung folgt.)

(Nachdruck verboten.)

Die Armmhausprinzesfin.

Roman von O. Elster.

(Fortsetzung.) XVII.

Klara von Hennersdorfs und Paul Ahrens begleiteten Elsie nach Hause, welche sich in der Ruhe und Stille der gewohnten Umgebung bald von ihrer Schwäche erholte. Lächelnd beruhigte sie das Brautpaar und Frau Dorette über ihr Befinden.

Es war thöricht von mir, mich der Aufregung dieses öffentlichen Auftretens auszusetzen", sagte sie.Ich habe mich überanstrengt. Aber nun ist es vorüber, und ich bitte Euch, Paul und Klara, kehrt zum Feste zurück. An das Konzert wird sich ja noch ein großer Ball schließen, da dürft Ihr doch nicht fehlen".

Klara versicherte, sich nichts aus dem Ball zu machen, und auch Paul erbot sich, bei Elsie zu bleiben. Aber der bestimmten Bitte Elfie's mußten sie nachgeben; sie entfernten sich wieder, nachdem sie Frau Doretten und Hans Heinrich die Pflege Elfie's übergeben hatten. Doch diese wollte auch den Vater und die alte, treue Seele, Frau Dorette Pinke­pank, nicht um sich haben.Laßt mich nur ein Stündchen allein, laßt mich nur wieder zu mir kommen", sprach sie lächelnd,dann bin ich wieder die alte. Bekümmert Euch um mich überhaupt nicht, ich werde schon mit mir allein fertig".

All right", brummte Mister Hannecken und begab sich in seinen Garten, wo man ihn bald wieder zwischen den Gemüsebeeten herumhantteren sah, dichte Dampfwolken aus seiner kurzen Pfeife ziehend. Frau Dorette aber blieb in der Nähe ihrer jungen Herrin. Sie wußte wohl, daß diese Ohnmacht Elfie's einen ganz anderen Grund hatte, als die Hitze in dem Stadthaussaale und die Aufregung des Konzertes. Sie wußte, daß nicht die körperlichen Kräfte Elsie im Stich gelaffen, sondern daß das Leid ihrer Seele sie niedergeworfen, der Kampf mit dem übermächtigen Gefühl, das noch immer in ihrem Herzen lebte. Und das machte die alte Frau be­sorgt und ängstlich. Mit tiefbekümmertem Ausdruck in den alten, treuen, guten Augen, setzte sie sich in eine dichte Laube des Vorgartens, von der aus sie die Veranda und einen Teil des Zimmers Elsie'S übersehen konnte.

Elsie war wieder allein! Tiefe Stille ringsum, kein Ton -es lauten Festes, das man drunten in der Stadt feierte, drang zu ihr herauf, nur das abendliche Gezwitscher der Schwalben, welche sich in ihre Nester unter dem Dach schmiegten, unterbrach die Stille und erhöhte noch den Ein­druck des Friedens, der über dem Hause und dem Garten schwebte. Hinter den Wäldern tauchte die Sonne nieder/ die Spitzen der Berge erglühten in goldigem Lichte, während drunten im Thale bereits die Schalten des abends herrschten.

Elsie atmete auf und streckte in sehnsüchtiger Empfindung der sinkenden Sonne die Arme nach, als wollte sie das Glück und Leben spendende Gestirn des Tages zurückhalten. Aber tiefer, unaufhaltsam tiefer sank der glühende Sonnenball, die Gipfel der Berge erblaßten, und nur am Himmel verkündete noch rin rosiger Schein die Stelle, wo die Sonne versunken.

So verschönt die Erinnerung unser Leben mit sanftem Glanze, wenn auch das Glück längst, längst verschwunden!

