Ausgabe 
12.2.1899
 
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frappiert, sondern die Erfüllung aller Hoffnungen zu gewähren scheint, die sich an eine Wiedergeburt, an eine neue Renaissance der Kunst über­haupt knüpfen. So unternimmt es denn Alfred Ruhemann, uns in einem mit intimster Kennerschaft geschriebenen und in Heft Nr. 9 und 10 der illustrierten Familienzeitschrift ,,Vom Fels zum Meer" (Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart) veröffentlichten AussatzDie belgische Kunst der Gegenwart" deren Hauptvertreter an der Hand eines reichen und charakteristisch gewählten Bilderschmucks überzeugend vor Augen zu führen. Ein gleiches Interesse erregt ebendort auch die nun bereits bis Abteilung V gediehene ArtikelserieUnser Kunst­gewerbe" von Arnold Fromann, welcher uns diesmal mit einer Reihe

von Abbildungen moderner Gefäße und sonstiger Zieraten aus Terra- cotta, Fayence, glasiertem Thon oder Stein bekannt macht. Aus dem übrigen reichen und gediegen illustrierten Inhalt der beiden Hefte nennen wir noch die ArtikelBei den siebenbürgischen Sachsen" von W. Friedrich; Die Harzquer- und die Brockenbahn" von Hubert von Trützschler und Bulgarien in Wort und Bild" von Joseph Beckmann. Im belletristischen Teil, der novellistische Arbeiten von Isolde Kurz, Emil Marriot rc. aufweist, behauptet Gabriel Reuters RomanFrau Bürgelin und ihre Söhne", eine Erzählung von hohem künstlerischem Werte, durchaus die Führung, und es sei eindringlich auf dieses neue Werk der bekannten Verfasserin vonAus guter Familie" hingewiesen.

Minz Karneval und sein Kofgaat.

Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmannfaktur, Dresden-X.

Reichhaltiges Modenalbum und Schnittmusterbuch zum Preise von 50 Pfg. daselbst erhältlich.

welche die unmöglichsten Pläne

Champagner und Austern.

denn nicht auch in dieser Jahres­zeit einmal alle konventionellen Schranken fallen, einmal alle grauen Sorgen verbannt werden und dafür unter Nichtbeobachtung der sonstigen strengen Gesetze unter einer Maske die goldeneFreiheit in übersprudelnder Lebenslust genossen werden? Die Faschingszeit ist sicher für die lebens­frohen Optimisten eine erwünschte Abwechselung im grauen Einerlei des Alltagslebens, und in den Gegenden wo PrinzKarneval" als ein solcher verehrt und angebetet wird, reden, denken und entrieren die Menschen nichts anderes alsKarneval", und kein Opfer erscheint ihnen groß genug, wenn es für diese Hoheit gilt. Pflicht und ernste Arbeit werden für diese Zeit verabschiedet, und Amüsement und Vergnügen aller Arten treten in den Vordergrund. Welches Bild ließe sich wohl an Farbenreichtum und Originalität dem eines Maskenballes gleich stellen; gleicht dieses Bild nicht einem hervorgezauberten internatio­nalen Märchen? Dieser Wetteifer unter den stolzen Nationaltrachten wieviel Anmutduft und Grazie bei den wandelnden Blumen welche Genialität verraten die Gewänder

Die Fastnachtsbälle sind es in erster Linie, denen vornehmlich die lebenslustige, sorgenlose, sprühende Jugend gern ihren Tribut zollt, für geschmiedet, die verwegensten Scherze ersonnen werden. Warum sollten

Domino.

der irgend ein Symbol versinnbild­lichenden Gestalten. Was die Toi- lettensrage dieser Zeit betrifft, so kann eigentlich von Fragen und Be- denken im gewöhnlichen Sinne doch keine Rede sein, da hier die Fantasie ohne Grenzen walten kann. Wurde bei den konventionellen Balltoiletten der größte Wert auf kostbare Stoffe, zarte Farben derselben und gewählte Arrangements gelegt, so fallen hier diese Gesetze gänzlich fort, und nur Originalität, launische Einfälle, fröh­liche Scherze suchen sich bei der An­ordnung dieser Toiletten zu über­treffen, oft auch ohne Rücksicht auf Stoff, Farbe und Arrangement. Je origineller geschickte Hände eine solche Toilette verfertigen, um so besser gefällt sie; allerdings muß auch die eigentümlichste eine bestimmte Idee verwirklichen, um nicht statt originell, lächerlich zu erscheinen. Die National­trachten der meisten Nationen er­scheinen fast in jedem Jahre wieder aus der Bildfläche, ebenso die histori­schen Trachten, und die, welche ein Symbol verkörpern; desgleichen die schon erwähntenwandelnden Blu­

