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mit harten Worten. Und nun lag sie, die so viel Jammer gebracht und erduldet, im Grabe, und er konnte sie nicht mehr rufen, aber sie, sie wartete auf ihn da oben und war wohl angenommen, und er?
Renata hatte den Kopf an den Bettrand gelegt, und da fühlte sie Plötzlich eine zitternde Hand darauf. „Vater, vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigem," klang die Stimme des Sterbenden durch das heilig stille Gemach, „Gott segne Dich, Du armes Kind, werde glücklicher, wie Deine Mutter und -- Dein Vater."
XX.
Der müde Pilger war heimgegangen noch in jener Nacht, die dem denkwürdigen Tag folgte. Ein tiefer Friede lag auf dem edlen Greisenantlitze und zeugte davon, daß er in allem endlich überwunden hatte.
Stille und öde standen die Gemächer, wo er gewohnt, die seine Not, seinen Kampf, seinen Steg gesehen, sie schienen geweiht für alle Zeit und blieben verschlossen.
Renata war in den Tagen vor und nach dem Begräbns des alten Herrn viel bet „Tante Charlotte", wie sie sie jetzt nannte, gewesen, hatten sie sich doch noch so viel zu sagen und zu erzählen. Renata wurde nicht müde, von ihrer Mutter Kindheit und Jugendzeit zu hören, und Charlotte ließ sich wehmütig die stille, traurige Frau schildern, den Schatten ihrer strahlenden Helene.
„Ich habe sie lieb behalten und den Glauben an sie bewahrt auch in und nach jener dunklen Zeit/ sie war irregeleitet und das war leicht möglich bei ihrem lenkbaren Charakter,- ich wußte, daß sie nicht glücklich sein konnte, weil ich ihr Herz kannte," sagte sie.
„Einen Brief hat sie mir vielleicht ein halbes Jahr nach ihrer Verheiratung geschrieben, er war eigentümlich unklar, und wie es schien, wußte sie damals noch nichts von Werners traurigem Tode."
„Ueber die Zeit auf dem Gute des Onkels hat sie nie gesprochen und auch in jenem Briefe nichts geschrieben. Ich kann sagen, das eine schmerzt mich doch, daß sie Dir nie von mir erzählt, daß sie keine Worte mehr für mich hatte, und sie war doch gewiß, daß mein Herz sie nie vergessen."
„Ungefähr im dritten Jahre nach ihrer Verheiratung kam ein Brief von ihr an meinen Vater."
„Es sprach sich ein tiefer Kummer, ein große Herzensnot und Gewissensangst darin aus, sie schien Werners Schicksal jetzt erst erfahren haben. Mein Vater war hart, er hatte damals seine finstersten Stunden. Sie that mir unbeschreiblich leid, und ich antwortete ihr und bat sie, zu kommen. Der Brief kam als unbestellbar zurück,- ob sie den Ort damals verlassen, weiß ich nicht. Es hat dann jede Verbindung aufgehört."
Charlotte ruhte nicht eher, als bis Renata ganz zu ihr übersiedelte. „Du bist mein Kind und ich lasse Dich nicht in die Welt hinaus," sagte sie.
Sie selbst sprach mit den Nolteschen Damen und klärte sie über ihr Verhältnis zu Renaten, in der sie die Tochter ihrer teuersten Jugendfreundin gefunden, soweit es nötig war, auf, und sie waren gutherzig genug, Renaten, die sie wirklich lieb gewonnen, diese freundliche, sichere Heimat von Herzen zu gönnen.
Renaten war wie es ein Traum, alles, alles fand sie wieder, was ihre Mutter einst verlassen und verloren.
Und wieder stand sie vor dem alten lieben Schranke, am nächsten Tage sollte sie einziehen in den alten Gylfenhof, und dieser Schrank, den Charlotte einst mit noch anderen Sachen Helenen nachgeschickt, er mußte den ersten Platz dort wieder einnehmen.
Die Frage stieg in ihr auf, ob sich nicht doch ein Wort ihrer Mutter für 'die treue Pflegeschwester finde. Zwar war ihr auch das mittelste Fache leer erschienen, aber sie wollte es doch noch einmal untersuchen.
