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»kühne That" wurde alljährlich am bestimmten Tage au' dem römischen Kapitolinin eine Gans mit großer Pracht öffentlich in einer Sänfte umhergetragen, während sich ein Hund in unmittelbarer Nähe an's Kreuz schlagen lassen mußte, weil sein Geschlecht in der kritischen Nacht des feindlichen Einbruchs seiner sprichwörtlichen Wachsamkeit keine Ehre gemacht hatte.
Kein Wunder nun, wenn wir uns hier erlauben, als Anwalt jenes geschmähten Hausvogels das Wort zu ergreifen, damit seine Verdienste um die Menschheit die gebührende Würdigung erfahren. Wenn ihr feister Leib schön gebräunt und knusperig als Braten auf der Speisetafel erscheint, so wird sie mit einem allgemeinen freudigen „Ah!" empfangen und mit besonderer Genugthuung genossen. Darum konnte es auch wohl in einem alten Lobgedicht auf sie heißen:
„Ich bin ein Ganß, seht mich recht an, Mein Tugend weiß nit jedermann; Wer mich veracht und kennt mich nicht, Der nem aus diesem Buch bericht . . . Man sieht »langen vor albern an, Weiß nicht, was er inwendig kan!"
Das Festgericht des Martinstages besteht nun bekanntlich in der Gans, welche sowohl in natura gebraten, als auch in Kuchenteig gebacken, zur Verherrlichung des Festes ausersehen ist: — der Gänsebraten bildet gewissermaßen den Höhepunkt des Festes. Ehemals nannte man in Niedersachsen, sowie aus dem Eichsfelde und in der Stadt Erfurt das feierliche Einlüuten des Martinstages (am Vorabende) geradezu „der Gans Läuten", und man Hütte beim Beginn desselben den Günsen zlirufen können wie jener Ritter der Agnes Bernauer: „Diese Glocke läutet Euch kein gutes Zeichen!" Gänsebraten begegnen uns bei Fast- nachts-, Michaelis- und Kirmesfeierlichkeiten, und der Brauch des Gansessens am Martinstage erstreckt sich heute fast noch über das ganze germanische Europa, über Deutschland, Dänemark, England, Skandinavien und teilweise über Frankreich.
Wie steht es nun mit Alter und Herkunft dieser weitverbreiteten Sitte? Schon in den ältesten Jahrbüchern findet man den heiligen Martinus oder den nach ihm benannten Tag (11. November) durch eine Gans abgebildet; ja, bereits in den altgermanischen Runenkalendern bezeichnet sie den Martinstag, ebenso wie sie auch in den Tiroler Bauernkalendern die Angabe „Martini" vertritt. Im 12. Jahrhundert hören wir von einem edlen Herrn, Othel- ricus von Swalenberg, daß er anno 1171 der Abtei Corvey am Martinstage eine silberne Gans verehrte, und in derselben Zeit setzten die Baumeister der Martinikirche zu Worms den feisten Vogel auf das Dach ihres neu erbauten Gotteshauses. Doch es sind noch deutlichere Zeichen aus alten Tagen vorhanden, wenn sie auch nur andeutungsweise des Gänsebratens vom 11. November Erwähnung thun. Als die deutschen Kreuzfahrer im Jahre 1179 vor Joppe in Palästina lagen, hielten sie, ungeachtet der Sarazenen, welche sie umzingelt hatten, ihren solennen Martinsschmaus, wie sie es „von Jugend an" daheim gewohnt waren. Anstatt nun die erforderliche Wache zu halten, verschliefen sie ihren Rausch. Währenddessen öffnete ein verräterischer Syrer den muhammedanischen Feinden das Thor, sodaß diese in Hellen Haufen eindrangen, die schlafenden Deutschen niedeymetzelten und die Stadt schleiften. — Bereits zu mittelalterlichen Zeiten spielte beim martinsfestlichen Gänsebraten das eigenartig geformte „Brustbein" eine wichtige Rolle, indem man — wie hier und da heute noch — die bevorstehende Winterwitterung aus seiner zufälligen Färbung vorausbestimmte. So erzählt schon Doktor Hartlieb, Leibarzt des Herzogs Albrecht von Bayern, in seinem „Buch aller verbotenen Kunst, Unglaubens und Zauberei", welches er 1455 an den Markgraf Johann von Brandenburg richtete, im 121. Kapitel folgendes: „Als man zu St. Martins
tag die Gans gegessen hat, so behalten die Aeltesten und die Weisen das Brustbein und lassen das trocken werden bis morgens früh und schauen dann das nach allen Umständen, vorn, hinten und in der Mitte. Darnach so urteilen sie dann den Winter, wie er soll werden, kalt, warm, trocken oder naß, und sind so fest des Glaubens, daß sie darauf verwetten ihr Gut oder Habe. Sie haben darauf ein besonders Los, das nicht fehlen soll noch mag, als sie sagen von dem Schnee, ob der groß werden soll oder klein, das alles kann das Gansbein. Vor Zeiten gingen die alten Bauern auf den Einöden damit um, nun ist der Unglaube gewachsen in Königen, Fürsten und dem ganzen Adel, die an solch Sach glauben."
