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Unternehme» wieder int Werke sein und den Chef dergestalt beschäftigen möge.
Hätten die Herren durch die schwere und zum Ueberfluß noch durch einen Vorhang verhüllte Thür in das Privatkontor schauen können, sie würden wahrscheinlich noch mehr Anlaß zum Verwundern und Vermuten gefunden haben.
Das hohe, gewölbte Gemach hatte nur ein breites, von grünen Vorhängen umrahmtes Fenster, das auf den sehr reinlich gehaltenen, stillen, von breitästigen Nußbäumen beschatteten Hof ging. Quer vor der Fensternische stand ein breiter Schreibtisch mit vielen Fächern und davor saß auf einem mit grünem Saffian bezogenen Sessel mit niedriger Lehne Kommerzierat Helldorf.
Das zwar immer ernste, aber doch zumeist von einer ruhigen, gleichmäßigen Heiterkeit erfüllte Gesicht des alten Herrn war heute finster, die ruhige Gelassenheit seines Wesens hatte einer eigentümlichen Hast und Aufgeregtheit Platz gemacht. Er schob ein Fach nach dem andern auf, wühlte darin, schob es wieder zu und schüttelte seufzend den Kopf. Zu wiederholten Malen griff er nach dem neben ihm liegenden Papierblock, schrieb Zahlen darauf, rechnete, riß das Blatt ab, zerpflückte es und warf es in den Papierkorb.
„Ich mag es anstellen wie ich will," murmelte er dabei, „ich komme zu keinem anderen Ergebnis. Ich habe das Geld mit nach Hause genommen, und es ist dort rätselhaft verschwunden."
Er sprang auf und ging erregt im Zimmer auf und ab. „Die Summe ist ja unerheblich, ich kann sie verschmerzen und könnte es, wenn sie noch zehnmal größer wäre," setzte er sein Selbstgespräch fort. „Ich weiß nicht, was ich davon denken soll, und kann mich nicht entschließen, mit einem von den Meinigen darüber zu reden! Möchte wahrhaftig beinahe lieber, man hätte bei mir eingebrochen wie bei dem armen Sommer, da wüßte man doch wenigstens, wie die Sache zugegangen ist."
Ein leises Klopfen an der Thür veranlaßte ihn, stehen zu bleiben und „Herein" zu rufen.
Ein Diener steckte den Kopf herein und sagte:
„Verzeihen der Herr Kommerzienrat, daß ich störe. Es ist ein Herr Wetterau da, der den Herrn Kommerzienrat zu sprechen wünscht und sich durchaus nicht abwetsen lassen will. Er sagt, er komme in einer dringenden Angelegenheit".
Kommerzienrat Helldorf war, als der Diener den Namen „Wetterau" nannte, unwillkürlich zusammengezuckt- seine Miene wurde womöglich noch finsterer, er machte eine abwehrende Bewegung und öffnete bereits den Mund, um den Bescheid zu geben, er könne den Herrn nicht empfangen. Schnell besann er sich eines andern und befahl:
„Führen Sie Herrn Wetterau hierher!"
Sobald die Thür sich hinter dem Diener geschlossen hatte, schüttelte sich Helldorf, als müsse er etwas, das an ihn herangekrochen sei, von sich abthun, dann aber richtete er sich straffer auf. Sein Gesicht nahm wieder jenen gelassenen, undurchdringlichen Ausdruck an, hinter welchem der umsichtige, kalt erwägende Geschäftsmann sonst jede Regung seines Innern mit großer Geschicklichkeit zu verbergen verstand.
Er nahm wieder vor seinem Schreibtisch Platz, anscheinend eifrig mit Schreiben beschäftigt und wandre sich auch nicht um, als er hinter sich die Thür öffnen hörte. Erst als eine belegte, etwas meckernde Stimme ihm einen „guten Morgen" wünschte, stand er auf und ging dem Eingetretenen einen Schritt entgegen.
„Herr Wetterau?" fragte er höflich, aber kurz und maß das vor ihm stehende, von Kopf bis zu den Füßen grau gekleidete Männchen mit einem Blick, der dieses noch mehr in sich zusammensinken ließ, als dies ohnehin geschehen war.
„Zu dienen, zu dienen", antwortete Herr Wetterau, sich mehrmals verbeugend und schwang dabei den Hut, den er draußen von dem kahlen, nur noch von dem spärlichem grauen Haar umkränzten Scheitel genommen hatte. „Ich
bitte tausendmal um Entschuldigung wegen der Freiheit, die ich mir genommen habe".
