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Schon von jeher wählte der biedere Deutsche besonders gern die wohlschmeckende Gans zum herbstlichen Festbraten, besonders für die Kirmes-, Michaelis- und Martinsfeier. Was hat aber die berühmte „Wächterin des Kapitols" mit dem heiligen Martin zu thun, mit jenem frommen Bischof von Tours, der im Jahre 400 starb? Die verschwenderische Sage, alles mit ihrem weiten Schleier verhüllend, will auch in diesem Falle nicht ruhen. Sie erzählt nämlich, daß St. Martin, als er seine Wahl zum Seelenhirten erfahren habe, aus angeborener Schen und Menschenfurcht in einen Gänsestall geflüchtet sei, wo ihn aber bald das auffällige Schnattern der geflügelten Insassen verraten habe. Aus diesem Grunde hätte nun die letztwillige Verfügung des Heiligen ein unerbittliches Todesurteil über die Gänse aufgewiesen, die besonders am Tage St. Martins in Menge ihr Leben lassen müßten. Diese Erzählung, der man sofort den echten Fabelcharakter ansieht, scheint eben zur Erklärung des rätselhaften Zusammenhangs von Schein und Wirklichkeit erfunden worden zu fein. Die alten Beschreiber des Lebenslaufes von „Martin von Tours" wußten sehr wohl, weshalb sie des feisten Fiedergeschöpfs in ihren sonst so wortreichen Ergüssen nicht erwähnten; die Gans war eben ein heidnisches Tier, welches im altgermanischen Kultus eine gewisse Rolle spielte und nicht gut in's Heiligenleben paßte.
St. Martinus war eben nur christlicher Ersatzmann für den in den Bekehrungszeiten verabschiedeten Heidengott Wodan, der als machtvoller Schöpfer und Erhalter von Himmel und Erde zugleich für den germanischen Erntegott angesehen wurde. Eine ansehnliche Reihe von Aehnlich- keiten zwischen beiden ließen sich hier namhaft machen, wenn diese Auseinandersetzung nicht zu weit führen würde. Als man aber in den Jugendzeiten des germanischen Christentums auch die herbstlichen Erntefeste der Heiden weiterfeierte, die man ehemals zu Ehren Wodans beging, so mußte auch die beliebte Gans beibehalten werden, welche jene Feierlichkeit mit ihrem geopferten Leibe zu verherrlichen hatte. So kommt es denn auch, daß gerade zu Kirmes, Michaelis und Martini der saftige Gänsebraten eine erste Rolle spielt, denn auf diese Tage sind merkliche Züge altgermanischer Festlichkeiten mit übertragen worden. Um diese Zeit war die kulinarische Zurichtung der Gänse auch am vorteilhaftesten,
„Weil sie alsdann recht flück' im vollen Fleische stehn, Auch von der Weide ab und in die Ställe gehn,"
wie der biedere, kaiserlich gekrönte Poet und Pfarrer von Efelder und Mescherich, Büttner, fang. Jedenfalls gedachte er dabei der alten Priamel, welche lautet:
„Iß genß Martini, wurst in feste Nicolai, Iß Blasii lern per (Hasen) Hering oculi mei semper etc."
Wenn man bedenkt, daß auch der zu Martini bereits gefaßte Wein gut mundet, so ist es erklärlich, wenn man in den seligen Mönchszeiten sang:
„Bruder Urban, gebt uns vinnm I Die Gans, die will begossen sein, Sie will schwimmen und baden, ja baden!"
Litterarisches.
Deutsch« Rundschau für Geographie und Diaiistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner heransgegeben von Prof. Dr. Fr. Um lauft. XXIX. Jahrgang 1899/1900. (A. Hart- leben's Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte zu je 85 Pfg. Vorauszahlung einschl. Zustellungsgebühr 10 Mk.) Die „Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik" ist die vielseitigste unter allen geographischen Zeitschristen, woraus sich ihre weite Verbreitung erklärt. Indem sie alle Zweige der Erdkunde in gleichem Maße pflegt, bietet sie jedem Leser etwas Interessantes. Gediegene Aussätze von hervorragenden Fachmännern und Reisenden über Länder- und Völkerkunde, Beiträge aus den Gebieten der Astronomie und Statistik, Biographien zeitgenössischer Geographen und Forschungsreisender, zahlreiche Mitteilungen über geographische Vorgänge ans dem ganzen Erdenrund bilden ihren Inhalt. So gestaltet sie sich zu einem internationalen Organ der
Geographie, welches den Leser in allen geographischen Dingen stets all dem Laufenden hält. Richt zn unterschätzen ist auch oie Beigabe vorzüglicher Illustrationen. Die Reichhaltigkeit dieser Zeitschrift macht jetzt wieder der Inhalt des eben erschienenen zweiten Heftes vom XXII. Jahrgauge ersichtlich: In mexikanischen Gauen. Von Heinrich Lemke in Mexico. (Mit 3 Abb.s — Die Handelsflotten der Welt im Jahre 1899. Bon Dr. Emil Jung. — Eine Fahrt nach St. Kilda. Von A. v. Griesheim in Wernigerode. (Schluß.) (Mit 2 Abb.) — Opiumrauchen in China. Bon E. M. Köhler in Leipzig. — Deutsch- Südwest-Afrika. Wanderungen in der deutschen Kolonie von Kurt Dinier in Salem, Damaraland. (Fortsetzung) (mit 2 Abb.) — Astronomische und physikalische Geographie. Die Helligkeit von Nebelflecken und Sternhaufen. — Politische Geographie und Statistik. Die zweite Volkszählung in Argentinien. — Berühmte Geographen, Naturforscher und Reisende. Heinrich Hartl. (Mit einem Porträt.) — Kleine Mitteilungen aus allen Erdteilen. — Geographische und verwandte Vereine. — Vom Büchertisch. — Wir können die „Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik" jedermann aufs beste empfehlen.
