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Dorf getraut und reisten dann auf des Onkels Wunsch in die Welt. Wohl glaubte ich in der ersten Zeit noch an mein Glück, aber das Heimweh nach Euch ließ mich nicht los.
„Und dann, Charlotte, ich wußte nun, daß mein Herz bei Werner zurückgeblieben, daß ich mich furchtbar getäuscht, und ich erlag fast unter dieser Erkenntnis.
„Erich hatte mich wirklich sehr lieb, und er hätte mir vielleicht das Herz gewandt, wenn ich nicht, allerdings erst nach drei Jahren, erfahren hätte, daß er meinen Besitz mit Blut erkauft, daß Werner — tot sei. Ach, diese entsetzliche Zeit!
„Ich erfuhr, daß Deine sanfte, fromme Mutter mit Herzeleid in die Grube gefahren, daß Dein Vater mit verfinstertem Geiste ein sieches Leben führte, und ich glaubte selbst wahnsinnig werden zu sollen.
„Nur der Gedanke an meine beiden ältesten Kinder war es, der mich aufrecht erhielt, daß ich nicht ganz versank.
„Erich und auch der arme Onkel, beide fühlten ihre Schuld, die ihnen noch größer erschien durch meine Verzweiflung. Ich sah und merkte Erichs Not, wie ihn nach meinem Herzen verlangte, und ich konnte ihm nichts geben, es war in mir alles wie verdorrt.
„Damals schrieb ich Deinem Vater und bat um Vergebung — mir wurde keine Antwort, und es wurde immer dunkler in meiner Seele.
„Der Onkel lebte mit uns zusammen, seine Schwägerin war bald nach unserer Verheiratung gestorben. Er machte viele Reisen, nahm auch öfter Erich mit, aber sie kamen ebenso düster heim, wie sie gegangen waren.
„Der Onkel sah mir jeden Wunsch an den Augen ab, seine kindlich gute Seele trug schwer, und mein armer Erich! Ach er hat mcht weniger gelitten, und doch hat er mir nie ein böses Wort gesagt. Er war ein düsterer, verschlossener Mann geworden, der nirgends Ruhe fand. Er veranlaßte den Onkel, das Gut zu verkaufen, und der alte Mann that es, und so zogen wir herum ohne Rast und ohne Ruh und waren wie heimatlos.
„Da nahm mir Gott auch meinen Knaben, der, ein Jahr jünger wie Renata, unser Stolz war. Er ist ertrunken, Erich wollte ihn retten und auch ihn hätte ich da fast verloren/ ich sah, es war ihm recht, wenn die Wellen des Sees ihn verschlungen hätten,- aber Gott sandte mir, der allein am Ufer Stehenden, noch zu rechter Zeit rettende Hände.
„O, wärest Du von mir erlöst!" sagte Erich, als er die Augen wieder aufschlug, und da schlug Gott an mein Herz mit einem furchtbarem Hammer. Ich wachte auf aus der dumpfen Versteinerung und sah, wie ich an ihm, dessen Schuld mein Besitz war, schwer gesündigt. Ich lernte verstehen, wie ich meine alte Sünde nicht sühnen konnte mit der Versäumnis meiner heiligsten Pflichten,. und auch mein Herz wurde weich gegen den unglücklichen Mann. Aber doch wäre es mir zu schwer geworden, dies neue Ringen, hätte ich nicht meinen Gott gefunden, nicht den rächenden, gerechten Gott, vor dem ich gezittert all die Jahre her, nein, den barmherzigen, der das zerstoßene Rohr nicht zerbricht. Er hat mich gehalten und gehoben und auch meinen armen Erich hat er gefunden und heimgebracht zu seiner Ruhe.
„Schon längst hatte Erich seinen Namen abgelegt und nannte sich Wendelin, er meinte, sein Name sei bester aus- getilgt, und Onkel Wendelin hat meine beiden übrig ge- bliebenen Kinder, das älteste und jüngste, adoptiert.
„Meiner Renata kannst Du es sagen, welchem Stamme sie entsproßen ist,- sie hat eine starke Seele. Als ich damals an Dich schrieb, war ich noch jung, und wenn auch nicht glücklich, so doch nicht hoffnungslos. Jetzt bin ich eine früh gealterte, lebensmüde Frau und ginge gerne heim, wäre nur das eine nicht, die unvergebene Schuld, die Euer geliebtes Haus zu einer Stätte namenlosen Jammers gemacht. Mein Los mußte ich klaglos tragen, mein Leben war eine Buße, aber Ihr, die ich so geliebt und meine Kinder!