Elsie setzte sich an den Flügel und schlug die Melodie des Winterliedes an. Leise, flüsternd, wie Geisterhauch klangen die Töne hinaus in den dunkelnden Sommerabend und ver­mischten sich mit dem lieblichen, leisen Gezwitscher der Schwalben unter dem Dach. Neugierig streckte hier und da ein Schwälbchen sein glattes Köpfchen zum Neste hinaus und lugte in den Garten und auf die Veranda herab, drehte das Köpfchen zur Sette und lauschte den leisen, flüsternden, schluchzenden Tönen da drinnen in dem stillen Hause. Sang und klagte, schluchzte und weinte da noch eine Nachtigall? Der Mai war verflogen, die Rosen prangten in voller Blüte, der blaue Flieder war verwelkt, und schon reifte das Obst auf den Bäumen, die Nachtigallen waren verstummt und doch klang es da drunten so süß, so sehnsuchtsvoll, so klopfend, so jubelnd, als schluchzten alle Nachtigallen, welche im Mai in dem Garten gesungen, ihr ewiges Lied von der Liebe Lust, der Liebe Leid hinaus in die schwüle, dunkle Sommernacht.

Plötzlich erschraken die kleinen, neugierigen Schwalben und zogen die Köpfchen schnell in das warme, weiche, sichere Nestchen zurück. Die Gartenpforte wurde hastig geöffnet,- eine hohe, dunkle Mannsgestalt trat ein, blieb eine kleine Weile stehen, schaute sich um und eilte dann auf das Haus zu und die Veranda hinauf. Ein leichter Schrei des Schreckens, der Freude, des Jubels ertönte, und als die Schwalben zag­haft ihr Köpfchen wieder hervorstreckten, da sahen sie vor der jungen Herrin des Hauses die hohe Gestalt des fremden Mannes auf den Knien liegen, die Hände Elfie's umfaffen, das Haupt in diese schlanken, weißen Hände pressend und hörten die flehenden Worte von seinen zuckenden Lippen: Leg mir die Hand auf's Haupt, auf daß ich Frieden finde".

Hoheit, ich bitte Sie erheben Sie sich!" sprach bebend Elsie in grenzenloser Verwirrung, während doch ein Gefühl der innigen Freude, des tief seligsten Glückes ihr Herz über­flutete.

Der Herzog blickte mit bittendem Blick zu ihr auf. Verzeihen Sie mir, Elsie", bat er,daß ich Sie erschreckt habe. Aber ich vermochte nicht von hier fort zu gehen, ohne von Ihnen Abschied genommen, ohne Ihnen meinen heißesten Dank ausgesprochen zu haben".

Ich verdiene diese Gnade nicht, Hoheit!"

Der Herzog sprang empor. Seine Stirn verdüsterte sich.

Weshalb erinnern Sie mich stets an meine Stellung?" sprach er finster.

Weil man diese niemals vergeffen soll!"

Ah, es ist wahr! Wir Fürsten dürfen ja nicht Mensch dem Menschen gegenüber stehen! Das ist der Fluch, der auf uns lastet, der unser Glück vernichtet!"

Hoheit!"

Ja, ich weiß, ich weiß! Aber ich vermag Ihnen keine Gnade zu erweisen, Sie sind es, welche mir gnädig sein konnten, welche mir Gnade, Glück und Frohsinn verleihen konnten. Doch Sie haben es nicht gethan, Sie waren zu stolz, Sie haben sich von mir abgewandt, Sie haben mich nicht verstanden, mich nicht verstehen wollen".

Er stieß die Worte heftig hervor. Er schwieg, und seine Zähne nagten an dem dunklen Bart, der seine in Schmerz und Erregung zuckende Lippe beschattete. Elfie's Herz empfand einen schneidenden, stechenden Schmerz. Welchen Sinn und welche Bedeutung sollte sie seinen Worten unter­legen? Ach, sie erinnerte sich wohl noch der letzten Stunden, welche sie in dem Schloß zugebracht hatte! Sie erinnerte sich wohl noch, wie sie damals sich nach ihm gesehnt, wie sie gefleht, daß er kommen möge, wie sie in jener Stunde ihm voll Jubel ihr ganzes Herz, ihr ganzes Leben geweiht haben würde. Sie erinnerte sich aber auch noch, wie sie vergeblich gewartet, wie er nicht gekommen, wie er an demselben Tage noch abgereist war, ohne ihr ein Wort der Liebe, ein Wort des Trostes zu hinterlasien. Der Augenblick des Glückes war vorübergeflogen, er kehrte niemals mehr zurück.