519
werde Ihnen die Anweisung schreiben, gehen Sie nach der Kasse und lassen Sie sich das Geld auszahlen".
Er wandte sich nach dem Schreibtisch, blieb aber auf halbem Wege stehen, als Wetterau rief:
„Lassen Sie es nur gut sein, Herr Kommerzienrat, das Geld ist schon in meinen Händen".
Der Kommerzienrat sah ihn ganz fassungslos an.
„Aber was wollen Sie denn eigentlich von mir?" stammelte er.
Der kleine Mann warf sich in die Brust. „Da ich an Sie geschrieben habe, mußte ich Ihnen doch mitteilen, daß Ihr Herr Sohn mir gestern seine Schuld bei Heller und Pfennig bezahlt hat. Ich bin ein ehrlicher Mann!"
Helldorf holte tief und schwer Atem. Plötzlich lachte er laut und lustig auf und rief: „Mein bester Herr Wetterau, den Weg hätten Sie sich ersparen können".
(Fortsetzung folgt.)
Der Würgengel des Sommers.
Von Schiller-Tietz.
Langanhaltende Dürre ist nicht etwa eine Begleiterscheinung der aus Geschichte bekannten „Großen Sterben" früherer Zeit, vielmehr steht die Ausbreitung und verheerende Wirkung der allergefährlichsten Seuchen: Pest, schwarzer Tod, Cholera rc., mit der Dauer von Hitze und Trockenheit in ursächlichem Zusammenhänge. Dank des mit dem Kulturfortschritt erwachten hygienischen Gewissens: der größeren Reinlichkeit in der ganzen Lebenshaltung, sowie der hygienischen Maßnahmen hinsichtlich der Versorgung mit Wasser, Licht und Luft, haben die Bolks- seuchen in den Kulturstaaten trotz des riesenhaften Weltverkehrs so gut wie aufgehört, eine Geißel der Menschheit zu sein, und sind dieselben auch in der heißen Zeit nicht gefahrdrohender, als in den kalten Jahreszeiten.
Dennoch hält der Todesengel gerade in den heißen Sommermonaten reiche Ernte: die Kindersterblichkeit ist nämlich im Sommer ganz erheblich größer, als in den anderen Jahreszeiten. Selbst alle in der rauhen Jahreszeit vorherrschenden Krankheiten der Luftwege: Diphtherie, Bräune u. s. w. zusammengenommen, bringen die Gesamtsterblichkeit unter den Kindern nicht zu solch' grausiger Höhe, wie die B r e ch r u h r oder Ki n d e r ch o l e r a, die verheerendste aller Kinderkrankheiten.
Von je 100 Gestorbenen stehen in Deutschland volle 34 erst im ersten Lebensjahre, in Berlin sogar 37; also ein Drittel aller Gestorbenen hat das erste Lebensjahr nicht überschritten. Ein volles Drittel dieser Todesfälle unter den Säuglingen hinwiederum kommt allein auf die Sommermonate, in Berlin sogar noch über ein Drittel: 55 Prozent aller bis zum fünften Lebensjahr verstorbenen Kinder starben dort an Brechruhr allein in den drei Sommermonaten, also über die Hälfte. In London entfallen von den gesamten Todesfällen an Ruhr unter Kindern sogar 72 Prozent auf die drei heißen Monate.
Es liegt nun nicht nur eine gewisse statistische Regelmäßigkeit in diesen Ziffern, sondern es spricht sich leider eine fast erschreckliche Stabilität darin aus; denn nicht nur in Deutschland, sondern auch in allen anderen Ländern fordert der Würgengel „Brechruhr" Sommer für Sommer Abertausende junger Menschenleben, und je größer die Hitze ist, desto verheerender tritt sie auf. Die Ziffern bleiben sich überall so ziemlich gleich, sodaß man fast von einer Gesetzmäßigkeit sprechen könnte, wenn nicht durch die Erfahrung bestätigt wäre, daß die Verhältnisse keineswegs so sein müssen, wie sie leider aus den Zahlen sprechen.
