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Schloß hinauf fuhren, von Baum zu Baum, und zahlreiche Hände befestigten farbige Lampions. Vom Turm wehte die große Fahne, und wie in einem Bienenkorb wimmelte und summte es in den unteren Wirtschaftsräumen.
Die Welt war durch interessante Nachrichten überrascht worden. Der ältere Neffe, der nächste Erbe am Majorat, dessen sich die benachbarten Familien sehr wohl erinnerten, den man aber lange tot geglaubt hatte, war wieder aufgetaucht und führte nun die liebenswürdige Komtesse zur Lippe heim. Die Ursachen, warum jener hübsche, flotte Offizier damals so Plötzlich seinen Abschied nahm und von der Bildfläche verschwand, waren nie aufgeklärt worden. Man munkelte allerlei, nahm ein schweres Zerwürfnis zwischen dem strengen Oheim und dem leichtlebigen jungen Herrn an, das ein paar Jahre der Entfernung ausgleichen sollte; in seinem Regiment war, wie man wußte, nichts vorgefallen, er war der beliebteste Kamerad gewesen, und als es hieß, er sei tot und kehre nie wieder, bedauerte man das in seinen Kreisen mit aufrichtiger Teilnahme.
Baron Jobst war schon damals ein so unzugänglicher Herr, daß man sich nie an ihn mit einer direkten Frage wandte, und so blieb die Todesnachricht ein unbestätigtes Gerücht, das im Laufe der Jahre nirgend mehr angezweifelt wurde.
Jetzt lebte dieser Hans von Trott, und der stattliche, gereifte Mann fand überall die wärmste Aufnahme.
Morgen feierte er sein Hochzeitsfest, das der Onkel ihm und seinem Mündel mit allem Pomp und Zeremoniell, wie es seiner Stellung in der Gesellschaft zukam, ausrichtcte. Die ganze Aristokratie der Umgegend, alle entfernten Verwandten und Freunde der Häuser Trott und zur Lippe vereinigten sich heute in den großen, so lange verhangen gebliebenen Festsälen und bildeten eine glänzende Gesellschaft.
Aber nicht nur sie, die Träger hoher Namen und Aemter beteiligten sich an der Feier, alles jubelte auf der Herrschaft. Vom ersten bis zum letzten Beamten und niedrigsten Arbeiter hinab kannten und liebten sie den Bräutigam, den künftigen Herrn, und die Stunde, als Baron Jobst den Wiedergekehrten seinen Untergebenen vorstellte, bildete eine denkwürdige, unvergeßliche Erinnerung in seinem Leben. Der brausende Jubel, das nicht enden wollende.Hurrah, das losbrach, bewies, daß diese Leute ihre Sympathien hatten und begeisterungsfähig waren.
Und als Hans durch ihre Reihen schritt, einzelnen die Hände schüttelte, die meisten beim Namen kannte, und jedes Wort von ihm ein Aufleuchten, ein Freudenschein in den Mienen hervorrief, da schüttelte der alte Herr für sich den Kopf.
Der würde anders regieren dereinst als er. Die Zeit war eine andere geworden inmittelst, er mit seinem harten Kops fand sich in die neue nicht mehr hinein. Sein Prinzip war gewesen, nie persönlich mit seinen Arbeitern zu verkehren. Sie wußten und erfuhren, daß er ihr Wohl und Wehe erwog, aber es war besser nach seiner Ansicht, wenn ihre Wünsche und Forderungen erst gesiebt und gesicht wurden in den verschiedenen Instanzen, ehe sie vor ihn gelangten.
Dieser stellte sich fast als Bruder zu ihnen und getraute sich doch, sie mit fester Hand zu regieren. Mochte es ihm gelingen, er traute es ihm ja selber zu. Baron Jobst und sein Neffe Hans hatten manche Unterredung gepflogen über den Punkt, und dieser Jubel, diese jauchzende Volksstimme, die ihm da entgegenbrauste, gab Hans einstweilen recht.
Gräfin Hertha war die glückseligste Braut, die man lange gesehen, sie war schön geworden unter dem Verklärungsschimmer, den die Liebe über sie breitete.
Am auffallendsten war die Veränderung, welche mit dem alten Herrn, dem Einsiedler auf Trautdorf, vorgegangen war. Seine gefurchten Züge hatten sich geglättet, sein Auge blickte so freundlich, wie man es nie an ihm kannte,- ja, es fiel wohl gar hin und wieder ein Scherzwort von seinen Lippen, und der große Trubel schien ihm nicht zu viel zu werden.