So ganz unrecht hatte der gute Mann mit feiner letzten Behauptung nicht, denn der deutsche Ritterorden in Preußen unternahm in demselben Jahre 1455 feinen Feldzug nach jener, vom Brustbein der gebratenen Martins- gans angekündigten Witterungsbestimmung. Es scheint diese Sitte eben weit verbreitet gewesen zu sein, denn auch Joh. Colerus schreibt in seinem, 1591 zu Wittenberg erschienenen „Calendarium oeconomicum“: „Am St. Martinsabend schlachten die Bauern eine Gans, lassen den Rumpf braten und essen ihn ab. Am Brustknochen können sie sehen, ob ein linder oder harter Winter sein soll, und wie lange es hinaus schneien und kalt werden soll." In Ettners „ungewisser Apotheke" heißt es von jenen Knochen: „Sind dieselben rot, so urteilen sie eine anhaltende Külte, sind sie aber weiß, klar und durchsichtig, so werde das Wetter im Winter erleidlich sein." Natürlich waren es nur abergläubische Naturen, welche diesem knöchernen Wetterpropheten trauten, gesetztere Charaktere werden dem trügerischen Körperteile nicht allzuviel Gewicht beigelegt haben. ' In der „Martinsgans" des Joh. Olorinus Viscus vom Jahre 1609 heißt es: „Ihr guten alten Mütterlein, ich verehre Euch das Brustbein, daß Ihr kalendermäßig daraus wahrsagen lernet und Wetterpropheten werdet. Der vorderste Teil beim Hals bedeutet den Vorwinter, der hintere Teil den Nachwinter; das Weiße bedeutet Schnee und gelindes Wetter, das andere große Kälte."
Im späteren Mittelalter scheint das feierliche Vertilgen der Martinsgans ein ganz allgemeiner Brauch gewesen zu sein, denn noch Sebastian Franck schreibt in seinem origi- netten „Weltbuch" (1564): „St. Martin da isset ein jeder Hausvater mit seinem Gesinde eine Gans, vermag er's, so kauft er ihnen Wein und Meth, und loben St. Martin mit voll sein, essen, trincken, fingen etc." Auch Heinrich Panthaleon aus Basel (1522 bis 1595) berichtet in der Deutschen Nation Heldenbuch: „Die Leute pflegen zum Gedächtnis St. Martini in Deutschland mit fröhlichem Gemüt St. Martensnacht zu feiern, die Martensgans zu essen und mit Nachbarn und dem Hausgesinde fröhlich zu seyu, gleich wenn aller Dinge Ueberfluß mit St. Martino, der Armen Patron, vorhanden sei." Aus einer alten Predigt, 1597 von einem bairischen Geistlichen veröffentlicht, geht hervor, daß die gansvertilgende Schmaussitte zu „Martini" in allen Gesellschaftsklassen beliebt gewesen zu sein scheint, denn der moralisierende Verfasser konnte sich mit folgenden Worten dagegen ereifern: „So auch ein Gans ein verächtlicher und närrischer Vogel ist, daß ein jeglicher, dessen man spotten will, für ein Gans oder Ganß- vater gehalten wird, möchten nit unbillig ihr viel groß wunder darob nehmen, woher es doch kommen, daß fast in der ganzen Christenheit die Martins Gans bey grossen vnd kleinen, Jungen und Alten, Reichen und Armen, so gar über die Massen in ehren gehalten wird, das männiglich von derselbigen gern thut hören fingen und sagen, noch viel lieber essen, und wissen doch nit, woher es kombt oder warumb es geschieht."
Nun, über den Ursprung des heute noch üblichen Brauches sind auch wir nicht klar, obgleich einschlägige Vermutungen der Sache auf den Grund zu gehen fcheinen.