Allerdings erschlafft der menschliche Organismus in der Hitze leichter und ist dann weniger widerstandsfähig gegen alle möglichen Krankheitserreger, die sich wiederum bei hoher
Wärme weit rapider vermehren. Auch die Verdauungswege sind bei Hitze weit reizbarer, wie jeder bei selbst kleinen Diätfehlern am eigenen Leibe beobachtet, und naturgemäß werden die noch in der Entwickelung begriffenen Berdauungs- organe des Säuglings am leichtesten affiziert. In dieser Thatsache finden wir die ursächliche Erklärung für die große Kindersterblichkeit an Brechruhr, namentlich unter den Stadtkindern, welche in der Mehrzahl künstlicher nährt werden. Während Brustkinder nur wenig von der Brechruhr befallen werden, fordert dieselbe unter den künstlich genährten Kindern ihre erschrecklich vielen Opfer; in Berlin ist z. B. nach dem berühmten Kinderarzt B aginsky unter 15 an Brechruhr verstorbenen Kindern nur ein Brustkind.
Ermißt man aber die Schwierigkeiten in der Versorgung der Großstädte mit Milch überhaupt und mit guter Säug- li ngsmilch insbesondere, und erwägt damit die jede Hausfrau und Mutter bedrückende Erfahrung, wie schnell die Milch im Sommer bei schwüler, drückender, gewitterschwangerer Luft sauer wird, so wird uns das verderbliche Walten des Würgengels zur Sommerzeit zwar verständlich, aber die Kalamität ist damit nicht abgestellt. Als eine hygienische Großthat ersten Ranges muß deshalb das vom besten Erfolge begleitete Bestreben des Chemikers Nestle bezeichnet werden, aus der unübertroffenen Schweizer Alpenmilch ein unbeschränkt haltbares Milchpulver von solcher Zusammensetzung herzustellen, daß sich daraus augenblicklich eine unübertroffene Säuglingsnahrung bereiten läßt. In unserer geschäftslustigen Zeit konnte es natürlich nicht ausbleiben, daß Nestles Erfindung und Erfolge das nachahmenswerte Ziel anderer wurden, ohne daß damit der Beweis erbracht worden ist, daß geschäftliche Findigkeit mit hygienischer Gewissenhaftigkeit und wissenschaftlichem Fortschritt stets Hand in Hand gehen. Die jahrzehntelangen praktischen Erfolge und die daraus entsprungenen ärztlichen Empfehlungen sind bis heute Nestles Kindermehl unverändert treue Begleiter gewesen. Die in neuerer Zeit aber so viel gepriesene Sterilisierung der Kindermilch ist gegenüber der Nestle'schen Erfindung ein bedauerlicher hygienischer Rückschritt. Man bleibe hinsichtlich der Säuglingsernähruug beim wohlbewährten Alten — Säuglinge sind keine Objekte für industrielle Experimente! — verbanne die verdammungswürdigen Lutsch beutel und Mehl- pamps aus der Kinderstube, lasse die Kinder nicht zu früh von den Speisen der Erwachsenen „mitessen", halte,die Schlafzimmer im Sommer möglichst kühl und luftig, bedecke die Kinder nicht zn warm, daß sie nicht im Bette schwitzen, und man wird bei nötiger Vorsicht und Sorgfalt dem Würgengel des Sommers viele Opfer entreißen, während er heute nur kummervoll durchwachte Nächte, Sorge und Herzeleid bereitet.
Scherz-Logogriph.
(Wertvolles Kochrezept zur Bratenbereitung aus dein Tagebuch einer jungen Hausfrau.)
(Nachdruck verboten.)
Aus Kräutern und Wurzeln, mein schönes Gericht, So nahrhaft, voll Stickstoff, das mundet dir nicht? Du spottest der vegetarischen Lehren
Und hältst einen Braten vor allem in Ehren?
Na, gib mir den Teller, das „ü" muß heraus; Jetzt hast du den köstlichsten Braten zum Schmaus, Ein Wildpret, wie's selten wohl jemand genießt, Das nur der verwegenste Jäger dir schießt. P. (Auflösung folgt in nächster Nummer.)
Auflösung der Schachaufgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz.
1. L d 5 — hl d 4 — d 3.
2. K h 3 — g 2 K f 4 — e 4.
3. Kg2 — g3f und matt.