Das Tageslicht konnte nicht hineinfallen, so zündete sie
ein Licht an, und mit dessen Hilfe entdeckte sie, daß die Hinterwand verschiebbar war, und auö dem Spalte schimmerte es ihr weiß entgegen. Mit hastiger Hand verschob sie diese Wand, und bald lag ein Päckchen vor ihr, das sie zitternd vor Erregung aus einander faltete.
Es waren einige alte Briefe an ihren Vater, den Herrn von Gylfen, von Personen, die längst verschollen waren, und dann von Charlottens Hand jener Brief, der die Antwort auf den ersten war, den Helene ihr als Frau geschrieben.
Aber da kam das, was sie gesucht, ein versiegelter Brief mit der Aufschrift: „Meiner Renata."
Nachdem sie den Umschlag entfernt, fielen ihr zwei Briefe entgegen, der eine an sie selbst, der andere an: „Charlotte Falkner in L."
Der Brief an Renata enthielt nur wenige Worte:
„Mein liebes, ältestes Kind, wohl hoffe ich, daß ich Dir noch sagen kann, was ich muß, aber mein Ende kann schnell kommen, und Du sollst nicht in die Welt hinaus gehen, ohne zu wissen, was unser Leben bedrückt hat. Ich weiß, Du hast stille mitgetragen Dein junges Lebens hindurch, wenn Du auch nicht gewußt, was meinen Lebensmut gebrochen/ doch einmal mußt Du es erfahren, aber es wird mir so schwer, so schwer.
Es gibt noch jemand in der Welt, der mich lieb behalten, und zu ihr, meiner treuen Charlotte, will ich Dich senden. Sie soll Dir sagen, warum der Bann auf unserem Leben gelegen, und der barmherzige Gott, der mich nicht hat versinken lassen, er führe Dich und lasse Dich finden, was ich vergebens gesucht.
Ich weiß, Du wirst Deine Eltern doch lieben und ihr Andenken bewahren, auch wenn Du irrende, elende Menschen in ihnen findest.
Gott helfe Dir, mein Kind, und segne Dich und wende es alles gnädig.
Deine
treue Mutter."
Tief bewegt las Renata diese Worte/ o, nun wußte sie, was die sterbende Mutter noch von ihr gewollt, eS war erfüllt, eher und besser, als sie gehofft.
(Fortsetzung folgt.)
Die Martinsgans.
Kulturgeschichtliche Skizze von F. Kunze.
------- (Nachdruck verboten.)
Martin, lieber Herre.
Nun laß uns fröhlich sein Heut zu deiner Ehre Und durch den Willen dein; Die Gans sollst du uns verehren Und auch den kühlen Wein. Gesotten und gebraten, Sie müssen all herein!
Wohl wenige Vögel erfreuen sich einer solchen Beliebtheit und allgemeinen Bekanntschaft — auch eines so ausgeprägten Charakters —, wie gerade die Gans. Bei verschiedenen Völkern des Altertums hatte sie übrigens schon eine größere Bedeutung, als bei uns. So galt sie den klassischen Griechen für einen lieblichen Vogel, dessen Schönheit allgemein bewundert, und der deshalb auch wohl als Geschenk für Knaben, gute Freunde, getreue Nachbarn und dergleichen ausersehen wurde. Zugleich waren die Gänse nach hellenischer Vorstellung wachsame Hüter des Hauses, weshalb denn auch auf dem Grabe der guten Mutter die Traute als verkörpertes Sinnbild ihrer ehemaligen Umsichtigkeit zu sehen war. Zu Rom wurden im Tempel der geliebten Göttill Juno mehrere dieser geflügelten Geschöpfe aus Kosten des Staates unterhalten und mit Ehren überhäuft, weil diese „kapitolinischen Wächter", instinktmäßig mit feiner Witterung begabt, einst die nächtlich einbrechenden Gallier bemerkt und durch ihr auffälliges Geschrei die ganze Stadt gerettet hatten. Zur Erinnerung an jene


