Nachdruck verboten.
Der Gylfenhof.
Eine Erzählung von P. D i t f u r t h.
lFortsetznng.)
In der nächsten Srunde stand Renata vor Charlotte und brachte Helenes letzten Gruß.
„Du dachtest doch an mich, meine arme Helene," sagte diese mit wehmätiger Freude und zog sich zurück, sie mußte allein sein mir diesen Worten einer Toten.
Es war nicht nur ein Brief, es war das ganze Bekenntnis einer unglücklichen Krauenieele.
„Meine liebe, treue Charlotte!
„Ich nenne Dich so, weil ich weiß, daß Du es geblieben bist und daß £u wohl noch heute in Treue meiner gedenkst.
„Ich hoffe, diese Worte, die den ganzen Irrtum meines Lebens erzählen, soll Dir meine älteste Tochter Renata bringen. Ob ich selbst sie noch senden kann, so lange meine Augen offen stehen, ich weiß es nicht,- o, ich kann sie ja keine Stunde entbehren, sie ist mein Halt, mein Trost.
„Charlotte, ich will denken, wir sitzen beisammen in unserem traulichen Stübchen, ich sehe in Deine braunen Augen und ich will Dir alles sagen, was sich zwischen uns gelegt seit jener dunklen Stunde, da ich von Euch schied.
„In jenem Briefe, den ich bald nach meiner Verheiratung schrieb, belog ich Dick und mich aus erbärmlichem Stolze und bitterer Scham. Jetzt habe ich das längst überwunden und kann Dir sagen, daß weder Glück noch Stern mir geleuchtet, ich ließ beides in Deinem Vaterhause.
„O der unselige Besuch auf dem Gute des Onkels, — und doch will und muß ich die schwerste Schuld auf mich nehmen!
„Der Onkel war kein boshafter, intriganter Mensch, er war wunderlich und voll überspannter Ideen, und so hatte er sich in den Kopf gesetzt, ich als die letzte Rinnewart aus
1898.
Hf
Pfadfinder
ege giebt es, die man nie vergißt, Wenn der Fuß auch längst sie nicht mehr mißt. Jeder blickt ans einen Lieblingspfad, D'ranf das Glück ihm schüchtern einst genaht, D'ranf vielleicht das Heimweh ihm begegnet —, Pfad nnd Finder sind von Gott gesegnet.
Alfred Beetschen.
dem Gylfenstamme sollte die Gattin Erichs von Gylfen, und das Gut ein Stammsitz für ein neues Gylfengeschlecht werden.
„Er sagte mir das sehr bald, und in diesem Falle war ich nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, von meinem Verlöbnis zu reden. Warum warst Du mir nicht zur Sette, meine Charlotte!
„Ich schwieg und amüsierte mich über diesen romantischen Gedanken des sonst herzensguten Onkels, gerade weil ich mich sicher wähnte, und als der sogenannte Vetter eines Tages eintraf, freute ich mich seiner Gesellschaft und Begleitung auf meinen Spaziergängen.
„Auch die Schwägerin des Onkels interessierte sich für diesen Plan, und ich war mit einemmal umstrickt, ehe ich wußte, wie es gekommen."
„Erichs Persönlichkeit übte einen sonderbaren Reiz auf mich aus- ich versuchte zu ergründen, worin dieser Reiz lag, und das war ebenso gefährlich wie sündhaft für eine verlobte Braut.
„Ich sagte Erich zu spät, daß meine Hand nicht mehr frei sei, er machte mir die leidenschaftlichsten Vorwürfe, daß ich ihn getäuscht und mit ihm gespielt, und sein Onkel stand auf seiner Seite. Es waren schreckliche Stunden, die ich verlebt, und ich war so verwirrt, betäubt und haltlos, daß ich selbst glaubte, was sie sagten, und ich wußte nicht mehr, ob ich recht oder unrecht handelte. Ich wurde gewahr mit rötlichem Schreck, daß Werners Bild in mir verblaßt und meine Liebe erkaltet war, und Erich bewies mir klar, daß diese Liebe anerzogen sei- so wie er könne mich Werner nicht lieben, o, und ich glaubte ihm auch das.
„Ich kehrte zu Euch zurück und war froh, Werner nicht zu treffen und wiegte nun mein Gewissen mit jämmerlichen Vorspiegelungen ein, wie ich Werner ohne Liebe ja nicht glücklich machen könne, und schließlich war ich so irre und unklar, daß ich meinte, es hätte eben so kommen müssen, es sei unser vorher bestimmtes Schicksal. O, wie schdig ich damit Gott ins Angesicht!
„Ich floh, als Werners Kommen in Aussicht stand, ach, wäre ich geblieben oder hätte Dich, meine Charlotte, zur Vertrauten gemacht, aber ich hatte nicht den Mut und ging in der Irre weiter.
„Ich reiste zum Onkel, und dahin kam dann Erich, der seinen Abschied genommen hatte.
„Das Gut lag einsam und gehörte zu einer sehr entfernt liegenden Kirche, zudem war der Onkel katholisch, und so wurden wir in einer fremden Kirche in einem verschollenen