Illustriertes Ko»versations-Lexikon der Fra«. Verlag von Martin Oldenbourg in Berlin. Vollständig in 40 Lieferungen ä 50 Pfg. oder in zwei eleganten Leinenbänden ä Mk. 12.50, sowie in zwei vornehmen Halbfranzbänden a Mk. 14,00. —Von diesem prächtigen Lexikon, das als ein treuer Freund und Berater der aufgeklärten Frauenwelt eine Zierde für jede Frauenbibliothek ist, sind soeben die Lieferungen 15 bis 18 erschienen. Bon den vielerlei Artikeln, die in ihrer Art unübertrefflich bearbeitet sind, mögen hier nur die über Hals- und Hautkrankheiten, über die verschiedenen Haar- und Huttrachteu, die über Handelsfrau, Handelsschule, Handlungsgehilfinnen, sowie über Kinderernährung, Kindererziehung, Kinderkleidung und Kinderkrankheiten namentliche Erwähnung finden, um wiederum zu zeigen, wie außerordentlich vielseitig und reichhaltig der Inhalt ist, und wie sehr gerade den praktischen Bedürfnissen sowohl der erwerbstätigen Fran als auch der Frau im Hause Rechnung getragen wird. Ein ganz besonderer Vorzug dieses Frauen - Hausbuches ist auch der Reichtum an farbigen und schwarzen Tafeln und an Textillustrationen, die, in verständiger Auswahl und vorzüglicher Ausführung, dem Buche überall da beigegeben sind, wo das Wort einer Erläuterung durch bildliche Darstellung bedarf. Wir sehen mit Spannung dem Erscheinen der ferneren Lieferungen dieses höchst zeitgemäßen und interessanten Unternehmens entgegen und machen unsere verehrten Leserinnen heute schon darauf aufmerksam, daß lt. Mitteilung der Verlagsbuchhandlung soeben auch schon der erste Band erschienen ist, während der zweite (Schluß-) Band bestimmt noch vor Weihnachten zur Ausgabe gelangen wird. Das „Illustrierte Konversations-Lexikon der Frau" dürfte daher als Gescheukwerk für die gesamte Frauenwelt für die diesjährigen Weihnachten ganz besonders in Betracht kommen, und wir können es als solches nur empfehlen.
Humoristisches.
Im Gerichtssaak. Verteidiger: „Um den Beweis zu führeil, daß mein Klient vollkommen unschuldig ist, bedarf es keiner tiefen Gelehrsamkeit, sondern nur eines Grans gesunden Menschenverstandes." — Richter: „Innerhalb welcher Frist können Sie dieses fehlende Beweismittel beibringen?"
Bleibe im Lande. Agent: „Wollen Sie nicht auch nach Südwestafrika, wohin neulich wieder zwölf Dienstmädchen gereist sind?" — Dienstmädchen: „Nein, ich ziehe Südwest-Berlin mit der Dragonerkaserne vor."
Gegenbeweis. „Sie, Herr Wirt, ich glaube, das Pärchen drüben befindet sich auf der Hochzeitsreise." — „Da irrcn's, Herr Huber, die haben vorhin über's Essen geschimpft!"
Heimgeleuchtei. Ein Fischer und ein Jäger, welche nicht gut auf einander zu sprechen sind, begegnen sich auf der Dorfstraße. Jäger: „Hast Du was gefangen?" — Fischer (mürrisch): „Nein." — Jäger: „Sind die Fische spazieren gegangen?" — Fischer: „Ja, mit den Hasen, die Du gefehlt hast!" (Deutscher Tierfreund.)
Nameurätsel.
(Nachdruck verboten.)
Adelheid — Alwine — Hedwig — Else — Hildegard — Selma.
Die vorstehenden Mädchennamen sollen derart geordnet werden, daß der erste Buchstabe des ersten Namens, der zweite des zweiten, der dritte des dritten u. s. w. wiederum einen Mädchennamen ergeben.
Auflösung folgt in nächster Nummer.
Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: R
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Rebaltien: L. Burkhardt. — »ruck und Verlag der Lrühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Lrben) in Gießen.