Unter den Gästen erörterte man in kleinen Gruppen die jüngsten großen Famtlienereignisse dieses Hauses. Diese Partie seines ältesten Neffen mit seinem Mündel war sehr nach des alten Herrn Wunsch, weniger die des zweiten Neffen, der so lange für seinen Erben gegolten hatte. Baron Albert war, von schwerer Krankheit genesen, zu seiner Erholung nach dem Süden gegangen, hatte, da seine Gesundheit geschwächt und großen Strapazen nicht mehr gewachsen war, nach ärztlichem Ausspruch seinen Abschied genommen und kehrte jetzt auch mit einer jungen Frau heim.
In aller Stille hatte er sich mit der berühmten Geigenspielerin Fräulein Villanh trauen lassen, ob mit oder ohne des Onkels Zustimmung, das wußte man nicht.
Jedenfalls aber mußte jetzt Baron Jobst sich in die Thatsache gefunden haben, denn das junge Paar wurde zu der Hochzeit erwartet.
Als die Gäste in ihren Gemächern weilten, um sich zur Polterabendfeier zu schmücken, rollte der Wagen, der sie brachte, vor das Portal. Albert sah noch blaß und schmächtig aus, aber glücklich und zufrieden. Hans, der wenig Zeit zu seiner Toilette brauchte, empfing sie in der Halle und umarmte herzlich Bruder und Schwägerin.
„Ihr habt Euch wohl mit Absicht diese Zeit ausgewählt," sagte er lachend, „um ohne Sang und Klang Euren Einzug zu halten. Der Alte erwartet Euch übrigens oben in seinem Zimmer, um Euch vor dem großem Tamtam zu begrüßen. Wie siehst Du denn aus, mein Junge?" er wendete Albert dem Licht zu, „nun, sie wird Dich schon wieder hoch bringen — ich fand es vernünftig, daß Ihr es machtet, wie Ihr gethan, Euch da in Mathildens Heimat still zusammengeben ließet, wo eine Mutter Euch noch den Segen sprechen konnte, und die Welt im übrigen ausschlosset. Uns wird es nicht so gut, aber Hertha schwimmt ja in dem Strom, wie der Fisch in seinem Element, und der Alte wollte es so. Ich mußte mich fügen und denke, es geht vorüber."
„Ja, wie der Alte es will, dem müssen wir uns fügen," sagte Albert, „uns hat ja sein Segen zu unserer Verbindung nicht gefehlt. Aber ihm war es auch recht so, wie wir es gemacht, und als Mathilde einwilligte und mich Invaliden nicht allein ziehen lassen wollte" — er blickte ihr dankbar glücklich in die Augen, während sie alle drei die Treppe hinanstiegen.
„Er brauchte mich," ergänzte Mathilde seine stockende Rede, „und Ihr hattet hier mit Euch selbst zu thun. Aber wie schön ist es geworden," sie hielt auf dem ersten Treppenabsatz inne und musterte die geschmackvoll dekorierte Halle. „Die Räume atmen einen ganz andern Geist."
„Der ist auch eingezogen," rief Hans lebhaft. „Zwei Heimatlose haben fortan ihre Heimat gefunden, Hertha hatte sie trotz des Onkels gutem Willen bis heute hier auch nicht, sie war und blieb ein Gast. Nun sollen Leben und Freude hier einziehen, und ihr — auch Euch, denke ich, bleibt es ein Vaterhaus, in dem Ihr Euch zu jeder Zeit willkommen fühlt. Der Onkel spricht stets mit großer Wertschätzung von Dir, Mathilde, und Du, Albert — wird es Dir schwer, die alten Rechte aufzugeben?"
„Rechte? Hatte ich je in Wirklichkeit welche?" entgegnete Albert. „Nein, beruhige Dich, ich bin vollauf zufrieden so. Wir wollen einstweilen noch draußen bleiben, ein Stück Welt sehen, früher war das mein heißer Wunsch, jetzt wird er erfüllt. Der Alte schrieb mir —"
-Ja, ja, ich weiß, leer ausgehen sollst Du nicht — ihre seid reiche, unabhängige Menschen, und später suchst Du Dir irgend eine Thätigkeit- wird sich schon finden. Aber nun lasse ich Euch, damit Ihr Eure Audienz beim Alten beendet und nachher noch rasch Toilette machen könnt. Es wird hohe Zeit."
Baron Jobst empfing die Jungvermählten, umarmte den Neffen und küßte die junge Frau auf die Stirn. Er hatte sie nicht wiedergesehen, seit sie von hier Abschied genommen und ihm für die auf Trautdorf genossene Gast-