„Sollten sie diesen Fluch weiter mit sich tragen? O, wie ringe ich vor Gott, daß sich noch einmal die Hand
Deines Vaters segnend auf den Scheitel meiner Kinder legt! Ich weiß, der alte Mann lebt noch, ach, wenn mich Gott erhörte!
„Meine Renata! Wie ich Gott täglich danke für dieses Kind, das mir ein Zeichen ist, daß sich die ewige Liebe meiner erbarmt hat.
„Renata ist ihrem Vater sehr ähnlich, aber ihr Wille ist fester und klarer, und ihr Herz ist stärker,- mir ist nicht bange um sie. Die dunklen Schatten ihres Vaterhauses haben sie ernst über ihre Jahre hinaus gemacht, und doch wird sie sich nach Liebe sehnen; wenn ich nicht mehr bin, dann nimm sie an Dein Herz und hilf ihr meinen Walter erziehen.
„Gottfried, den stillen, warmherzigen Knaben, habe ich nie bergeffen, möchte er glücklich sein und gesegnet.
„Deinem Vater sende ich nur meine Kinder, ich bin so müde und schwach, aber mein Gebet soll nicht ablaffen, sich an die Barmherzigkeit Gottes zu klammern, die mich nicht hat untergehen lassen.
„Lebe wohl, Du treuestes Herz, Gott segne Dich und Dein Haus tausendfach. Wollte Gott, ich dürfte Dich hier noch einmal sehen, aber ich begehre nichts mehr für mich als Gnade, und Segen für meine Kinder.
Deine
Helene."
(Fortsetzung folgt.)
Das große Los.
Von H. von Schandow.
------- (Nachdruck verboten.)
Unter ihren geraden schwarzen Brauen trug sie ein Paar große, ganz merkwürdige Augen im Kopfe. Wett standen fie offen, hell und ehrlich war ihr Blick. Nur die Farbe wechselte mit der Stimmung ihrer Eigentümerin. Bald waren sie klar grau, diese merkwürdigen Augen, bald schillerten sie grünlich. Zu besonders guter Stunde hätte man darauf schwören mögen, daß sie ins Blaue spielten; abends jedoch, unter künstlicher Beleuchtung erschienen sie schwarz, die Iris verschwamm mit der Pupille, — Jutta glich dann einer Südländerin mit ihrem tief dunklen Haar, mit ihrer gelblichen Haut.
Ueber den Mund konnte man nicht so recht ins klare kommen. JSr strafte die ehrlich blickenden Augen öfters Lügen, ein Schlänglein bog fich manchmal darum her, oder ironische Pfeile zuckten aus den Winkeln hervor, — Fräulein Jutta von Dernitz schien fich öfters lustig zu machen über die Welt. Schon als Kind hatte fie nichts lieber gethan, als den Leuten ein Schnippchen geschlagen — in aller Harm- losigkeit natürlich aber fie hatte sich doch vor Lachen geschüttelt, wenn ihr so ein netter, kleiner Streich recht ausgiebig gelungen war.
Fräulein Jutta von Dernitz entstammte einer verarmten Familie, doch das focht fie wenig an. Sie glaubte an
ihren Stern, an ein unfaßliches Glück — mindestens an das große Los.
Der Stern, nun der war ihr geworden — allerdings in Gestalt einer Sternschnuppe. Ihre morgenfrischeste Jugend hatte eine romantische Künstlerliebe erhellt — so schön und so aussichtslos, wie eben nur Künstlerlieben zu sein pflegen — und das große Glück, nun, das hatte sich der Sternschnuppe angeschloffen, war glänzend, schnell und flüchtig vorübergeeilt. Der junge Maler, Juttas Verlobter, war gestorben, nachdem er der Welt ein einziges Werk geschenkt, ein großes herrliches, die Welt erleuchtendes.
Jahrelang hatte Fräulein Jutta einer tiefen, herzlichen Trauer nachgehangen — ein paar feine Runen auf ihrer Stirn erzählten von Gram, von einem tiefen Schmerz — &ttn« waren ihre Augen wieder klar geworden, und ihr Sinn hatte sich erheitert.
Fräulein Jutta von Dernitz gedachte nicht bis an ihr