„Schon gut, schon gut", winkte der Kommerzienrat mit der Hand und schritt dem dem Anscheine nach nicht allzu willkommenen Gast voran nach dem Hintergründe des Zimmers, wo ein runder Tisch, ein mit grünem Saffian überzogenes Sofa und einige Lehnstühle mit gleichem Bezüge standen. Er nahm auf einem der letzteren Platz und lud Wetterau durch einen Wink ein, das Gleiche zu thun.
„Ich habe mir vor einigen Tagen erlaubt, an Sie zu schreiben, mein hochverehrter Herr Kommerzienrat", begann nach kurzem Stillschweigen der kleine Mann.
„Ich habe den Brief empfangen", war die lakonische Antwort.
Wieder stockte die Unterredung. Wetterau, der nur auf der Kante des Sessels Platz genommen hatte, rückte unruhig hin und her, auf seinem klugen Gesichte und in dem verschmitzten Läcbeln, das seine dünnen, fest zusammengepreßten Lippen umspielte, stand jedoch deutlich zu lesen, daß es nicht Blödigkeit sei, was ihn am sprechen verhinderte.
Da Helldorf einsah, daß er auf diese Weise mit dem Manne nicht weiterkomme, bequemte er sich dazu, das Wort zu ergreifen und sagte: „Da ich auf Ihren Brief bisher nicht geantwortet habe, so sind Sie gekommen, um sich den Bescheid zu holen".
Wetterau verbeugte sich. „Gewissermaßen haben der Herr Kommerzienrat ja wohl das richtige getroffen, indessen, ich möchte doch bemerken —"
„Ohne alle Umschweife", unterbrach ihn der Kommerzienrat. „Sie haben mir geschrieben, daß Sie an meinen Sohn, den Studiosus Adalbert Helldorf, eine Forderung von zweitausend Mark haben und verlangen, daß ich dieselbe bezahle".
„Das habe ich mir allerdings erlaubt", erwiderte Wetterau, und sein unter sehr breiten Lidern liegendes, beinahe gänzlich der Brauen entbehrendes gelbgrünes Auge zwinkerte freundlich, aber gleichzeitig sehr listig.
„Sie haben meinem Sohn das Geld geliehen, obwohl sie wußten, daß er noch nicht majorenn ist", sagte Helldorf streng.
„Nur gegen sehr mäßige, landesübliche Zinsen", antwortete Wetterau, ohne auf die Worte des Kommerzienrates einzugehen; der ließ sich jedoch davon nicht abbringen, sondern fuhr, die Zwischenbemerkung mit einem Achselzucken ab- thuend, fort:
„Es ist Ihnen ohne Zweifel bekannt, daß ein Vater nicht verpflichtet ist, für Schulden aufzukommen —"
Jetzt sprang Wetterau in die Höhe, hob die mageren Hände empor und rief, Helldorf unterbrechend: „Aber, mein verehrtester Herr Kommerzienrat, ein solcher Gesetzesparagraph kann doch unmöglich auf Sie und Ihren Herrn Sohn Anwendung finden!"
„Warum nicht?" fragte der Kommerzienrat scharf.
„Weil — weil ein Herr wie Sie doch nimmermehr die Schulden seines Sohnes unbezahlt läßt".
„Sie hätten es auf diese Probe lieber nicht ankommen lassen sollen", erwiderte der Kommerzienrat. Sie konnten sich sagen, daß mein Sohn von mir hinreichend mit Geldmitteln versehen wird, um Schulden nicht machen zu dürfen".
„Mein Gott, Herr Kommerzienrat, Jugend hat nicht Tugend".
„Und das Alter, das der Jugend in ihren Ausschreitungen Beistand leistet, besitzt sie noch weniger", fiel Kommerzienrat Helldorf ein. „Kommen wir jetzt ein für allemal zum klaren Verständnis", fügte er, sich ebenfalls erhebend, hinzu. „Ich habe Ihren Brief nicht beantwortet, und würde jedenfalls eine zweite Mahnung abgewartet haben, um Sie ein wenig zappeln zu lassen, habe auch vermieden, mit meinem Sohn darüber zu sprechen. Für diesmal will ich die Schuld bezahlen. Ich erkläre Ihnen aber auf das bestimmteste, daß es ein zweites Mal nicht geschieht. Borgen Sie meinen Sohn, so geschieht eö auf Ihre Gefahr. Ich