men" aller Arten. Als in dieser Saison wahrscheinlich besonders gewählte Nationaltrachten werden wir sicher die durch die Staats- und Wissenschaftsereignisse in den Vorder­grund getretenen der Chinesen, Eskimos, und Egypter zu Gesicht be­kommen. Die Nationaltrachten der Chinesen lassen jedenfalls, was

Blumenkörbchen, als ausgeschnittene Taille

Mannigfaltigkeit der Farben, Zusammenstellung und Anordnung der Stoffe betrifft, nichts zu wünschen übrig und können hier, vereinigt mit künstlerischem Geschmack, wirk­lich pikante Kostüme geschaffen werden. Die verschiedenen Nationaltrachten überhaupt sind stets sehr beliebteKostüme und empfehlen wir daher die uns am hübschesten erscheinen­den der Griechen, Schweden, Russen, Holländer; die anmu­tigen Trachten der Berg- und Alpenbewohnerinnen. Dann werden in den letzten Jahren noch bevorzugt die als ein- zelneBlüten erscheinenden duf­tigen Toiletten der belieb­testen Pflanzen. Solche von bestimmter, nicht zu winziger Form eignen sich für diese reizenden Toiletten sehr, und denke ich zuerst an die Rose, die allerdings jetzt, nach fran­zösischen Berichten ihre Herr­schaft alsKönigin der Blumen", der geruchlosen Kamelie abgeben soll. Ferner lassen sich für diese Zwecke verkörpern die Schwert­lilie, Lotosblume, Sonnen­rose, Stiefmütterchen, Schnee­glöckchen, Springauf, Mar­

guerite und Mohnblume. Für

eine besonders zierliche Figur empfehlen wir ein Toilette gedacht und zwar so, daß die natürlich

Harlekinette.

durch ein Bandgeflecht, das Körbchen dar­stellend und der fußfreie Rock mit Bouquetts aller Blumenarten und Bändern behängt wird. Diese letztgenannten Blumentoiletten eignen sich, ihrem Charakter entsprechend, vorwiegend für leichte graziöse Figuren, auch Kinder, die durch ihre Erscheinung den Reiz des Blumenhaften noch erhöhen. Eine wichtige Rolle bei einem Masken­balle spielen natürlich auch diejenigen Toiletten, die in althergebrachter Weise bei jeder derartigen Belustigung vertreten sind. Wir rufen ins Gedächtnis zurück den stets so beliebten Dominoanzug, die reizenden Schmetterlingstoiletten, die ver­körperten Reklame - Spieltoiletten. Die der vier Elemente, Wasser, Feuer, Erde, Lust lassen sich ebenfalls nach beliebiger Auf­fassung vortrefflich verkörpern, desgleichen die allegorische Gestalt der Nacht. Ferner eignen sich vorzüglich für Fastnacht auf das Postwesen sich beziehende Toiletten. Und nun zuguterletzt die kühnsten Schöpfungen

dieser Art, die unbedingt dem Charakter Marguerite der Faschingszeit entsprechen und somit dem

Prinzen Karneval die Krone aufsetzen; es sind die der männlichen und weiblichen Gigerl, der Harlekinette; die an den Anzug eines Clowns erinnernden grell zweifarbigen Kostüme der Pierette, bei deren Anblick man das Schellengeläute des Karnevalstrubels zu vernehmen glaubt.

Ein recht fescher Anzug für Kostümfeste läßt sich Herstellen, indem man als Motiv irgend welche pikante Genüsse wählt, und zu charakteri­sieren sucht, wie z. B. Champagner und Austern, womit man namentlich der Herrenwelt als sehrgeschmackvolle" Figur erscheinen wird.

Redaktion: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen-